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Ein Sieg für die Ewigkeit

10.02.2022 • 23:49 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Ein Mann mit Biss auf und abseits der Strecke: Alessandro Hämmerle hat Gold. <span class="copyright">GEPA</span>
Ein Mann mit Biss auf und abseits der Strecke: Alessandro Hämmerle hat Gold. GEPA

Alessandro Hämmerle ist am Ziel seiner Träume angekommen. “Izzi” hat seine Karriere mit dem Olympiasieg gekrönt.

Der 10. Februar 2022 ist ein Tag, der das Leben von Alessandro „Izzi“ Hämmerle in ein Davor und ein Danach teilt. Denn mit dem Olympiasieg ist ihm der Sieg seines Lebens gelungen, der ihn für alle Zeit zum Champion und zum Vorbild macht. Weil er als Snowboardcross-Superstar dem Druck der eigenen und der fremden Erwartungshaltung standgehalten hat und im wichtigsten Rennen seiner Karriere mit ganz viel Hirn und so viel Herz seine beste Leistung abgerufen hat.

Als er um 15.21 Uhr Ortszeit Seite an Seite mit Éliot Grondin ins Ziel bretterte, hatte zunächst der dreifache SBX-Weltcupsieger aus dem Montafon einen Vorsprung. Ehe sein kanadischer Herausforderer zum Schlussangriff blies und aus dem Windschatten heraus auf den letzten Metern vor der Ziellinie sein Brett nach vorne riss und am Vorarlberger vorbei schob. Doch Hämmerle konnte kontern, wie auch immer das der Tausendsassa angestellt hat. Er schaffte es, auf den letzten Streckenzentimetern sein Board wieder an Grondin vorbeizuschieben. Schon mit freiem Auge schien erkennbar, dass „Izzi“ Olympiagold erobert hat – die Auswertung des Zielfotos sorgte dann um 15.22 Uhr Ortszeit, also 8.22 Uhr in Vorarlberg, für Gewissheit. Hämmerle hatte es geschafft. Während zu Hause in Schruns fünf Minuten lang die Kirchturmglocken zu Ehren des neuen Helden läuteten, setzte sich Hämmerle im Ziel auf den Schnee und lehnte sich gedankenversunken an die Bande hinter ihm. Der Mann genoss im Stillen, es flossen Tränen der Freude und der Erleichterung. Der Druck auf den Raketenmann war im Vorfeld der Spiele riesig. Denn auch wenn er selbst beschwichtigte und von einer Medaille als Ziel sprach: Eigentlich zählte nur Gold.

Ein Sieg für die Ewigkeit
Nach dem Rennen fiel der ganze Druck von Alessandro Hämmerle ab, der Olympiasieger weinte vor Freude – aber auch vor Erleichterung. APA

Der lange Weg

Als Außenstehender lässt sich nicht im Geringsten erahnen, was für eine Freude und Genugtuung der 28-Jährige nach seiner vollbrachten Heldentat verspürte. Genauso wenig lässt sich für andere greifen, wie groß der Kreis ist, der sich für Hämmerle mit dem Olympiasieg geschlossen hat. Zum Snowboardfahren kam er als Kind, weil sein älterer Bruder Michael „Gino“ Hämmerle ein Board geschenkt bekam und Alessandro dann auch eins wollte, da er wie sein Bruder das Snowboardfahren viel cooler fand als das Skifahren. Papa Hanno Hämmerle schlug dem damaligen Obmann vom Skiclub Gaschurn vor, dass man eine Snowboard-Sparte gründen könnte, die er übernehmen würde. Denn Hanno Hämmerle stammt aus einer Wintersport-Familie, seine Mutter, also „Izzis“ Großmutter, Luise Jaretz war Skirennläuferin und wurde bei der Ski-WM 1954 in Are Fünfte in der Abfahrt.

Ein Sieg für die Ewigkeit
So fing alles an: Der 17-jährige Izzi ganz rechts mit seinen Brüdern Gino (l.) und Luca. Stiplovsek

Wie alles begann
Zum Snowboardcross wiederum kam der nunmehrige Olympiasieger Alessandro Hämmerle auf Umwegen. In Jugendjahren war „Izzi“ eigentlich noch Freestyler und startete in der Halfpipe, doch Papa Hanno spürte, dass sein Sohnemann in dieser Sportart nicht richtig aufgehoben war, weil die Ernsthaftigkeit fehlte. Daraufhin wechselte „Izzi“ zum Snowboardcross. Papa Hämmerle finanzierte seinem Sohn im Februar 2010 die erste Flugreise als Boardercrosser, damit der damals 16-Jährige bei einem Europacup-Rennen im norwegischen Kongsberg teilnehmen konnte. Seinerzeit gehörte Alessandro Hämmerle nämlich noch nicht dem ÖSV-Kader an, war nur ein Gastfahrer. Das alles lässt zumindest etwas erahnen, wie weit für Alessandro Hämmerle der Weg in Olymp war und was der Montafoner und die Familie Hämmerle dafür alles auf sich genommen haben.

