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„Moment, ich bin ja schon Olympiasieger“

11.11.2024 • 09:10 Uhr
Beijing Olympics Medal Ceremony
Alessandro Hämmerle wurde am 10. Februar 2022 SBX-Olympiasieger. AP

Am 10. Februar 2022 und damit vor rund 1000 Tagen wurde Alessandro Hämmerle in Peking Olympia­sieger. Der Boardercrosser mit privaten Einblicken zu seinem Olympiagold.

Sie traten am Nationalfeiertag in der ORF-Livesendung „Neun Plätze, neun Schätze“ als prominenter Vorarlberger Botschafter auf und warben für Vorarlbergs Nominierung, das Harder Seeufer. Wie hat Ihnen die Sendung gefallen?
Alessandro Hämmerle: Das war ein ganz spezieller Auftrag, mal etwas ganz anderes. Es wäre vermutlich noch etwas authentischer gewesen, wenn ein Ort im Montafon zur Wahl gestanden wäre, aber ich habe durchaus eine Verbindung zu Hard, weil wir dort im Sommer immer wieder mal am Skaterpark ein Alternativtraining veranstalten.


Geben solche Medientermine Kraft oder kosten sie Energie?
Hämmerle: Beides trifft zu. Es ist schon ein zusätzlicher Aufwand. Die An- und Abreise nach Wien und zurück kosten Zeit und Energie, das hängt einem ein, zwei Tage nach. Die Sendung an sich hat großen Spaß gemacht. Es war eine super Möglichkeit, den Snowboardcross-Sport einem ganz breiten Publikum näher zu bringen. Diese Chance wollte ich einfach nutzen.

Anders gefragt: Sind solche Termine Pflichtaufgaben, die man letztlich nach Abwägung der Vor- und Nachteile annimmt oder freut man sich auf so einen Auftritt?
Hämmerle: Auch da trifft beides zu. Als Außenstehender denkt man sich vielleicht, wieso, was redet er da, so eine Einladung ist doch eine Ehre. Ja natürlich, aber so eine lange Livesendung ist mit der Vorbereitung und dem Drumherum schon echte Arbeit und stressig, auch wenn das der Zuseher nicht sieht. Am meisten Spaß gemacht hat mir, so interessante Persönlichkeiten wie Hans Krankl, den ehemaligen Skirennläufer Bartl Gensbichler oder die Fußballerin Viktoria Schnaderbeck kennenzulernen. Außerdem konnte ich den Wien-Aufenthalt mit einem privaten Besuch verbinden, ein guter Freund von mir ist gerade Papa geworden.

Wie war denn Hans Krankl so?
Hämmerle: Staubtrocken lustig. Ich bin leider etwas weniger mit ihm ins Gespräch gekommen wie erhofft, aber ihn zu treffen war echt was Besonderes. Er ist echt eine Legende, aber das muss ich Ihnen ja nicht erzählen. (lacht)

Als Student habe ich eine Radio-Satiresendung über Cordoba 78 gemacht, an der er mitgewirkt hat und großartig war. Hat er Sie gekannt?
Hämmerle: Ich habe ihn nicht direkt darauf angesprochen, darum kann ich jetzt weder Ja noch Nein sagen. Man denkt sich irgendwie: Wieso sollte mich einer wie Hans Krankl kennen? Aber man kann die Frage auch umdrehen: Warum sollte mich ein so sportinteressierter Mensch wie Hans Krankl nicht kennen und nicht zumindest mal meinen Namen gehört haben? So oder so – jetzt kennt er mich auf jeden Fall. (lacht)

Vor Ihrem Olympiasieg hätten Sie wohl kaum eine Einladung zu so einer Sendung erhalten?
Hämmerle: Ah, jetzt weiß ich, worauf Sie hinaus wollen, ein raffinierter Gesprächsaufbau. (schmunzelt) Es ist schwer zu sagen, einerseits hoffe ich schon, dass ich auch davor interessant genug gewesen wäre, um Vorarlberg zu repräsentieren, was mich stolz gemacht hat, das möchte ich betonen. Aber die Wahrscheinlichkeit, solche Einladungen und Anfragen zu bekommen, ist mit dem Olympiasieg schon deutlich höher geworden. Ich gehe mal davon aus, dass wir jetzt beim eigentlichen Thema angekommen sind: 1000 Tage Olympiasieg.

