Politik

AK-Präsident: „Weniger jammern, mehr Lösungen suchen“

06.01.2026 • 14:32 Uhr
AK-Präsident: „Weniger jammern, mehr Lösungen suchen“
Bernhard Heinzle sieht mit Hoffnung in das Jahr 2026. Stiplovsek

AK-Präsident Bernhard Heinzle spricht über vorsichtigen Optimismus, leistbares Wohnen, fehlenden politischen Dialog und warum Bildung, Zusammenhalt, eine Reichensteuer und soziale Gerechtigkeit entscheidend sind, um den sozialen Frieden in Vorarlberg zu sichern.

Wenn Sie die aktuelle, gesellschaftliche Situation aus Sicht der Arbeiterkammer zusammenfassen müssten, wie würden Sie diese beschreiben?

Bernhard Heinzle: Wir befinden uns ohne Zweifel in sehr herausfordernden Zeiten. Nach drei Jahren Rezession trifft die Politik Entscheidungen, ohne aus meiner Sicht die Bevölkerung sowie die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ausreichend mitzunehmen.

Gab es im vergangenen Jahr trotzdem etwas, das Sie im vergangenen Jahr positiv überrascht hat?

Heinzle: Ja, der Zusammenhalt der Bevölkerung. Viele Vorarlbergerinnen und Vorarlberger sind überzeugt, dass es wieder besser wird, dass man zusammenhalten und gemeinsam daran arbeiten muss. Der Grundoptimismus hat mich positiv überrascht.

Ist dieser Optimismus aus Ihrer Sicht auch berechtigt?

Heinzle: Nach den jüngsten Wirtschaftsdaten halte ich ihn für berechtigt. Ich bin positiv gestimmt und habe den Mut zu sagen: Wir haben die Talsohle erreicht, und es wird wieder aufwärtsgehen.

AK-Präsident: „Weniger jammern, mehr Lösungen suchen“
Bernhard Heinzle im Gespräch mit der NEUE. Stiplovsek

Was waren für Sie die dominierenden Themen im Jahr 2025?

Heinzle: Ganz klar die Teuerung, die nach wie vor hohe Inflation und vor allem leistbares Wohnen. Das ist zwar ein österreichweites Problem, aber die Belastung ist hier besonders hoch. Eigentum zu schaffen ist für viele nur noch möglich, wenn man erbt – ansonsten ist ein Eigenheim kaum mehr leistbar.

Wie bewerten Sie die arbeits- und sozialpolitischen Entscheidungen von Bund und Land im Jahr 2025?

Heinzle: Was mir hier grundsätzlich fehlt, ist der ehrliche Dialog – insbesondere mit den Sozialpartnern. Die Politik fährt zu oft über die Bevölkerung hinweg, anstatt sie mitzunehmen. Das erzeugt Ängste und untergräbt das Vertrauen in die Politik. Natürlich braucht es Einsparungen und Entscheidungen, aber man darf nicht übersehen, was diese für die Menschen bedeuten. Genau das wird derzeit zu wenig berücksichtigt, auch in der Kommunikation.

Gerade im Zusammenhang mit Sparmaßnahmen, etwa beim Sozialfonds, herrscht in manchen Branchen große Unsicherheit. Wo sehen Sie den größten Druck?

Heinzle: Grundsätzlich stehen derzeit alle Branchen unter Druck. Wenn die Wirtschaft schwächelt, fehlen Einnahmen, und dann geht es zwangsläufig um Verteilungsgerechtigkeit. Beim Sozialfonds erleben wir derzeit, dass über Kürzungen diskutiert wird, ohne die langfristigen Folgen für die soziale Stabilität und die Versorgungssicherheit zu bedenken. Wenn gespart werden muss, ist entscheidend, ob es dafür einen klaren Plan gibt. Aus unserer Sicht fehlt dieser Plan oft. Präsentationen ersetzen keinen Dialog. Wenn Entscheidungen nicht gemeinsam erarbeitet werden, sondern nur mitgeteilt werden, werden sie nicht mitgetragen und genau das schürt Ängste. Ich habe hier tatsächlich Sorge um den sozialen Frieden.