Ungewöhnlich warm

Und dann, so brutal ist der Sport, steht eines Tages der Wettkampf des Lebens an, bei dem Sekundenbruchteile und Millimeter entscheiden. Dieser Tag war für „Izzi“ eben gestern. Der olympische Wettkampf im Secret Garden begann mit den Seedingläufen, bei der im Qualifikationsmodus die Setzreihenfolge für den späteren Finalbewerb ermittelt wurde. Hämmerle wurde Vierter und erwischte ganz starke Konkurrenten auf dem Weg zur erhofften Medaillenentscheidung.
Im Achtelfinale war zunächst sein Brett sein größter Gegner. Denn das Material funktionierte bei den überraschend warmen Bedingungen nicht perfekt, statt minus 20 Grad hatte es „nur“ minus sieben Grad. Der dreifache SBX-Weltcupsieger ging trotzdem sofort nach dem Start in Führung, konnte sich allerdings nicht absetzen – weil ihm eben das Tempo fehlte. Als dann Mick Dierdorff zum Überholmanöver ansetzte, hatte der Montafoner wenig entgegenzusetzen. Hämmerle ließ den Amerikaner ziehen. Wohlwissend, dass die Goldmedaille nicht im Achtelfinale vergeben würde, sondern ihm der zweite Platz für den Aufstieg ins Viertelfinale reichte; und den sicherte sich der SBX-Superstar souverän. Auch der Wahl-Vorarlberger Julian Lüftner schaffte den Sprung in die Runde der letzten Acht ganz sicher. Die anderen beiden ÖSV-Boarder Jakob Dusek und Lukas Pachner schieden dagegen völlig über­raschend im Achtelfinale aus.

Ein Sieg für die Ewigkeit
Hämmerle, hier in rot, hatte ein schwere Auslosung, im Viertelfinale bekam er mit den Weltmeistern Lucas Eguibar (2021, in gelb), Mick Diedorff (2019, in blau) und den Weltcup-Führenden Martin Nörl (in grün) zu tun. Izzi behielt in dem schweren Lauf kühlen Kopf. Reuters

Brettwechsel

„Izzi“ wechselte nun das Brett, denn im Viertelfinale wartete auf ihn ein Lauf, der ein vorweggenommenes großes Olympia-Finale war. Neben Achtelfinalgegner Dierdorff, Weltmeister des Jahres 2019, traf er auf den amtierenden Weltmeister Lucas Eguibar und den aktuell Weltcupführenden Martin Nörl, der zuletzt drei Rennen in Serie gewonnen hatte. Jetzt hatte der Gaschurner perfektes Material unter seinen Füßen.
Er konnte sich noch auf der Startgerade absetzen und entkam so der Szene, als in der vierten Kurve Dierdroff stürzte und Nörl mitriss. 2018 noch wurde „Izzi“ im Halbfinale von Pierre Vaultier aus dem Rennen gerissen. Doch dieses Mal war alles anders. Im Halbfinale traf Hämmerle ein erstes Mal auf seinen späteren Gold-Konkurrenten Grondin. Der Kanadier kontrollierte das Halbfinale von der Spitze weg, Hämmerle konnte das Tempo als Zweiter zwar mitgehen, kam aber nie in die Position, Grondin attackieren zu können. Dafür konnte er, und das war im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert, aus nächster Nähe die Linienwahl seines Konkurrenten studieren.

Showdown

Dann kam es im gro­ßen Finale zum Showdown um Gold zwischen Hämmerle und Grondin sowie den Herausforderern Omar Visintin und Julian Lüftner. 15.20 Uhr Ortszeit: Den besten Start erwischte Grondin, der bis hierhin, so ehrlich muss man sein, der schnellste Mann im Feld war. „Izzi“ blieb dieses Mal aber dicht dran und schloss auf der langen Geraden des Mittelteils zu Grondin auf. Vor der dritten Kurve, einer Rechtskurve, schaffte es Hämmerle, sich an die Innenposition zu setzen. Er nahm die Kurve grandios und war nun in Führung. Jawoll! Jetzt war Grondin in der Verfolgerrolle, „Izzi“ fuhr ein perfektes Rennen, bog als Führender in den Zielhang ein.
So ein bisschen erinnerte die Szenerie an das WM-Finale im Vorjahr, als Eguibar aus dem Windschatten heraus auf den letzten Metern an Hämmerle vorbeizog. Doch der Montafoner hat daraus seine Lehren gezogen. Nach dem Zielsprung setzte Grondin zur finalen Attacke an, schien für den Bruchteil einer Sekunde an Hämmerle vorbei, dann aber presste sich „Izzi“ auf den letzten Zentimetern der Strecke wieder an die Spitze.

Ein Sieg für die Ewigkeit
Beim dramatischen Zieleinlauf hatte Hämmerle in blau die Brettspitze um ein paar Zentimeter vorn, was dann später das Zielfoto bestätigte. GEPA


Im Ziel angekommen, tröstete „Izzi“ den viertplatzierten Lüftner, im Glauben, dass er mit zwei Hundertstel Vorsprung Gold gewonnen hat. Dann plötzlich wurde die Entscheidung auf die Auswertung des Zielfotos vertagt. Nach bangen Sekunden, die für Hämmerle wohl wie eine Ewigkeit waren, löste das Fotofinish um 15.22 Uhr Ortszeit endgültig auf, was schon in realer Geschwindigkeit erkennbar schien: Hämmerle war Olympiasieger. Morgen könnte „Izzi“ im Teambewerb nachlegen, er überlegt aber ernsthaft, den Platz Lüftner zu überlassen. Hämmerle ist eben ein ganz Großer.

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