Olympiazentrum
Hämmerle blickt im NEUE-Gespräch auf seinen Olympiasieg zurück. Klaus Hartinger

So ist es. Am Mittwoch waren es 1000 Tage seit Ihrem Olympiasieg im Secret Garden. Ist Ihnen die Zeit seither lang oder kurz vorgekommen?
Hämmerle: Extrem kurz. Speziell das erste Jahr nach dem Olympiasieg ist regelrecht verflogen.

Wann wurde eigentlich der Olympiasieg zu einem Traum von Ihnen?
Hämmerle: Als Jugendlicher, als Snowboardcross olympisch wurde, wodurch es theoretisch möglich wurde. Ich erinnere mich, wie mich die Bilder vom Olympia­sieger Seth Wescott beeindruckt haben. Der Olympiasieg war das, was ich einen Dusch-Traum nenne, beim Duschen denkt man ja über alles Mögliche nach, unter anderem habe ich recht häufig darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn ich Olympiasieger würde. Da gibt’s die eine Geschichte, über die ich selber lachen muss: Eines Tages dachte ich beim Duschen wieder mal daran: Olympiasieger, das wär’s, das würde alles ändern! Ein Augenblick später wurde mir klar: Moment, ich bin ja schon Olympiasieger! (lacht)

Herrlich! So lustig diese Anekdote ist, sie zeigt auch auf, was für einen riesengroßen Traum Sie sich erfüllt haben.
Hämmerle: Auf alle Fälle. Dieser eine Moment, in dem mir unter der Dusche klar wurde: Ich muss nicht mehr davon träumen, ich habe dieses riesengroße Ziel erreicht, das mich jahrelang angetrieben hat – das war ein schöner Moment. Ich musste schmunzeln.

Was ist denn nun anders geworden mit Ihrem Olympiasieg?
Hämmerle: Die Anfragen und Aufträge haben sich sehr gehäuft, genauso die Möglichkeiten, meine Sportart zu repräsentieren – ich werde inzwischen oft zu Events eingeladen. Womit wir wieder bei meinem Auftritt bei „Neun Plätze, neun Schätze“ wären: Ich nehme nur Anfragen an, mit denen ich mich identifizieren kann. Es ist also nicht so, dass ich mich bei Events klammheimlich frage, was ich hier eigentlich mache. Wenn ich eine Einladung annehme, bin ich mit Überzeugung dabei. Auch finanziell habe ich einen Riesensprung gemacht. Nicht im Vergleich zu anderen Sportarten, Olympiasieger anderer Sportarten verdienen viel, viel mehr als ich. Aber ich bin zufrieden. Man erhofft sich das offen gestanden schon, dass mit einem Olympiasieg die Einnahmen steigen. Denn du trainierst so hart, ordnest dein ganzes Leben unter, um in die Weltspitze zu kommen. Aber solange du nicht Olympiasieger bist, sind selbst als sehr guter Boardercrosser die Verdienstmöglichkeiten limitiert.

Welche Erinnerungen steigen in Ihnen als Erstes auf, wenn Sie an Ihren Olympiasieg denken?
Hämmerle: Das Gefühl im Ziel, alles war so leicht. Wenn ich an den Olympiasieg denke, sehe ich das Zielareal vor meinen Augen. Ein schöner Moment war, als ich im Ziel ein erstes Mal Ruhe fand.