AK-Präsident: „Weniger jammern, mehr Lösungen suchen“
Bernhard Heinzle fordert mehr Dialog zwischen Politik, Sozialpartnern und Bevölkerung. Stiplovsek

Viele Beschäftigte sorgen sich derzeit auch wegen Digitalisierung und künstlicher Intelligenz um ihre Arbeitsplätze. Was raten Sie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern?

Heinzle: Ich möchte vor allem Mut machen. Wir können das gemeinsam schaffen. Bildung ist einer der wichtigsten Schlüssel. Die Digitalisierung und KI entwickeln sich rasant, deshalb müssen wir stärker in Qualifizierung, Weiterbildung und Höherqualifizierung investieren.
Niedrigqualifizierte Arbeitsplätze wird es in Vorarlberg immer weniger geben. Gleichzeitig müssen wir gemeinsam – Politik, Sozialpartner und Wirtschaft – einen mittelfristigen Plan entwickeln: Welche Arbeitsplätze entstehen, welche fallen weg, und wie bereiten wir die Menschen darauf vor?

Die Lebenserhaltungskosten bleiben hoch, die Schere zwischen Arm und Reich geht weiterhin auseinander. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Heinzle: Die Teuerung betrifft jeden Einzelnen, aber besonders deutlich sehen wir, wie dabei auch stark die Ungleichheit wächst. Sparen allein kann keine Lösung sein – vor allem nicht, wenn es immer die breite Bevölkerung trifft.
Wir müssen darüber sprechen, woher neues Geld kommen kann. Eine Superreichensteuer ist hierfür kein Populismus, sondern ein legitimes Instrument, das in Österreich kaum genutzt wird. Im internationalen Vergleich ist Österreich ein Schlusslicht bei der Besteuerung großer Vermögen – hier wird Potenzial verschenkt, das für soziale Sicherheit dringend benötigt würde. Ebenso müssen wir sachlich über Verteilungsgerechtigkeit und Erbschaftssteuern sprechen. Das betrifft nicht Häuslebauer, sondern sehr große Vermögen.

Was war aus Ihrer Sicht eine wichtige Errungenschaft der Arbeiterkammer im Jahr 2025?

Heinzle: Wir konnten große Erfolge in konkreten Rechtsfällen erzielen – teilweise haben wir für einzelne Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zehntausende Euro erkämpft. Besonders wichtig waren auch Korrekturen bei falsch eingestuften Pflegegeldfällen sowie Erfolge im Arbeits- und Konsumentenschutz. Das zeigt, wofür die Arbeiterkammer steht: Stabilität, Sicherheit und konkrete Hilfe, gerade in Zeiten großer Unsicherheit.

Was könnte speziell in Vorarlberg besser gemacht werden?

Heinzle: Ich bin überzeugt, dass wir in Vorarlberg mehr bewegen könnten, wenn der Dialog zwischen Landesregierung, Sozialpartnern und Gemeinden besser und schneller wäre. Wenn wir gemeinsam an Lösungen arbeiten, könnten wir in zentralen Themen wie Wohnen oder Pflege rascher Fortschritte erzielen.
Es geht darum, weniger zu jammern und mehr Lösungen zu suchen.

AK-Präsident: „Weniger jammern, mehr Lösungen suchen“
Heinzle zeigt sich trotz Rezession vorsichtig optimistisch, pocht aber auf leistbares Wohnen und soziale Gerechtigkeit. Stiplovsek

Was nehmen Sie persönlich aus 2025 für das kommende Jahr mit?

Heinzle: Mehr zuzuhören. Die Sorgen und Ängste der Menschen ernst zu nehmen und genau hinzuhören, was Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer uns sagen wollen. Daraus müssen wir unsere Botschaften und unser Handeln ableiten.

Haben Sie zum Abschluss eine Botschaft für die Beschäftigten für das kommende Jahr in Vorarlberg?

Heinzle: Habt Mut, es wird besser werden. Die Arbeiterkammer wird auch weiterhin eine verlässliche und sichere Säule sein, die immer an eurer Seite steht.