Täterarbeit als Opferschutzmaßnahme bei Missbrauch

17.09.2026 • 14:33 Uhr

Der unter Missbrauchsverdacht stehende Kabarettist Günther “Gunkl” Paal hat sich am Mittwoch in einem Video zu den Vorwürfen geäußert und dabei auch einen Appell formuliert. Er wolle “alle, die derartige Neigungen in sich verspüren, davor warnen, das mit sich ausmachen zu wollen”, sagte er. Tatsächlich sei Prävention hochrelevant und “Täterarbeit ist immer auch Opferschutz”, sagte Johanna Zimmerl von der Kinderschutzorganisation “Die Möwe” am Donnerstag im Ö1-Morgenjournal.

Ihr gehe es jedoch vor allem darum, die Opfer zu sehen, sagte die Psychologin und Psychotherapeutin im ORF-Radio. “Für uns in den Kinderschutzzentren stehen die betroffenen Kinder im Mittelpunkt und es geht uns um deren Sicherheit und Wohlergehen. Daher helfen wir rasch und professionell bei allen Formen von Gewalt an Kindern”, erklärte Hedwig Wölfl, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Österreichischer Kinderschutzzentren, per Aussendung.

In den 36 Österreichischen Kinderschutzzentren und einem Digitalen Kinderschutzzentrum würden Kinder, Jugendliche und deren Bezugspersonen professionelle Beratung bei Verdacht auf Gewalt und Missbrauch erhalten, hieß es. Auch bei vagen Verdachtsmomenten, fehlenden Sachbeweisen oder sehr jungen Kindern sei eine rasche fachliche Beratung wichtig. Im Rahmen der Anzeigenberatung werde gemeinsam geklärt, welche Schritte notwendig und sinnvoll sind und wie die emotionale und äußere Sicherheit der Kinder wiederhergestellt werden könne.

Forderung nach mehr Gewaltprävention

Der Bundesverband fordert darüber hinaus mehr Gewaltprävention in allen Institutionen. Bereits kleine Kinder, die Berührungen erleben, die sie als unangenehm empfinden und diese noch nicht einordnen können, bräuchten Unterstützung und verlässliche Vertrauenspersonen, hieß es. “Gerade bei so jungen Kindern fehlt naturgemäß die Vorerfahrung zur Einordnung dieser sexuellen/sexualisierten Konnotierung”, betonte Zimmerl. “Die Kinder spüren aber oft, da wird etwas komisch”, berichtete sie. Wie im aktuellen Fall würden sehr jungen Kindern allerdings oft die Worte fehlen, um Erlebtes weiterzuerzählen, sagte Zimmerl. Hierzu mangle es im Kleinkindalter sowohl an der Sprache als auch an der Einordnung.

Es gebe allerdings Anzeichen im Verhalten von Kindern, bei denen man aufmerksam werden könne. Die Psychologin nannte hier etwa “komplette Verhaltensänderungen, Entwicklungsrückschritte oder klassisches, unspezifisches Bauchweh” als Indikatoren. All diese Faktoren seien jedoch noch lange keine Beweise für Missbrauch, sie würden bei den Kindern lediglich Belastungen andeuten. Sollten konkrete Hinweise auftauchen oder sollte sich ein Kind von selbst einem Erwachsenen anvertrauen, müsse man rasch handeln, empfahl Zimmerl im ORF-Radio.

Dass die Mutter des in der konkreten Causa betroffenen Kindes vom Kabarettisten Günther Paal statt einer Anzeige Geld verlangt haben soll, sei nicht der erste Fall einer Erpressung, sagte die Expertin. Manche Eltern könnten es auch oft einfach nicht fassen, können nicht ausreichend hinschauen, berichtete Zimmerl aus ihrer Erfahrung. Sie würden dann keine Anzeige erstatten und versuchen, eine Privatlösung zu finden, was die Psychotherapeutin als “besorgniserregend” bezeichnete.

Anlaufstellen für mögliche Täter

Am besten wäre es natürlich, würden Menschen mit besonderen sexuellen Neigungen gar nicht erst zu Tätern werden. “Das geht nicht alleine”, sagte Paal dazu am Mittwoch in seinem veröffentlichten Video. “Schützen Sie Kinder. Wenn Sie so etwas in sich spüren: Suchen Sie sich Hilfe.” Anlaufstellen dafür wären etwa die Männerberatung Wien oder das Dunkelfeldprojekt “Nicht Täter werden”. “Für die betroffenen Männer geht es darum, ihr problematisches und verborgenes auf Kinder gerichtetes Begehren zu erkennen und ihre Lust zu verstehen”, heißt es dazu auf der Webseite der Männerberatung. “Der Ausstieg aus der klammheimlichen Solidarisierung mit Leidensgenossen im Netz, die meist zu einer Steigerung der Sehnsüchte und somit zu einer Verschlimmerung der Situation führt, und das Aussprechen von pädophilen Gedanken soll dazu führen, dass der Mann sich selbst im Griff hat und die Grenzen gegenüber Kindern einhalten kann.”