ABD0094_20220210 – ZHANGJIAKOU – CHINA: Olympiasieger und Goldmedaillen Gewinner Alessandro Haemmerle (AUT) nach dem Snowboard Cross-Bewerb der MŠnner am Donnerstag, 10. Februar 2022, in Zhangjiakou. – FOTO: APA/EXPA/JFK
Ein gedankenversunkener Alessandro „Izzi“ Hämmerle nach seinem Olympia­sieg im Secret Garden. APA

Von diesem Augenblick gibt es ein wunderbares Foto: Sie sitzen am Boden, lehnen sich an eine Bande an, und Ihr Blick geht ins Leere.
Hämmerle: Genau diesen Moment meine ich. Das Foto ist nach den vielen Interviews entstanden, die ich nach dem Rennen geführt habe. Es ist bei Olympischen Spielen so, dass im Ziel eine Mediengasse voll mit TV-Stationen aus aller Welt auf einen wartet. Als Goldmedaillengewinner wollen alle mit dir sprechen. Nachdem ich den Medien-Marathon hinter mir hatte, habe ich mich auf den Boden gesetzt und versucht zu begreifen, was gerade passiert ist. Die Siegerehrung hat sich auch eingebrannt bei mir, obwohl: Als so prägend habe ich die Siegerehrung gar nicht empfunden. Ein großer Moment war der Empfang bei uns in Gaschurn.

Als wir damals von der NEUE zu Ihnen nach Hause kommen durften, mit Ihnen schon etwas vorfeierten und dann an Ihrer Seite den Weg zum Empfang machten.
Hämmerle: Das verstand sich von selbst, dass Sie zu uns nach Hause eingeladen waren, Sie haben mich meine ganze Karriere begleitet. Der Abend war sehr speziell, auch für meine Familie. Meine Familie hat mich immer unterstützt, immer an mich geglaubt, das war auch ihr Tag.

Haben Sie je zusammen mit Johannes Strolz Ihre Olympiasiege gefeiert? Ihr seid ja eng befreundet und habt eure Olympiasiege praktisch zeitgleich erobert.
Hämmerle: Nein, das ist sehr schade, eigentlich müssten Johannes und ich das noch nachholen. (lacht)

Ich habe das auch Johannes Strolz gefragt: Sind Sie sich über die Dimensionen Ihres Olympiasiegs bewusst?
Hämmerle: Es gibt Dinge, über die sollte man als aktiver Athlet nicht zu viel nachdenken. Dazu gehört, sich selbst nicht historisch einzuordnen, das sollen andere machen. Die Goldmedaille war eine riesige Genugtuung, ich habe lange davon geträumt, Stichwort Dusch-Traum. Aber mit solchen Träumen ist es so eine Sache: Man darf sich nicht einreden, dass man als Athlet gescheitert ist, wenn man nicht Olympiasieger wird. Diese Denkweise würde einen zerstören, denn ganz ehrlich: Wie viele große Sportler sind nicht Olympiasieger geworden?

Um bei Vorarlberger Sportlern zu bleiben: zum Beispiel Markus Schairer oder Marc Girardelli.
Hämmerle: Und keiner der beiden wird von sich glauben, dass sie keine große Karriere hatten.

Natürlich ist das schwer zu sagen, aber was hätte das mit Ihnen gemacht, wenn Sie in Peking beim Fotofinish einen Zentimeter hinter Eliot Grondin gewesen wären?
Hämmerle: Ich bin froh, dass ich bei der WM 2021 im Foto­finish Zweiter wurde und nicht bei Olympia, so viel kann ich auf jeden Fall sagen. (überlegt) Es hätte mich erst mal fertiggemacht, wenn ich bei den Spielen im Fotofinish Gold verloren hätte. Einen ganz kurzen Augenblick lang dachte ich im Ziel, dass ich womöglich wieder Zweiter bin. Wenn es so gewesen wäre, hätte ich mich nach einer ersten Enttäuschung über Silber gefreut, da bin ich mir ganz sicher. Denn du darfst bei Olympia nicht die Einstellung haben, dass du als Zweiter der erste Verlierer bist. Eine Olympiamedaille zu gewinnen ist eine große Leistung. Ich muss da etwas ausholen.

