Verunelli in Salzburg: “Jede Stimme zählt”

12.08.2026 • 09:29 Uhr
Verunelli in Salzburg: "Jede Stimme zählt"

Mit zwei Konzerten widmen die Salzburger Festspiele der italienischen Komponistin Francesca Verunelli heuer ein Porträt. Beim Terrassentalk am Dienstagnachmittag sprach sie über ihre Beziehung zur menschlichen Stimme, ihre Beschäftigung mit Komponisten der Renaissance und historischen Stimmungssystemen. Das erste Konzert stellte am selben Abend ihre Musik Werken der Renaissance gegenüber. Die Reihe soll zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten künftig mehr Raum geben.

Nach der intensiven Beschäftigung mit “Klassikern der Moderne” wolle man sich nun “mehr an und in die Gegenwart wagen”, sagte Konzertchef Axel Hiller, von dem die Idee für den Schwerpunkt stammt. Verunelli selbst beschäftigt vor allem die Stimme: “Sie spielt eine immer wichtigere Rolle, denn ich habe sehr lang gewartet, bevor ich mich an die Stimme herangewagt habe. Die Stimme ist der Ursprung jeglichen Klanges. Sie ist die erste Vibration, die wir erfahren, die erste Schwingung im Leben”, erklärte Verunelli. Zugleich sei sie vielleicht auch am weitesten von Instrumenten entfernt. “Ich wollte verstehen, was die Stimme ist. Vielleicht mehr als diese erste Erfahrung: die Mutter, die uns etwas vorsingt. Und dann gibt es die vollkommen ausgebildeten Stimmen und dazwischen liegt noch eine ganze Menge.”

Am Ende singt auch der Dirigent

Bei ihrer Suche richtet Verunelli den Blick auch weit zurück in die Musikgeschichte. Im Zentrum des ersten Konzerts “Strana Armonia d”Amore” stand die Auseinandersetzung mit Nicola Vicentino, der im 16. Jahrhundert mit Stimmungssystemen experimentierte, die Oktave in 31 Teile gliederte und dafür eigene Instrumente entwickelte. “Da hat man natürlich Möglichkeiten, die weit über die üblichen zwölf Töne hinausgehen. Da erschließen sich harmonische Möglichkeiten und Räume, die wirklich unglaublich sind, und auch harmonische Farben”, so Verunelli.

Die Verbindung zur Vergangenheit liegt für sie aber auch in der Art, wie Musik entsteht. Mit den Sängerinnen und Sängern des Ensembles “Les Cris de Paris” arbeitete sie in mehreren Etappen an der für heutige Ohren ungewohnten Intonation. “Das ist eine Recherche, wirklich ein gemeinsames Suchen zwischen Komponistin und den Interpreten. Das gab es durchaus auch in der Vergangenheit und heute in der Gegenwart gibt es das auch.”

Im zweiten Konzert “La nuda voce” rückt Verunelli die menschliche Stimme noch unmittelbarer ins Zentrum. Dabei geht es nicht nur um ausgebildete Sängerinnen und Sänger, sondern auch um unausgebildete Stimmen. Am Ende des Stücks singen alle gemeinsam, auch der Dirigent reiht sich unter die Musizierenden. Er gebe damit gewissermaßen seinen “Sitz der Macht” auf, erklärte Verunelli: “Am Ende des Stücks singen alle, und auch der Dirigent verlässt seine Position, um sich den Musikern anzuschließen. Jede Stimme zählt.”

(S E R V I C E – )