Den Informationen auf der Männerberatungsseite zufolge sei Pädophilie an sich nicht heilbar. Betroffene Männer könnten jedoch lernen, die Kontrolle über ihre Neigung zu erlangen. Dadurch könnten sie trotz ihres Begehrens und ihrer Wünsche die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen respektieren und die Grenzen gegenüber den Minderjährigen wahren, heißt es. Die Behandlung bestehe laut Angaben auf der “Nicht Täter werden”-Webseite nicht in der Veränderung fixierter Fantasien, sondern von Denk- und Verhaltensweisen, die zu einem Delikt führen können.

Jonni Brem, Koordinator des Projekts “Nicht Täter werden”, sagte am Donnerstag im Gespräch mit der APA, es sei wichtig, bei den betroffenen Männern ein Problembewusstsein zu erreichen. Bei Verurteilten sei das oft nicht der Fall, berichtete er. Straftäter würden die Verantwortung oft auf die Kinder schieben, weil diese die erotischen Gefühle bei ihnen auslösen, so der Psychotherapeut und Psychologe. Pädophilie sei eine Störung – und es sei nach wie vor ein Tabu, sich mit diesen Menschen zu beschäftigen, berichtete er. “Aber diese Störung ist keine Wahl, die sie getroffen haben”, fügte er hinzu.

Kinder sind besonders leichte Opfer

90 Prozent der Sexualdelinquenten seien ihm zufolge keine Pädophilen, obwohl sie Kinder missbraucht hätten. Kinder werden Opfer, “weil sie verfügbar sind”, so Brem. Täter würden die wehrlose Position von Kindern ausnutzen und bei (sexueller) Frustration zum Ausgleich eine Machtposition ausüben. “Die meisten Sexualstraftäter sind aber nicht pädophil”, stellte der Mitbegründer des Instituts für Forensische Therapie klar.

Das Angebot von “Nicht Täter werden” richtet sich jedoch dezidiert an pädophile Menschen, erläuterte Brem. In Wien werden mit dem Angebot etwa 100 Personen pro Jahr erreicht, zwei bis drei davon Frauen. Ähnliche Projekte gibt es auch in Graz und Innsbruck, allerdings mit weit weniger Klienten. Ein Großteil der Betreuung passiere ohnehin nicht in der Prävention, sondern im Gefängnis oder in der Nachbetreuung, sagte der Experte.

Wichtig sei es, in der Therapie eine Sprache für die eigene Störung zu finden, so Brem. Man müsse damit umgehen lernen, dass man diese Störung hat – und “es geht darum, dass sie keine Straftat setzen”, streicht Brem hervor. Immer wieder kommt es dennoch vor, dass den Therapeuten in Sitzungen etwas anvertraut wird, das angezeigt werden muss. Das passiere aber immer mit den Klienten zusammen und führe im Normalfall zu einer Selbstanzeige, schildert der Fachmann. “Das Problembewusstsein hat sich schon verändert in den vergangenen Jahren”, sagte Brem.

Hilfe auch für Angehörige

Bei sehr komplexen Fällen – wie es zum Beispiel bei Gewalt oder sexuellem Missbrauch an Kindern immer gegeben sei – “reicht es nicht, ein Kind psychotherapeutisch zu behandeln, das Gewalt erleben musste”, erläuterte Wölfl von der Kinderschutzorganisation “Die Möwe” am Donnerstag bei einer Pressekonferenz. “Man muss die Bezugspersonen mitbegleiten, die aufgeregt sind und auch Beratung brauchen, um ihr Kind gut durch diese belastende Zeit bringen zu können”, betonte die Psychologin und Psychotherapeutin.

“Was an einem Missbrauchsfall rund um eine prominente Person deutlich wird, ist die Dunkelziffer, die dahinter steht, und die ist enorm”, ergänzte Wölfl. “Wenn ein prominenter Fall auftritt, dann sind die Titelblätter sozusagen voll und die Republik diskutiert darüber”, sagte auch Christoph Gleirscher, Geschäftsführer vom Hilfswerk Niederösterreich, bei der Pressekonferenz. “Aber jeden Tag passieren solche Dinge und jeden Tag gibt es Menschen, die dieses oder ähnliches oder schrecklicheres erlebt haben und die auf Wartelisten in unseren Einrichtungen sind.”

(S E R V I C E : Anlaufstelle für betroffene Kinder und ihre Angehörigen: – Anlaufstelle für StraftäterInnen, um nicht erneut straffällig zu werden: – Anlaufstelle für Menschen, die Probleme mit ihrer Sexualität haben, u.a. Pädophile, und nicht zum Täter werden wollen: )