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So knapp war es beim Zieleinlauf im Secret Garden zwischen Hämmerle (l.) und Eliot Grondin. Reuters

Sehr gerne.
Hämmerle: Ich habe mich im Sommer zum ersten Mal als Zuschauer auf die Olympischen Spiele eingelassen. Davor habe ich immer versucht, die Olympischen Spiele als TV-Konsument etwas auszublenden. Ich war auch als Athlet nie bei Eröffnungsfeiern dabei. Wenn du in einem Stadion stehst und siehst, wie Tausende Sportler einmarschieren, mitunter auch noch Weltstars anderer Sportarten triffst, dann hätte mich das möglicherweise erdrückt. Weil du dir dann nämlich der Größe von Olympia bewusst wirst. Jetzt, nachdem ich Olympiasieger bin, kann ich mit den Dimensionen der Spiele ganz anders umgehen. Ich war im Sommer als Omega-Botschafter gemeinsam mit Uhrenliebhabern bei den Spielen in Paris und habe vieles gelernt. Zum Beispiel, dass Zuschauer einen völlig anderen Blick auf einen Wettkampf haben als ich als Athlet. Wir waren beim Springreiten, das ja im Schlosspark von Versailles stattgefunden hat. Das Ambiente war atemberaubend. Die riesigen Tribünen waren bis auf den letzten Platz gefüllt, und trotzdem war es so mucksmäuschenstill, dass man die Pferde schnaufen hörte. Natürlich kennt man aus dem Fernseher die Bilder von einem Springreiten. Doch wenn man vor Ort ist und sieht, wie hoch die Sprünge sind und realisiert, wie lange so ein Parcours ist, dann beeindruckt einen das zutiefst. Um wieder zurück zur Frage zu kommen: Bei Olympia startest du nicht nur für dich selbst oder nur als SBX-Mannschaft, sondern du vertrittst dein Land, du gehst für Österreich an den Start. Das ändert psychologisch so viel, das kann sich ein Außenstehender gar nicht vorstellen. Bei einem Weltcuprennen fahre ich das Training, ich absolviere die Qualifikation, da kenne ich die Abläufe, das ist Routine, alles andere interessiert mich gar nicht. Aber Olympia, das ist eine völlig andere Nummer. Ich war in Paris beim 50-Meter-Freistil-Finale in der Schwimmhalle. Mit Florent Manaudou war ein Franzose im Finale, was da in der Halle los war: einfach unbeschreiblich. Manaudou hat Bronze gewonnen, und gefühlt hat er es zusammen mit den Zuschauern geschafft. Wenn du so was erlebst, die Begeisterung spürst, dann begreifst du, was es bedeutet, bei Olympia eine Medaille zu gewinnen. Wenn ich in Peking im Fotofinish hinter Grondin Zweiter gewesen wäre, dann hätte mich das zwar insgeheim schon geärgert, wahrscheinlich sogar ein Leben lang, aber die Freude über Silber hätte alles überstrahlt. Wobei ich jetzt natürlich leicht reden habe. (lacht)

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Hämmerle spricht es an: Bei Olympia startet man auch für sein Land. Reuters

Sie halten inzwischen Vorträge: Meine Strategie in die Erfolgsspur. Sie sprechen dabei über: Keine Angst vor Fehlern. Was war denn Ihr wichtigster Fehler in Ihrer Karriere?
Hämmerle: Nach meinem ersten Weltcupsieg im Jahr 2013 und Platz sechs bei der WM dachte ich als blutjunger Athlet, dass das einfach so weitergeht. Aus dieser etwas naiven Fehleinschätzung habe ich viel gelernt. Ich habe 2013 im Frühjahr meine Matura gemacht und meinen Grundwehrdienst absolviert, darum konnte ich bis in den August hinein kaum trainieren. Ich dachte, das macht nichts, aber natürlich machte das was. Es begann eine Abwärtsspirale, auch mental, weil alles zusammen kam. Erst rissen sich meine Brüder Gino und Luca das Kreuzband, dann brach sich Mäki Schairer die Schulter, und schließlich hatte ich einen Mittelfußknochenbruch. Ein Ereignis nach dem anderen zog mich runter, ich war nicht in Form. Da ist mir ein Licht aufgegangen, wie viel schwieriger es ist, sich in der Weltspitze zu halten, als nach oben zu kommen.

