Salzburger “Menschenfeind”: Hip-Hop und Alexandriner-Verse

16.08.2026 • 05:40 Uhr
Salzburger "Menschenfeind": Hip-Hop und Alexandriner-Verse

Es beginnt mit einem feinen Hip-Hop-Konzert und endet mit einer betulichen Predigt für Toleranz und Emanzipation: Der Bogen, den Jette Steckel mit ihrer Neuinszenierung von Molières “Der Menschenfeind” spannt, ist erstaunlich weit. Bei der Festspiel-Premiere dieses über weite Strecken intelligenten und unterhaltsamen Abends, der ab 18. September am koproduzierenden Thalia Theater Hamburg zu sehen ist, gab es am Samstag im Salzburger Landestheater viele Bravos und wenige Buhs.

Steckel, 1982 geborene Berlinerin, die 2009 beim Young Directors Project ihr Festspiel-Debüt gab und ihr jetziges Engagement wohl dem Wirken der jetzigen Intendantin Karin Bergmann als erfolgreiche Schauspiel-Einflüsterin des später geschassten Markus Hinterhäuser verdankt, hatte ein Triptychon aus Musik, Video und Schauspiel versprochen. Am Ende dominierte glücklicherweise doch das Theater und hätte man – Hand aufs Herz! – auf eine rund fünfminütige Light-and-Sound-Show mit Lichtkästchen und Emojis als Zwischenspiel gut verzichten können.

Rap und Alexandriner

Der am linken Bühnenrand positionierte famose Komponist und Live-Musiker Matthias Jakisic hatte auch so viel zu tun. Vor allem Steckels Ansatz, Rap quasi als heutige Weiterführung der klassischen Alexandriner-Verse zu verwenden, erwies sich als so witzig wie passend.

Das Publikum, das nicht nur im Zuschauerraum, sondern auch auf einer auf der Bühne aufgebauten Tribüne Platz nahm, wurde von einem Konzert in Empfang genommen, bei dem mit Textzeilen wie “Kunst ist in der Krise / und der Keller Deine Wiese” oder “Wir wollen eine Welt ohne Routine / Für uns spielt keine Violine” gleich einmal Ansagen gemacht wurden. Die Premierenbesucher wurden zu ein wenig Stehgymnastik animiert, mit dem Song “Check in Check out” ein wenig revolutionäre Partystimmung verbreitet. Das Engagement des Deichkind-Texters Uwe Hartmann hat sich ausgezahlt.

Knallige Outfits

Schon bald nach diesem Auftakt war klar: Das Vorspiel war auch die Intro. Der Sänger erwies sich als Oronte (Ole Lagerpusch), der kurze Zeit später auch in seiner berühmten Bitte um eine ehrliche Beurteilung seine Ballade durch Alceste in den gleichen Rhythmus verfallen sollte. Und sein rosa Rüschen-Outfit war nur der Vorbote zum strengen, knallbunten Kostümkonzept von Pauline Hüners, die die fantasievollen Outfits der Figuren jeweils in genau einer Farbe gefertigt hatte – von grellrot (Éliante) bis knallgelb (Clitandre). Im Verein mit dem leuchtenden Bühnen-Portal von Florian Lösche ergab das eine ziemlich farbenfrohe Aufführung.

Jette Steckel vertraute der Vers-Übersetzung ihres Vaters, des Regisseurs Frank-Patrick Steckel, und das funktionierte auch ohne Hip-Hop-Rhythmus in der Regel gut. Vor allem in den mit geschliffener Sprach-Klinge geführten Duellen: Der schwelgerische Schwulst Orontes war gegen die verletzende Schärfe von André Szymanskis Alceste auf verlorenem Posten (die Kritik am Gedicht landet dann bekanntlich vor Gericht), der in gezischten gegenseitigen “Bitch”-Vorwürfen endende Battle zwischen Maja Schöne als Célimène und Lisa Hagmeister als Arsinoe ein Genuss. Während Cino Djavid als Acaste und Camill Jammal als Clitandre ein wenig an die beiden Vettern des “Jedermann” erinnerten, boten Barbara Nüsse als Philinte und Cathérine Seifert als Éliante schöne, berührende Momente der Wahrhaftigkeit.

Überflüssige Strafpredigt

Die Erkenntnis, dass das 360 Jahre alte Stück mit seinen Themen, in denen es neben Wahrhaftigkeit und Verlogenheit der Kommunikation um die Möglichkeiten der Liebe und des menschlichen Miteinanders geht, noch immer unheimlich aktuell ist, scheint das Team allerdings so überrascht zu haben, dass am Ende Witz und Leichtigkeit verloren gingen. Die Strafpredigt, die der eifersüchtige Alceste von seiner angebeteten Célimène erhält, die von niemandem “besessen” werden, sondern “vom Leben alles” will, wirkt zum Schluss ziemlich moralinsauer. So endet der Abend nach 140 Minuten deutlich schwerfälliger als er begonnen hat. Das ist schade – und lässt sich zumindest für Hamburg wohl noch beheben.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E – “Der Menschenfeind” von Molière, aus dem Französischen von Frank-Patrick Steckel in einer Fassung von Jette Steckel und David Heiligers, Regie: Jette Steckel, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Pauline Hüners, Komposition und Musik: Matthias Jakisic. Mit André Szymanski – Alceste, Barbara Nüsse – Philinte, Ole Lagerpusch – Oronte, Maja Schöne – Célimène, Cathérine Seifert – Éliante, Lisa Hagmeister – Arsinoé, Cino Djavid – Acaste, Camill Jammal – Clitandre. Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Thalia Theater Hamburg im Salzburger Landestheater, Weitere Vorstellungen: 17., 20., 23., 25., 27., 28.8., )