Sport

Nagel: „Von vorne bis hinten war alles falsch“

10.01.2026 • 21:54 Uhr
Nagel: „Von vorne bis hinten war alles falsch“
Hubert Nagel und im Hintergrund Bernd Bösch bei der Jahreshauptversammlung der Austria am 18. Jänner 2019. Klaus Hartinger

Die NEUE würdigte zuletzt Bernd Bösch mit dem NEUE-Ehrenpreis. Der ehemalige Austria-Boss Hubert Nagel fand, dass der Artikel über Böschs Leistungen bei der Austria von vorne bis hinten falsch sei und verlangte eine Richtigstellung. Ansonsten würde er Klage einreichen.

Vergangene Woche war an dieser Stelle eine Würdigung zu Austrias nunmehrigen Ex-Vorstandssprecher Bernd Bösch zu lesen, der den NEUE-Ehrenpreis des Jahres 2025 erhielt. Dem langjährigen Ex-Austria-Präsidenten Hubert Nagel gefiel der Artikel überhaupt nicht und beanstandete in einem teils sehr intensiven Telefongespräch vehement die Darstellung, wonach Bernd Bösch mit seiner Reformgruppe im Februar 2019 einen verschuldeten Verein übernommen habe. Die Verbindlichkeiten hätten 200.000 Euro betragen, von der Bundesliga sei noch jedoch eine Zahlung von 300.000 Euro offen gewesen, die im Laufe des Frühjahrs anstand. Also habe man den Verein mit einem Plus von 100.000 Euro übergeben. „Der Verein war pumperlgsund“, so Nagel.

Umbruch
Um Bernd Bösch hatte sich 2018 eine Reformgruppe gebildet, die Veränderungen bei der Austria als nötig betrachtete und in Absprache mit Nagel nach der Saison 2018/19 die Verantwortung bei der Austria übernehmen wollte. Alain Bauwens vom damaligen Austria-Hauptsponsors Planet Pure ließ wissen, dass einst bei der Unterzeichnung des Sponsorenvertrags eine Veränderung an der Klubspitze vereinbart worden sei. Nagel selbst betonte bei der Vorstellung des Hauptsponsors am 1. Dezember 2017: „Sie haben mir versprochen, einen Nachfolger für mich zu finden, weil ich mittlerweile ziemlich müde bin und froh bin, wenn das Ganze in geordnete Bahnen übergeben werden kann. Da werde ich mich sicher nicht verschließen, sondern ganz im Gegenteil, ganz aktiv daran mitarbeiten.“
Nagel jedenfalls stellte sich bei der Jahreshauptversammlung am 18. Jänner 2019 dann letztlich trotzdem zur Wahl, und das ohne Gegenkandidaten, denn die Reformgruppe wollte unbedingt eine Kampfabstimmung vermeiden. Nagel betonte bei seiner Wahlrede: „Wenn es andere machen sollen, werde ich das akzeptieren. Diese müssten allerdings den gesamten Verein übernehmen und auch Papiere unterschreiben, die schmerzhaft sind.“ Bei der anschließenden erstmals geheim durchgeführten Wahl wurde Nagel mit 119 Stimmen und 107 Gegenstimmen nur ganz knapp wiedergewählt. Nagel lehnte die Wahl ab, mit ihm traten auch die Vizepräsidenten Reinhard Bösch und Christian Ortner zurück. Damit war die Austria führungslos, die Reformgruppe musste den Verein sofort übernehmen, wichtige finanzielle Aspekte waren aber noch ungeklärt. In einer Stellungnahme vom 30. Jänner 2019 schrieb die Reformgruppe: „Wir sehen uns zum jetzigen Zeitpunkt nicht in der Lage, den Schuldenrucksack aus dem laufenden Saisonbetrieb zu übernehmen und gleichzeitig die Voraussetzungen für die anstehende Lizenzierung zu schaffen.“
Demnach hätte ein Wirtschaftsprüfer prognostiziert, dass die Austria die Saison mit einem Verlust von 350.000 bis 400.000 Euro abschließen würde. Bösch kommentierte damals diesen zu erwartenden Fehlbetrag wie folgt: „Für mich persönlich ist das Risiko zu groß, diese Verbindlichkeiten einfach so zu übernehmen.“ Darüber hinaus war möglich, dass sich der prognostizierte Abgang um weitere 250.000 Euro erhöht, falls nämlich die Grün-Weißen für die kommende Saison 2019/20 nicht die Lizenz erhalten würden. Der Lizenzantrag musste bis 5. März abgegeben werden, die Zeit drängte also.