Zu den Spielen in Sotschi 2014 fuhren Sie trotzdem als Medaillen­kandidat, Schairer galt als Top-Favorit. Dann gab es einen Wetterumschwung, es regnete, und Ihre Bretter liefen nicht. Inwieweit war das Ereignis lehrreich?
Hämmerle: Die Spiele 2014 in Sotschi haben mir auf brutale Weise verdeutlicht, dass Erfolg keine Einzelleistung ist. Erfolg ist immer eine Teamleistung. Denn alle im Team müssen am Punkt sein. Alles und jeder muss perfekt aufeinander abgestimmt sein, jeder leistet einen wichtigen Beitrag. Wie groß meine Medaillenchancen damals in Sotschi waren, traue ich mir gar nicht zu sagen, an einem sehr guten Tag hätte es schon passieren können. Aber vor allem für Markus war es bitter, mit dem richtigen Brett unter den Füßen hätte Sotschi seine Spiele werden können. Alle Beteiligten haben damals die richtigen Schlüsse daraus gezogen, denn es war mit freiem Auge ersichtlich, dass wir nicht vom Fleck kamen.

2018 in Pyeongchang hat Pierre Vaultier im Halbfinale eine Kollision mit Ihnen verursacht. Mal ganz abgesehen davon, dass er für dieses Vergehen nicht disqualifiziert wurde: Er rappelte sich auf und wurde Olympiasieger. Haben Sie damals zu lange gezögert mit dem Weiterfahren?
Hämmerle: Ich habe auch aus Pyeongchang meine Lehren gezogen, aber nicht, was den Sturz betrifft. Da konnte ich nicht anders reagieren. Ich bin damals so heftig auf den Kopf gestürzt, dass mein Helm gebrochen ist. Als ich mich aufgerappelt hatte und mich orientierte, war Pierre bereits wieder in Fahrt, weil er bei der Landung etwas mehr Glück hatte. So bitter es ist, ohne diese Prise Glück geht es nicht. Außerdem habe ich bei dem Sturz keinen Fahrfehler gemacht, das heißt, ich hatte keinen Einfluss auf die Situation. Ich hätte allerdings verhindern können, dass ich in so einen starken Halbfinallauf komme. Ich war damals nicht nur in einem Heat mit Vaultier, sondern auch mit Alex Pullin und Nikolay Olyunin. Diesen schwierigen Raster habe ich mir durch meine schwache Qualifikation selbst eingebrockt, auch Markus Schairer war ja in meiner Hälfte. Natürlich gibt es Rennen, da liegen die Fehlerquellen außerhalb deiner Handhabe, wie bei der WM in Bakuriani 2023, als mich in Führung liegend Martin Nörl abgeräumt hat. Aber im Normalfall muss die Fehleranalyse immer bei einem selbst beginnen. 2018 in Pyeongchang ist mein Servicemann Christoph Vonbank auf mich zugekommen und hat klar ausgesprochen, dass er in der Qualifikation etwas zu viel herumprobiert hat mit dem Brett – und ich wusste, dass ich es trotzdem besser machen hätte können. Im Nachhinein kann man nichts mehr daran ändern, aber man muss die Lehren daraus ziehen. 2022 in Secret Garden hatte ich das perfekte Material am Fuß, weil wir alle miteinander den Mut hatten, nach dem Achtelfinale das Brett zu wechseln. Wir wussten aus der Erfahrung heraus, dass es so nicht reichen würde, und wir wussten auch, dass wir uns diesen riskanten Wechsel erlauben konnten, weil wir perfekt vorbereitet waren. 2014 und 2018 waren wir das alle miteinander nicht, aber ohne diese Erfahrungen wären wir 2022 nicht am Punkt gewesen. Im Secret Garden bin nicht ich alleine Olympiasieger geworden, sondern wir als Team.

