Wien Modern verbindet heuer Öko- mit Klangsystemen

In Zeiten, in denen der Mensch mit seinem Sein und seinem Wirken auf dem Planeten hadert, wirft das Festival Wien Modern einen Blick in die tierische Welt. Zu den Musikerinnen und Musikern der am 30. Oktober startenden 39. Ausgabe zählen Zikaden, Grashüpfer, Listspinnen, Holzameisen, Blattflöhe und Mauerbienen. Das Schweizer Chuchchepati Orchestra macht deren mit Lasermikrofonen festgehaltene Klänge hörbar. Ein Aspekt des heurigen Mottos “Im großen Ganzen”.
Unter diesem Übertitel des Hochamts der Neuen Musik wird Wien bis 30. November wieder mit neuen Klängen in 107 Ur- und Erstaufführungen überzogen, die bei der Programmpräsentation am Dienstag vom künstlerischen Leiter Bernhard Günther enthüllt wurden. Das Thema der Ökosysteme und deren Umsetzung in Klangsysteme dominiert dabei den heurigen Blick.
Die Donau als Ko-Komponistin
Entsprechend die Natur ins Zentrum rückt etwa Komponistin Pia Palme, die für das Eröffnungskonzert im Nationalpark Donau-Auen auf Erkundung gegangen ist und “Mit der Donau” ein fluides Werk vorlegt, das vom RSO unter Irene Delgado-Jiménez interpretiert wird. “Ich habe noch nie mit einem Fluss als Partner etwas gemacht”, zeigte sich Palme von ihrer Ko-Komponistin Donau begeistert. Die Donau scheint dabei künstlerisch polyamourös unterwegs zu sein, diente sie doch auch der Neuseeländerin Annea Lockwood als Partnerin für das Projekt “Sound Map of the Danube”, das im MAK Forum einen Monat lang Klänge von 50 Orten entlang des Stroms präsentiert.
Kirsten Reese indes hat sich mit der Ökoakustikerin Sandra Müller und dem Ökologen Frederik Sachser nicht dem Wasser, sondern dem Wald gewidmet und sich für “Future Forest” dem Sound des Schwarzwaldes und des Lainzer Tiergartens angenommen, was im Theater am Werk zu hören sein wird. Noch entspannter geht es beim “hutan (forest)” des indonesisch-deutschen Kollektivs Points of Listening zu, das in zweimal acht Stunden eine performative Klanginstallation ins Tanzquartier bringt, in der die Töne eines Urwaldes auf Borneo verarbeitet werden.
Müllbergbesteigung
Katrin Hornek und Judith Unterpertinger laden bei “Modified Grounds #3” hingegen zur Gipfelbesteigung der städtischen Deponie Rautenweg mitsamt eines 120-köpfigen Chores. “Wenn Sie in den letzten 25 Jahren in Wien irgendetwas in den Restmüll geworfen haben, haben Sie gute Chancen, sich hier wieder mit den Teilen zu verbinden”, lud Hornek künstlerisch interessierte Müllproduzenten zum Spaziergang.
Auch die Australierin Liza Lim präsentiert ihr vielfältiges Schaffen in der Auseinandersetzung mit den Ökosystemen, darunter das Projekt “Tree of Codes”, das die Neue Oper Wien unter neuer Leitung umsetzt. Neue-Oper-Neochefin Anna Sushon zeichnet im Reaktor verantwortlich für die musikalische Leitung des Musiktheaterwerks. Der renommierte Erste Bank Kompositionspreis geht heuer indes an Katharina Klement, die in ihrem Selbstverständnis als “Ökophonistin” das Ensemblewerk “Schaum” beim Preisträgerkonzert am 22. November ins Wiener Konzerthaus bringt.
Ausstellungsreigen
Nicht zuletzt reklamieren die Ausstellungen und Installationen einen zunehmend großen Anteil am Festivalprogramm. Acht entsprechende Formate sind heuer vorgesehen, darunter Projekte im Zoom Kindermuseum, dem Otto Wagner Areal oder der Secession, wo Akustikpionier Bernhard Leitner “Soundspacesculpture” präsentiert. Und im Arthaustempel Filmcasino werden unter anderem die Klangarbeiten von Billy Roisz gewürdigt.
Ebenfalls Teil des Festivals sind die bereits vor längerem angekündigten Musikverein-Perspektiven zu Ehren von Elfriede Jelinek und ein Überblick über das Œuvre von Francesca Verunelli, die heuer bereits bei den Salzburger Festspielen aufs Schild gehoben wurde und nun als Komponistin im Fokus des Musikvereins steht. Sechs Werke der Italienerin werden im November dort zu erleben sein.
Cerha-Würdigung zum Ende
Nicht zuletzt stehen auch 2026 einige Jubilare im Fokus, begeht die Musikwelt heuer doch etwa den 100. Geburtstag von György Kurtág, Morton Feldman oder Friedrich Cerha. Dessen Opus magnum “Spiegel I-VII” in der Deutung von Johannes Kalitzke bildet am 30. November im Musikverein den Abschluss des Festivals.
Insgesamt werden bis dahin 72 Produktionen in 159 Veranstaltungen an 31 Spielstätten zu erleben gewesen sein, wobei 197 Musikschaffende ihre Arbeit beitragen. “Es ist ein gewaltiges Unternehmen”, zollte Konzerthaus-Chef Matthias Naske als Wien-Modern-Präsident den Verantwortlichen seinen Respekt angesichts des großen künstlerischen und hoffentlich kleinen ökologischen Fußabdrucks.
(S E R V I C E – )