Politik

Viele Hechte jagen im linken Teich: Ein Gespräch mit Bertram Barth

05.05.2024 • 12:00 Uhr
ABD0038_20240216 – WIEN – …STERREICH: GF Bertram Barth (Integral) am Freitag, 16. Februar 2024, wŠhrend des PG Verein Klimavolksbegehren zum Thema “Zukunftsallianz – im Dialog mit BŸrgerInnen” – Befragungsergebnisse zu Sorgen und WŸnschen im Zusammenhang mit der Klimapolitik. – FOTO: APA/GEORG HOCHMUTH
Bertram Barth ist Meinungsforscher und Co-Geschäftsführer von Integral.APA/GEORG HOCHMUTH

Mindestens sieben Parteien kandidieren bei der Nationalratswahl. Links der Mitte ist die Konkurrenz enorm. Sehr zur Freude von ÖVP und FPÖ.

Links der Mitte drängt es sich. Schon jetzt tummeln sich hier SPÖ, Grüne, KPÖ und teilweise auch die Neos, um die Stimmen für einen Erfolg bei der Nationalratswahl im Herbst zu gewinnen. Und als wäre das nicht schon genug, kommt nun noch Dominik Wlazny und dessen Bierpartei hinzu. Wie gliedert sich dieses Spektrum links der Mitte, wer konkurriert mit wem um welche Gruppen? Darüber hat die Redaktion mit Bertram Barth, Meinungsforscher und Co-Geschäftsführer von Integral, gesprochen.

Dazu muss man zunächst wissen, dass die Kategorien links und rechts, obwohl in Alltag allgegenwärtig, ausgedient haben. Stattdessen wird die Bevölkerung nach Einkommen, Bildung und Werten in Milieus eingeteilt. Zu den klassisch linken Milieus gelten: Postmaterialisten, die für Nachhaltigkeit und Diversität stehen, der Globalisierung und dem Kapitalismus aber kritisch gegenüberstehen; progressive Realisten, die als Treiber sozialer Veränderung gelten und gerne Protest mit Party verbinden; Hedonisten, die im Hier und Heute Spaß haben wollen und traditionelle Konventionen ablehnen. Die Vertreter des traditionellen Arbeitermilieus und der kleinbürgerlichen Welt, für die, weil im fortgeschrittenen Alter, Sicherheit und Ordnung im Vordergrund stehen, lassen sich hier nicht eindeutig zuordnen, weil sie bei Wahlen zwischen linken und rechten Parteien pendeln.

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Einer von etwa sieben Hechten im linken Teich.Shutterstock

Wlazny schließt Lücke

Die Wähler von Wlaznys Bierpartei, dem Umfragen seit Monaten gute Chancen auf einen Einzug in das Parlament einräumen, beschreibt Barth dementsprechend als lustige, radikale Postmaterialisten und kosmopolitische Lifestyle-Individualisten. Dabei handelt es sich oft junge, besser gebildete Männer, die sich von Wlaznys ungewöhnlichem Auftreten angesprochen fühlen. Die Nachfrage nach einem neuen, ungewöhnlichen Angebot sei derzeit hoch, so Barth, und der Musiker und studierte Arzt bediene diese Lücke erfolgreich. Und auf wessen Kosten? „Zum größten Teil zulasten von SPÖ und Grünen, theoretisch aber auch der FPÖ“, ist Barth überzeugt. Ob dauerhaft bis zum Wahltag oder darüber hinaus, bleibt ebenfalls abzuwarten.

ABD0050_20240430 – WIEN – …STERREICH: Bierparteichef Dominik Wlazny am Dienstag, 30. April 2024, wŠhrend einer PK der Bierpartei zum Thema “Stellungnahme von Parteivorsitzendem Wlazny zur Nationalratswahl 2024” in Wien. – FOTO: APA/GEORG HOCHMUTH
Bierparteichef Dominik Wlazny am Dienstag, 30. April 2024, während einer PK der Bierpartei zum Thema “Stellungnahme von Parteivorsitzendem Wlazny zur Nationalratswahl 2024” in Wien. APA/GEORG HOCHMUTH

Neben Wlazny gibt es mit der KPÖ einen weiteren neuen Hecht im bundesweiten linken Karpfenteich. Anders als das Ego-Projekt Bierpartei, wo Wlazny bis dato als Gründer, Parteichef und inhaltlich nebulöse One-Man-Show fungiert, spielt bei der KPÖ die Person des Spitzenkandidaten vorerst keine Rolle. Tatsächlich ist der 34-jährige Grazer Tobias Schweiger als Spitzenkandidat ein unbeschriebenes Blatt. Das ist kein kleiner Unterschied zu den Wahlen in Graz und Salzburg, wo sich alles um Bürgermeisterin Elke Kahr und Kay-Michael Dankl, der in Salzburg bis in die Stichwahl kam, drehte. Unterstützer hat die KPÖ vor allem im progressiv-realistischen Milieu, aber eben auch – siehe Graz und Salzburg – bei der konsumorientierten Basis der abgehängten Unterschicht.

Babler will FPÖ-Wähler zurückholen

Letztere sind eigentlich eine Domäne der FPÖ von Herbert Kickl, weshalb Barth hier für die Nationalratswahl mit einem Duell rechnet. Mit dem Wohn-Thema biete die KPÖ hier ein pragmatisches und aktuelles drängendes Angebot an diese Gruppe.