Nagel: „Von vorne bis hinten war alles falsch“
Die seinerzeitige Stimmauszählung bei der Jahreshauptversammlung 2019. Hartinger

Gerne schuldenfrei
In der Öffentlichkeit befürchteten viele, dass sich die Grün-Weißen ob der ungeklärten Fragen in den Amateurfußball zurückziehen müssen. Bei Radio Vorarlberg sagte Hubert Nagel am 30. Jänner 2019 in der Sendung „Neues bei Neustädter“ zur finanziellen Lage der Austria: „Ich wäre bereit gewesen, alleine noch einmal da hinzustehen. Jetzt wären sie doch zu fünft, oder sie haben ja noch mehr Sympathisanten, die das zusammenbringen können, ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein großes Problem ist.“ Nagel bei Neustädter weiter: „Wenn ich die Erträge von den Spielern bekomme, dann übergebe ich die Austria gerne schuldenfrei, das ist überhaupt kein Problem. Ich habe dem Herrn Bösch angeboten, dass ich das ausgleiche, dann aber eben das Geld bekomme von denen, die wir verkaufen.“
Am Ende bleibt: Wir als NEUE ziehen die in der Vorwoche veröffentlichte Darstellung zurück, wonach Bernd Bösch und seine Reformgruppe per 13. Februar 2019 bei der außerordentlichen Jahreshauptversammlung eine verschuldete Austria übernommen haben. Eine Wirtschaftsprognose, auf die sich Bösch bezog, ist ungleich mit einem tagesaktuellen Buchhaltungssaldo. Inwieweit die damaligen Aussagen für sich sprechen, sei jedem überlassen.

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Anstelle von Bösch hätte Hubert Nagel den Stürmer Ronivaldo verkauft. GEPA/Lerch

Kritik
Hubert Nagel hatte aber noch viel mehr am NEUE-Artikel über Bösch und dessen Ehrung mit dem Titel „Ihm gelang, was unmöglich schien“ zu kritisieren. Der Artikel sei voller Fehler, von hinten bis vorne falsch. Er verlange eine Richtigstellung, sonst würde er klagen. So hätte Bösch 2019 ja die Möglichkeit gehabt, Ronivaldo für viel Geld zu verkaufen, dann wäre finanziell alles kein Problem gewesen. Aber die neue Führung sei sich laut Nagel dafür zu fein gewesen. „Lieber hat man Ronivaldo ein Jahr später verschenkt. War das etwa schlau?“ Rückblick: Nach Austrias ÖFB-Cup-Final­einzug 2011 wollte unter anderem Bundesliga-Aufsteiger Admira Wacker und später Rapid Wien Lustenaus seinerzeitigen Überflieger Sascha Boller verpflichten. Nagel pokerte so hoch, dass sich alle interessierten Klubs aus den Verhandlungen zurückzogen. Im Winter 2012/13 scheiterten mehrere Versuche von Nagel, den auslaufenden Vertrag von Boller zu verlängern, der Deutsche wechselte zur Saison 2013/14 ablösefrei zu Aufstiegs-Hauptkonkurrent Grödig. Nach einem unruhigen Frühjahr und einem praktisch verpassten Aufstieg wurde Boller im April 2013 aus dem Kader gestrichen.
Nagel gefiel auch überhaupt nicht die Darstellung, dass die Austria im Jänner 2019 keine Perspektive hatte. „Wir gehörten zu den besten 15 Vereinen Österreichs und hatten den höchs­ten Zuschauerschnitt in der 2. Liga. Wenn das perspektivlos ist, weiß ich auch nicht mehr.“ In der Saison 2018/19 hatten die Lustenauer einen Zuschauerschnitt von 1620 Besuchern und 2019/20 bis zum coronabedingten Saisonunterbruch im März 2020 einen Schnitt von 2260 Zuschauern, wobei das mit 4200 Besuchern ausverkaufte Derby gegen den FC Dornbirn in die Post-Nagel-Ära fiel. In beiden Spielzeiten lagen die Grün-Weißen auf Rang drei der Zuschauertabelle. Den höchsten Zuschauerschnitt in der 2. Liga hatte Austria Lustenau davor zuletzt in der Saison 2012/13. Nagel hatte 2004 bei den Grün-Weißen die sogenannte „Schneeballkarte“ als vergleichsweise billiges Saisonabo eingeführt: In der Saison 2016/17 kostete die Jahreskarte zum Beispiel 80 Euro, obendrauf gab es für die schnellsten Käufer eine Austria-Tasche mit Geschenken dazu. Mit dem Kauf einer Schneeballkarte reduzierte sich der Ticketpreis pro Spiel je nach Saison auf drei bis knappe fünf Euro. Der neue Vorstand um Bernd Bösch erhöhte ab 2019 deutlich die Saisonkartenpreise, die Besucherzahlen gingen im Vergleich zu den Vorjahren, sicherlich auch ob des sportlichen Erfolgs, deutlich nach oben.

