Österreich

Lehrlingssuche via Social Media

08.08.2021 • 13:35 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Daniel, Paulina, Konstantin, Lukas und Paul (v. l.) analysieren die Jugend-Tauglichkeit der Online-Auftritte von Betrieben: „Man fragt sich, warum sie sich wundern“
Daniel, Paulina, Konstantin, Lukas und Paul (v. l.) analysieren die Jugend-Tauglichkeit der Online-Auftritte von Betrieben: „Man fragt sich, warum sie sich wundern“ Klaus Höfler

Das Rennen um Lehrlinge läuft auch im Internet.

“Früher haben sich Lehrlinge bei Unternehmen beworben, jetzt müssen sich die Unternehmen bei den Lehrlingen bewerben.“ Mathias Langwieser fasst die aktuelle Entwicklung am Lehrstellenmarkt in einem Satz zusammen. Der Oberösterreicher hat sich mit seiner LP Marketing-Agentur unter anderem auf Social Media Recruiting spezialisiert. Langwieser hilft Betrieben, über das Internet Lehrpersonal zu finden – und er weiß auch, woran dieses Fischen nach potenziellen Kandidaten vielfach scheitert: „Vor allem Klein- und Mittelbetriebe sind diesbezüglich hinten nach.“ Größere Unternehmen oder große Konzerne haben teilweise eigene Abteilungen, die sich um das Anwerben und das richtige Adressieren der Jugendlichen kümmern. Aber auch diese organisatorischen Strukturen sind keine Erfolgsgarantie.

Eine Teufelsspirale

Das Scheitern ist ein Mix aus fehlender Strategie, falscher Sprache und flacher Demografiekurve. Eine Teufelsspirale: Die Entscheider in den Betrieben sind meist „nicht mehr ganz jung“, analysiert Langwieser, ohne generalisieren zu wollen. „Das Problem, keine Lehrlinge zu finden, wird lange ignoriert, man denkt sich, dass es ja die letzten 15 Jahre auch so funktioniert hat“, spitzt er zu: „Dann merkt man, dass man etwas verpasst hat, der Druck steigt, der Nachholbedarf ist aber dann schon so groß, dass es nur noch schwieriger wird.“

Das Bewusstsein sei dann zwar da, es werde aber zu komplex an die Sache herangegangen. „Man muss den Spagat schaffen zwischen der Social-Media-typischen Inszenierung und dem, was man tatsächlich ist“, rät der Experte (siehe Info rechts oben). Gelingt das?
Dieser Frage geht gerade eine Gruppe Jugendlicher in Graz bei einem Ferialpraktikum nach. „Uni for Life“, die Weiterbildungsorganisation der Karl-Franzens-Universität, stellt dafür den organisatorischen Rahmen in Form der Übungsfirma agentur-prakti.com.

User-Freundlichkeit

Paulina, Konstantin, Lukas, Daniel (alle 16 Jahre alt) und Paul (15) durchleuchten zwei Wochen lang die Internet-Auftritte von Unternehmen wie Saubermacher, Rosendahl-Nextrom, Energie Steiermark, Kastner&Öhler sowie der Stadt Graz. Sie prüfen, ob Social-Media-Kanäle überhaupt – und wenn, wie – bespielt werden, ob die Websites auf Jugendliche ansprechend wirken und wie ausgesandte Botschaften tatsächlich ankommen. Es geht dabei nicht nur um altersgerechte Aufmachungen, sondern auch um den konkreten Informationsgehalt und die User-Freundlichkeit für die Zielgruppe aus der Sicht der Zielgruppe.

Im Fokus dabei: Wie wird das Lehrstellenangebot beworben, kennen sich 15- bis 17-Jährige bei den gelieferten Informationen sofort aus, gibt es und funktionieren Verlinkungen? Erste Ergebnisse liefern ein gemischtes Bild. Konstantin lobt beispielsweise den Youtube-Auftritt der Energie Steiermark, wundert sich aber über das Fehlen eines Instagram-Profils, „wo Jugendliche ja hauptsächlich unterwegs sind und auch nach Informationen suchen würden“.

“Wundern, warum sich Unternehmen wundern”

Auch die Performance der Stadt Graz sieht das Quintett differenziert: Youtube werde zwar bespielt, die Beiträge hätte aber teilweise bescheiden wenige Aufrufe, auf Instagram gebe es zwar Fotos, aber keine Informationen über Lehrstellen. Angesichts von 30.000 Followern orten die Jugendlichen auch da eine vergebene Chance. „Teilweise fragt man sich, warum sich Unternehmen wundern, dass sie keine Jugendlichen erreichen, wenn sie diesbezüglich auch nichts anbieten“, zieht Paul eine kritische Zwischenbilanz.

Auf positive Beispiele wird aber auch verwiesen – wie jenes des Messtechnikspezialisten Anton Paar, wo der Instagram-Auftritt von Lehrlingen selbst gestaltet wird. „Das funktioniert besser“, sagt Paulina. Die Jugendlichen liefern aber auch Vorschläge, wie das Image eines Unternehmens abseits des Internets verbessert werden kann. Für Berufsinformationsmessen beispielsweise schlägt man von Lehrlingen vor Ort produzierte Give-aways vor. „So können die Besucher das Erlebnis Maschine kennenlernen“, sagt Paul. Ihn selbst zieht es nach der Schule aber trotzdem eher an die Universität.

Worauf Firmen achten müssen

Zukunftsorientiert, spannend, sicher und jungen Kandidaten eine Karriereperspektive aufzeigend:
so sollten sich Unternehmen im Netz präsentieren.

Work-Life-Balance und ein „Coolness-Faktor“ stehen bei der Jugend ebenfalls hoch im Kurs.

Social-Media-Plattformen bespielen, die von Jugendlichen tatsächlich genutzt werden (Instagram, TikTok). Facebook und LinkedIn gehören eher nicht dazu. Ihr Vorteil: Dort erreicht man die Eltern (Ratgeber) und kann sie für eine Ausbildung sensibilisieren.

Bewegtbild schlägt Text. Es muss auf Youtube aber kein aalglattes, hochprofessionelles Video sein.

Regional-„Filter“ auf Insta nutzen, um Umkreisbezug herzustellen und Streuverluste zu minimieren.

Benefits, die zusätzlich zur Ausbildung geboten
werden, entsprechend (cool) darstellen.

Lehrlinge, die schon im Betrieb sind, einbinden.
Sie „sprechen“ die richtige Sprache der Zielgruppe

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