Dabei ist SPÖ-Chef Andreas Babler eigentlich angetreten, genau das abzuwenden: nämlich ein Ausrinnen seiner Partei nach links zu verhindern und durch einen linken Populismus der Kickl-FPÖ sogar noch ehemals rote Wählerinnen und Wähler wieder abspenstig zu machen. Tatsächlich habe Babler, so Barth, als Person bei den sozial abgehängten, aber kulturell eher traditionalistischen Wählern durchaus Erfolgschancen. Dem stehe jedoch die SPÖ als Partei entgegen, die in diesem Milieu ihre politische Glaubwürdigkeit eingebüßt habe. Trotzdem versucht die Partei hier zu punkten, etwa mit Forderungen nach einem Aussetzen der CO2-Bepreisung. Doch damit drohe Babler die Gruppe der radikal Veränderungsbereiten und etablierten Intellektuellen zu verschrecken, die längst zu wichtigen Stimmenbringern für die SPÖ geworden sind.

ABD0073_20240411 – WIEN – …STERREICH: Der als Auskunftsperson geladene FP…-Bundesparteichef Herbert Kickl am Donnerstag, 11. April 2024, wŠhrend seines Statements im Rahmen des U-Ausschusses zum “Rot-Blauen Machtmissbrauch” im Parlament in Wien. – FOTO: APA/GEORG HOCHMUTH
Herbert Kickl am 11. April 2024 in Wien. APA/GEORG HOCHMUTH

Es ist ein Dilemma für Babler und die SPÖ, ihre gegensätzlichen Wählerpotenziale mit Themen zu verbinden, die für beide Seiten atraktiv sind.

KPÖ-Erfolge auf Bundesebene fraglich

Was die abgehängten Milieus der unteren Mittel- und Unterschicht angeht, die einst der SPÖ ihre Stimme gaben, so ist deren Wahlverhalten nicht in Stein gemeißelt, sondern kann grundsätzlich nach rechts, aber auch links ausschlagen. Die Kommunalwahlen in Salzburg wie auch in Graz haben gezeigt, dass es hier der KPÖ gelungen ist, auf Kosten der FPÖ Stimmen zu sammeln. Die Frage ist, ob sich das bei der Nationalratswahl im Herbst wiederholen lässt. Für Barth ist das eher unwahrscheinlich: Auf Bundesebene sieht er die Kickl-FPÖ bis dato immer noch mit dem besseren, weil für die Zielgruppe glaubwürdigeren politischen Angebot.

ABD0024_20231104 – GRAZ – …STERREICH: BŸrgermeisterin Elke Kahr (KP… /links) und Kay-Michael Dankl (KP… Klubobmann Salzburg) wŠhrend eines PressegesprŠchs anlŠsslich der bevorstehenden Nationalratswahl am Samstag, 04. November 2023, im Volkshaus in Graz. – FOTO: APA/ERWIN SCHERIAU
Die Grazer Bürgermeisterin Elke Kahr und der Salzburger Vizebürgermeister Kay-Michael Dankl. Wird die KPÖ auch auf Bundesebene Erfolg haben?APA/ERWIN SCHERIAU

Meinl-Reisinger muss Spagat schaffen

Mit seinem Dilemma ist Babler nicht allein. Die Bierpartei muss auch den Grünen und Werner Kogler Kopfzerbrechen bereiten. Die Ökopartei konkurriert mit KPÖ, Wlazny und SPÖ um die veränderungswilligen und realistischen Progressiven sowie die globalisierungskritischen Postmaterialisten.

Vielleicht den größten Spagat müssen die Neos mit Beate Meinl-Reisinger schaffen – und das mit derzeit nur acht Prozent. Die Bierpartei schickt sich dabei an, den Neos ihren Anteil an den kosmopolitischen Lifestyle-Individualisten abzujagen, und die KPÖ – kein Spaß! – einige der progressiven Veränderungsbereiten. Und dann ist da ja noch eine waidwunde ÖVP, wenn es um die gehobenen Konservativen geht. Das sind ziemlich viel Konkurrenz für eine ziemlich kleine Partei.

ABD0058_20240420 – GRAZ – …STERREICH: NEOS-Chefin Beate Meinl-Reisinger wŠhrend der Bundesmitgliederversammlung der NEOS am Samstag, 20. April 2024, im Messe Congress Graz. – FOTO: APA/ERWIN SCHERIAU
Trotz harter Konkurrenz für die Neos ist Beate Meinl-Reisinger “Bereit wie nie zuvor”. APA/ERWIN SCHERIAU

Machtpolitisch ist der linke Wettlauf eher kontraproduktiv, zumal sich laut Marktforscher Barth auf der Rechten derzeit mehr Wählerinnen und Wähler, um die noch dazu – jedenfalls derzeit – nur ÖVP und FPÖ werben. Aber wie gesagt: Nicht einmal das ist in Stein gemeißelt. Und entscheidend für politische Mehrheiten ist das Wahlverhalten der pragmatischen Mitte, die von den Parteien liegen gelassen wird, egal ob links oder rechts.