„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“

Adriana Marksteiner wechselt nach Spanien in den Profihandball.
Unter der Woche wurden Sie als Newcomerin des Jahres ausgezeichnet und in das All-Star-Team der WHA gewählt. Was sind Ihnen diese Auszeichnungen wert?
Adriana Marksteiner: Das hat mich enorm gefreut, dass ich gewählt wurde. Es war sehr überraschend, vor allem, dass ich beide Titel bekommen habe. Es zeigt, dass ich wohl viele Anhängerinnen habe. Auf Halblinks hat man relativ viel Konkurrenz, weil es viele Rechtshänder gibt und es eine beliebte Position ist. Dazu bin ich nicht die Größte. Daher ist es cool, dass ich mich durchgesetzt habe. Mit 20 Jahren bin ich zudem eine jüngere Spielerin. Da gibt es viel Erfahrenere, die schon länger in der WHA spielen.
Dieser Erfolg wird allerdings durch Ihren bevorstehenden Wechsel nach Spanien übertroffen. Wie groß ist die Anspannung? Gab es bereits schlaflose Nächte?
Marksteiner: Auf jeden Fall. Ich denke mir aber: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“ Ich wollte unbedingt ins Ausland. Und es bringt mir sehr viel Erfahrung, alleine im Ausland zu leben. Bisher war ich immer bei meinen Eltern zu Hause. Dies ist nun ein großer Schritt. Aber es bringt mir viel für meinen Lebensweg. Da lerne ich viel dazu.

Wann geht es überhaupt los?
Marksteiner: Mitte Juli. Das genaue Datum weiß ich aber noch nicht. Sie sind sich nicht ganz sicher, ob ich zwei Wochen in Quarantäne muss. Sie hoffen auf eine Ausnahme. Aber in Spanien ist es strenger aufgrund der Corona-Krise als bei uns. Wobei Gran Canaria gar keinen Fall hat.
Wie ist der erste Kontakt zustande gekommen?
Marksteiner: Ich wusste, dass ich in Österreich oben anstehe und wechseln muss. Ich wollte ins Ausland und in ein nicht deutschsprachiges Land. Ausra Fridrikas (ihre ehemalige Trainerin beim SSV; Anm.) hat mir den Vorschlag unterbreitet, für ein Probetraining nach Gran Canaria zu gehen. Ich war dann eine Woche dort und es war alles unkompliziert und hat von beiden Seiten gleich gepasst. Es waren alle sehr offen und herzlich und ich habe mich sofort wohl gefühlt. Und für den Verein passt es auch, da eine Spielerin auf der gleichen Position ihre Karriere beendet. Jetzt bin ich und eine junge Spanierin dort.

Gab es sonst noch Wechseloptionen?
Marksteiner: Aus der Schweiz hatte ich ein Angebot und aus Deutschland. In Ungarn hätte ich noch ein Probetraining offen gehabt, aber da es mir in Spanien so gut gefallen hat, habe ich mir gesagt, das ist es und da will ich hin.
Für Sie ist es auch der Schritt aus dem Amateurbereich in den Profisport. Wir groß ist der Niveauunterschied?
Marksteiner: Wir haben in Österreich ein Mal täglich trainiert. In Spanien werden wir drei Mal in der Woche zwei Mal täglich trainieren. Zu Auswärtsspielen wird natürlich immer geflogen. Es wird daher sehr viel mehr Aufwand und anstrengender. Mein Körper wird in den ersten Monaten müde sein, vor allem wegen der Hitze, die dazu kommt, wenn man im Freien trainiert. Das wird ziemlich hart. Ich versuche mich vorzubereiten, aber es wird dennoch was anderes sein.