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Austria Lustenaus Einzug ins ÖFB-Cup-Finale 2020 sei laut Nagel kein Verdienst von Bernd Bösch und dessen Vorstandsteam. GEPA

ÖFB-Cup-Finale
Als weiteren Beleg dafür, dass die Austria im Jahr 2019 keine neuen Impulse von außen brauchte, führte Nagel im Telefongespräch den Marketingpreis der österreichischen Bundesliga an, den die Grün-Weißen in der Saison 1998/99 für das Austria-Dorf gewonnen hatten. Nagel ließ im Telefongespräch mit der NEUE auch nicht gelten, dass Lustenaus abermaliger ÖFB-Cup-Finaleinzug im Jahr 2020 ein Verdienst des neuen Vorstands und somit eine Begründung für die Ehrung von Bernd Bösch sei. „Die Austria hat den Finaleinzug mit dem Kader geschafft, den ich in der Saison davor zusammengestellt habe, es gab maximal zwei Veränderungen. Eigentlich ist der Finaleinzug also noch mein Erfolg.“ Laut transfermarkt.de hatten die Lustenauer zur Saison 2019/20, die Sommer- und Wintertransferphase zusammengefasst, in Summe 26 Zugänge und 27 Abgänge. Zudem wechselten die Austrianer im September 2019 den Trainer, stellten Gernot Plassnegger frei und holten Roman Mählich, per Jahresende 2019 trennten sich die Grün-Weißen und Sportdirektor Chris­tian Werner, es kam Alexander Schneider als Sportkoordinator.

Stadion
Auch überhaupt nicht einverstanden zeigte sich Nagel im Gespräch mit der NEUE damit, wonach es Bösch und sein Vorstandsteam gewesen seien, die den Stadionbau in Lustenau verwirklicht hätten. „So ein Blödsinn. Der Bau wurde 2017 von der Gemeinde beschlossen, es wurde auch ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben und im Frühjahr 2018 das Siegerprojekt vorgestellt.“ Auf die NEUE-Anmerkung, dass der Weg nach Nagels Amtsende per 18. Jänner 2019 noch sehr, sehr weit gewesen und alles ungewiss gewesen sei, meinte der 74-Jährige: „Der Weg war nicht weit. Der Bau war beschlossen, es war alles geklärt. Das ist ein weiterer grober Fehler in dem Artikel, der Neubau des Reichshofstadions ist kein Verdienst des neuen Vorstands, sondern meiner.“ Zum Zeitpunkt des Vorstandswechsels klagte seit dem Frühjahr 2018 eine Anrainerin des Reichshofstadions auf Einstellung des Spielbetriebs – aufgrund der Lärm- und Lichtbelastung.
Die Klage wurde letztinstanzlich im Oktober 2019 abgewiesen. Später reichte die Anrainerin einen weiteren Einspruch ein, den sie erst im November 2022 nach intensiven Gesprächen zurückzog. Weitere Meilensteine: Am 27. Juni 2019 beschließt die Gemeindevertretung der Marktgemeinde Lustenau den Generalplanungsvertrag und die Freigabe des Siegerprojekts des Architekturwettbewerbs unter der Voraussetzung der Finanzierungsbeteiligung des Landes Vorarlberg von 50 Prozent. Herbst 2020: Landeshauptmann Markus Wallner und die Sportlandesrätin Martina Rüscher zeigen weiterhin Bereitschaft zur Förderung des Lustenauer Stadionneubaus, jedoch ohne konkrete finanzielle Zusage. Die Förderung wird schließlich erst über ein Jahr später, am 14. Dezember 2021, in einer Regierungssitzung der Vorarlberg Landesregierung beschlossen. Februar 2022: Die Bauverhandlung für den Stadionneubau findet im Reichshofstadion statt. Am 30. Juni 2022 beschließen die Lustenauer Gemeindemandatare die Vergabe der Planungsleistungen mit einem Auftragsvolumen von 1,4 Millionen Euro. Ende November 2022 stellt das Landesverwaltungsgericht Vorarlberg den rechtskräftigen Baubescheid aus. Am 15. Juni 2023 stimmt die Bregenzer Stadtvertretung der Adaptierung des Immo-Agentur-Stadions für 1,7 Millionen Euro zu, die nötig war, damit das Stadion Bundesligatauglichkeit erlangt und die Austria während des Lustenauer Stadionbaus nach Bregenz ausweichen kann. Am 13. November 2023 beginnen die Abbrucharbeiten beim alten Reichshofstadion, der Spatenstich zum Neubau erfolgt am 4. Dezember 2023. Am 8. April 2025 findet der Spatenstich für den Bau des neuen Austria-Centers statt. Die nunmehrige Sun-Minimeal-Arena wird am 19. Juli 2025 eröffnet. Zur Einordnung: Die NEUE titelte am 29. August 2021: „Erstmals spricht die Tendenz für einen Stadionbau“.

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Die im Juli 2025 eröffnete Sun-Minimeal-Arena ist laut Nagel ebenfalls kein Verdienst seiner Nachfolger. GEPA/Lerch

Ehrung bleibt. Die NEUE bleibt also dabei: Bernd Bösch hat sich als Erneuerer bei Austria Lustenau den NEUE-Ehrenpreis verdient. Es ist bedauerlich, dass nach einer Würdigung einer Amtsleis­tung ein Artikel wie der heutige in dieser Länge notwendig wurde. Vor dem ÖFB-Cup-Finale 2020 sagte Nagel den „VN“: „Ich gebe gerne zu, dass ich mich nicht mehr gänzlich unbefangen über Austria-Siege freue. Weil ich es nicht mehr jedem gönne.“