Jackpot für Altach, Harakiri von Sturm

NEUE-Sportchef Hannes Mayer kommentiert den Wechsel von Altach-Trainer Fabio Ingolitsch zu Meister Sturm Graz.
Der Wechsel von Fabio Ingolitsch zu Sturm Graz zeigt auf, wie am Sand der österreichische Klubfußball ist. Dass der Meister bei der Trainersuche erst bei Rieds Senft und nach dessen Absage bei Ingolitsch landet, lässt einen achselzuckend zurück. Der 33-jährige Ingolitsch ist beim FC Liefering gescheitert und musste den RB-Kosmos verlassen, hat danach bei der U21 des FC Zürich nur wenige Argumente für sich gesammelt – in Wahrheit ließen sich da schon die Altacher auf ein Experiment ein, als sie den Salzburger im Herbst 2024 präsentierten.
In Altach wirkte der Jungtrainer lange komplett überfordert. Ingolitsch kam nach 18 Spielen nur auf einen Punkteschnitt von 0,67 Zählern, stand beim SCRA mehr als nur ein Mal mit dem Rücken zur Wand. Dass die Rheindörfler im Sommer nicht abstiegen, lag vor allem am Chancenwucher der Klagenfurter. Die Zukunft von Ingolitsch war nach der Saison wochenlang offen, letztendlich entschied sich der neue Sportdirektor Philipp Netzer dazu, am Trainer festzuhalten. Es folgte ein Herbst, in dem sich die Altacher verbessert zeigten: Was aber schon eher am stärkeren Kader und vor allem an der Qualität von Patrick Greil lag, denn überwiegend am Coaching. Zumal Altach auch im Herbst kritische Phasen erlebte.

Ingolitsch hat schon Potenzial, so ist es nicht, die Altacher Defensive ist mit nur 19 Gegentoren die beste der Liga. Aber seine Aufstellungen und Auswechslungen wirkten oft sehr eindimensional. Insbesondere sein Ingame-Coaching war oft mangelhaft. Nun hat Ingolitsch die Aufgabe übertragen bekommen, Sturm zu Titeln zu führen. Mit Blick auf den österreichischen Fußball ist ihm zu wünschen, dass er mit den Grazern durchstartet. Denn die Bundesliga braucht ein starkes Sturm Graz. Für die Attraktivität der Liga – und im internationalen Vergleich.
Die österreichischen Klubs spielen eine unterirdische Europacup-Saison, liegen in der Jahreswertung nur auf Rang 35, hinter Gibraltar. Damit verliert Österreich nahezu sicher ab 2027 den fünften Europacup-Platz. Warum dem so ist, zeigen solche Entscheidungen wie jetzt von Sturm. Wobei die Konstellation bei den „Blackies“ sehr speziell ist. Sturms deutscher Sport-Geschäftsführer Michael Parensen ist nach einer missglückten Sommer-Transferphase angezählt, die Klubführung hat Parensen dem Vernehmen nach untersagt, einen ausländischen Trainer zu verpflichten. Zudem sei Präsident Jauk stark bei der Trainersuche involviert gewesen. So wurde es also Ingolitsch, für den Sturm freilich eine riesengroße Chance ist. Bei den Grazern sind sie komplett von ihm überzeugt, und auch die Bayern sorgten ja vor eineinhalb Jahren für Verwunderung, als sie Vincent Kompany holten, der gerade mit Burnley abgestiegen war. Heute gilt Kompany als Startrainer. Nur hat der als Spieler von Pep Guardiola gelernt. Aber vielleicht passt ja Ingolitschs Idee vom Fußball zu Sturm: Im System Ingolitsch ist das Pressing der Spielmacher, damit ähnelt er Sturms Meistertrainer Ilzer. Trotzdem: Sturm lässt sich da auf ein Harakiri ein.
Den Altachern kann das alles egal sein, für die ist der Deal dank einer kolportierten Ablösesumme von rund 500.000 Euro ein Jackpot. So wirklich traurig werden die wenigsten in der SCRA-Führungsetage über den Abgang von Ingolitsch sein, denn so klar war das noch nicht, dass man mit dem 33-Jährigen über den Sommer hinaus weiter macht. Jetzt ist Ingolitsch beim Meister gelandet. Das passt zur Lage des österreichischen Klubfußballs.