Der Vertrag ist zunächst auf ein Jahr befristet. Was nehmen Sie sich für diese Saison vor?
Marksteiner: Mit diesem Team erfolgreich zu sein. Ich habe zudem erfahren, dass wir die Wildcard für die EHF European League bekommen haben. Wir spielen dieses Jahr also auch international. Das freut mich besonders. Und was die Liga betrifft: dass wir das zeigen, was wir können und vielleicht nochmal einen Titel holen (Gran Canaria wurde 2019 Meister; Anm.). Das wäre super.
Nun haben Sie von „wir“ und dem Team gesprochen. Was sind die persönlichen Ziele?
Marksteiner: Ich will auf jeden Fall in der Startaufstellung spielen. Egal ob Mitte oder auf Halblinks, aber ich will in der ersten Reihe spielen. Ich muss mich zu Beginn auf jeden Fall anstrengen und hart trainieren, dass es klappt. Ich muss noch einiges an Arbeit investieren, um mich zu beweisen. Das braucht aber auch Vertrauen. Der Trainer muss mir vertrauen und das braucht auch Zeit.

In welchem Bereich müssen Sie dabei am meisten zulegen, um dieses hochgesteckte Ziel erreichen zu können?
Marksteiner: Körperlich, glaube ich, geht es schon ganz gut. Es wird wohl eher das schnelle Spiel sein. Ich bin zwar schon ein Typ, der schnell spielt, aber da ist alles nochmal einen Tick schneller. Da geht es ständig vor und zurück. Die spielen ein enorm hohes Tempo. Auch die Pässe kommen mit einer enormen Geschwindigkeit. Das Team ist eher von kleiner Statur und daher eher auf das schnelle Spiel und Eins gegen eins ausgerichtet. Dazu kommt eine recht offensive Abwehr. Für den österreichischen Handball ist das recht untypisch. Da heißt es: viel Bewegung. Die ganze Zeit. Das wird Kraft kosten.
Die Kraft konnten Sie sich immerhin in den vergangenen Wochen aufbauen. Inwiefern wird die Corona-Krise allerdings auch zum Nachteil für den Wechsel?
Marksteiner: Das Training musste ich selbstständig machen. Die handballerischen Akzente sind lange weggefallen. Ich hatte lange mehr keinen Ball mit Hartz in der Hand. Fast zwei Monate nicht. Zudem wurde die U-20-WM auf den Dezember verschoben. Die wäre sonst diesen Monat gewesen, wodurch ich eine ideale handballerische Vorbereitung auf Spanien gehabt hätte. Jetzt ist es aber so und dafür konnte ich meinen Körper fit halten.

Wenn wir noch auf die vergangenen Saison zu sprechen kommen: Wie tief sitzt der Stachel, den SSV Dornbirn Schoren ohne sportlichen Abschied verlassen zu müssen?
Marksteiner: Dieser Abschluss mit dem Verein finde ich extrem schade. Es ist alles so plötzlich gekommen. Ich werde noch einen Abschied machen, aber eben nicht mit einem letzten Spiel. Ich war jetzt doch lange beim SSV und somit ist er fast wie eine zweite Familie.
Wie würden Sie die abgebrochene Saison aus sportlicher Sicht bilanzieren?
Marksteiner: Die letzte Saison war bis zum Abbruch ganz gut. Mittendrin hatten wir einen Trainerwechsel, womit ich mir etwas schwer getan habe. Ausra Fridrikas hat mir enorm viel beigebracht. Aber die letzten beiden Spiele sind wieder super gelaufen.

Vor rund einem Jahr trennte sich der Verein von vier Spielerinnen. Inwiefern war dies ihrer eigenen Entwicklung im Handball förderlich?
Marksteiner: Die vier haben sehr viel Verantwortung übernommen. Durch ihren Weggang waren wir auf einmal ein sehr junges Team. Es hieß, ich solle ein wenig Verantwortung übernehmen, weil ich mit meinen 19 Jahren zu den Älteren gehört habe. Das hat mich durchaus weitergebracht, weil ich gemerkt habe, ich muss Leistung bringen, um das Team weiterzubringen. Ich habe gelernt Verantwortung zu übernehmen. Davor habe ich sie abgegeben. Wenn es hart auf hart kommt, nehme ich jetzt den letzten Wurf. Das traue ich mir zu.