San Sebastian: Sozialdrama gewinnt Goldene Muschel

Das humorvolle Sozialdrama “Tender Loving Care” des britischen Kult-Regisseurs Mike Leigh wurde am Samstagabend beim 74. Internationalen Filmfestival von San Sebastián mit der Goldenen Muschel als bester Festivalbeitrag ausgezeichnet. Im Mittelpunkt des Films stehen die Freundinnen Amy und Rosie, die sich als staatliche Sozialarbeiterinnen vor allem um ältere Menschen und Jugendliche kümmern.
Beide sind tagtäglich mit Menschen konfrontiert, die durch Krankheit, Einsamkeit, familiäre Konflikte oder schwierige soziale Verhältnisse an ihre Grenzen geraten. Gleichzeitig tragen die beiden Frauen ihre eigenen Sorgen und emotionalen Belastungen mit sich herum. Vor allem Amy, deren Vater an Alzheimer erkrankt.
Leigh erzählt die Geschichte dabei nicht als großes Sozialdrama, sondern konzentriert sich eindringlich – und mit typisch britischem Humor – auf die kleinen Begegnungen des Alltags. Es geht um menschliche Nähe, Fürsorge, soziale Verantwortung und die Geste, anderen Menschen das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein. Der Film richtet den Blick dabei aber auch auf eine Gesellschaft, in der öffentliche soziale Dienste zunehmend abgebaut werden.
“Tender Loving Care” dürfte dabei das letzte Werk des bereits 83-jährigen Kult-Regisseurs sein, der mit “Secrets & Lies” die Goldene Palme in Cannes gewann und für “Vera Drake” den Goldenen Löwen in Venedig erhielt. Er leidet an einer Muskelbewegungskrankheit, die ihm das Filmemache erschwere. Der Film werde wohl “mehr als wahrscheinlich mein letzter sein”, so Leigh. Er erhielt zudem die Auszeichnung für das “beste Drehbuch”.
Silberne Muschel für Schauspielleistung ex aequo an Kate O’Flynn und Asta Kamma August
Unterdessen ging die Silberne Muschel für die beste schauspielerische Leistung ex aequo an die britische Schauspielerin Kate O’Flynn für ihre Rolle der Amy aus “Tender Loving Care” und Asta Kamma August aus dem norwegischen Festivalbeitrag “Growth of the Soil”. Für die beste Nebendarstellerleistung wurde der Spanier Javier Cámara aus “5 minutos más” geehrt.
Der Regie-Preis ging heuer an die schwedische Filmemacherin Amanda Kernell für “Brace Your Heart” über eine Rentierzüchterin aus dem Volk der Sami. Den Jury-Sonderpreis erhielt der Chinese Ah Biao für seinen Film “Border”. Mit dem Preis für die “beste Kamera” wurde Oskar Dahlsbakken für den Film “Growth of the Soil” der gleichnamigen Literaturverfilmung des norwegischen Regisseurs Hans Petter Moland ausgezeichnet.
Im mit 50.000 Euro dotierten “New Directors”-Wettbewerb konnte sich die junge deutsche Filmemacherin Naemi Ada mit ihrem Erstlingswerk “Body of Glass” durchsetzen. Der Preis “Horizontes Latinos” für die beste lateinamerikanische Produktion wurde an den argentinischen Festivalbeitrag “La ilusión de un verano sin fin” von Alessandra Sanguinetti vergeben. San Sebastián gilt als Brücke zwischen der europäischen und lateinamerikanischen Filmbranche.
Publikumspreis an “La bola negra”
Der beliebte Publikumspreis ging wie erwartet an “La bola negra” des populären spanischen Regisseur-Duos Javier Calvo und Javier Ambrossi. Das Drama über Homosexualität, gesellschaftliche Repression und Begehren verbindet virtuos die Geschichten von drei Männern über drei Zeitebenen verteilt. Die Geschichte, die 1932, 1937 und 2017 spielt, basiert auf dem gleichnamigen unvollendeten Werk des homosexuellen spanischen Poeten Federico García Lorca, der 1936 im spanischen Bürgerkrieg von den faschistischen Truppen hingerichtet wurde. Spanien nominierte den Film, für den die beiden Filmemacher auf dem Filmfestival von Cannes bereits mit dem Regie-Preis ausgezeichnet wurden, für eine mögliche Teilnahme an der kommenden Oscarvergabe.
San Sebastián gehört neben Cannes, Venedig und Berlin zu den wichtigsten internationalen Filmfestivals. So waren heuer auch wieder zahlreiche Hollywoodstars wie Brad Pitt, Orlando Bloom, Penélope Cruz oder Rami Malek auf dem Roten Teppich vor dem Kursaal der nordspanischen Küstenstadt zu sehen. Die diesjährigen Festivalehrenpreise gingen an den deutschen Kult-Regisseur Werner Herzog und die britisch-australische Schauspielerin Naomi Watts, die für ihre Filmkarrieren mit dem “Premio Donostia” ausgezeichnet wurden.
(Von Manuel Meyer/APA)
( S E R V I C E – )