Wie war das bei Ihnen: Sind Sie nach dem Olympiasieg lockerer geworden, oder wollten Sie unbedingt bestätigen, dass Sie die Nummer eins sind und zu Recht Olympiasieger wurden?
Hämmerle: In der ersten Saison habe ich schon großen Druck verspürt. Alle im Feld haben sich an mir orientiert, alle wollten mich schlagen, ich war gefühlt unter ständiger Beobachtung. Speziell in den ersten Rennen war der Druck enorm, viel höher als nach meinen Kugelgewinnen. Aber ich habe gelernt damit umzugehen. Ich konnte recht früh in der Saison ein Rennen gewinnen, danach wurde ich gelassener.

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Hämmerle konnte im Frühjahr an zwei aufeinanderfolgenden Tagen über einen Heimsieg im Montafon jubeln. GEPA

Wird man nach Erfolg süchtig?
Hämmerle: Definitiv ja. Man darf sich natürlich nicht nur über Siege definieren, aber wenn du mal gewonnen hast, willst du dieses Gefühl immer wieder erleben.

Was ist das Schönste an einem Sieg?
Hämmerle: Eigentlich der Stolz des Teams, also der Trainer, Betreuer, Serviceleute auf meine, unsere Leistung. Wenn ich gewinne, kann ich den vielen Leuten, mit denen ich zusammenarbeite, etwas für ihr Vertrauen und ihre Arbeit zurückgeben. Das gemeinsame Gefühl ist dann immer: Wir haben es wieder mal geschafft.

Sie halten bei 18 Weltcupsiegen, Pierre Vaultier ist mit 22 Siegen der Rekordsieger im SBX-Weltcup. Ist es ein Ziel von Ihnen, Vaultier zu überholen und zum erfolgreichsten SBX-Weltcupboarder aller Zeiten zu werden?
Hämmerle: Ja, das Ziel treibt mich gewaltig an, mehr, als ich es mir eingestehen will. Die Zahl 22 spukt definitiv in meinem Kopf herum. Ich komme der Marke in kleinen Schritten näher und hoffe, dass ich in dieser Saison der 22 noch näher komme.

Die SBX-Weltcupsaison beginnt zwar Mitte Dezember, nimmt aber erst im Februar Fahrt auf und dauert bis in den April hinein, mit den Highlights WM und Heimrennen im Montafon im März. Was für eine Auswirkung hat dieser veränderte Terminplan mit den so späten Saisonhöhepunkten?
Hämmerle: Für mich bringt es eine gewisse Erleichterung mit, dass mein Heimrennen nicht mehr zu Saisonbeginn stattfindet, weil einen das über die gesamte Vorbereitung hinweg stresst: Als Montafoner will ich natürlich im Montafon in Top-Form sein. Das hat zwar oft genug geklappt, ist aber eine Belastung. Um schon im Dezember in Top-Form zu sein, muss nämlich während der Vorbereitung alles nach Plan verlaufen. Da auch die WM sehr spät stattfindet, gehe ich viel ruhiger in die Saison. Natürlich will ich schon zum Auftakt liefern, aber der Formaufbau ist auf die Höhepunkte ausgerichtet.

Was das letzte Stichwort für dieses Gespräch ist: Die nächsten drei Großereignisse finden in der Region statt: 2025 die WM in St. Moritz, 2026 die Spiele in Cortina, 2027 steht die Heim-WM im Montafon an. Wie reizvoll ist das für Sie?
Hämmerle: Ich freue mich riesig darauf. Denn mit Ausnahme der WM 2015 in Kreischberg wurden während meiner Karriere alle Großereignisse sehr weit weg von hier ausgetragen. Dadurch war es für mein Umfeld schwierig bis unmöglich, dabei zu sein. Das wird sich in den kommenden Jahren ändern, da fahren wir vor meiner Haustüre, was meinen Hunger nach Erfolgen groß hält.