Sport

Vonn könnte fast schon mit Ali gleichziehen

07.02.2026 • 22:29 Uhr
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Schreibt Lindsey Vonn heute Geschichte? GEPA

Head-Rennsportleiter Rainer Salzgeber meldet sich von den Winterspielen. Er erzählt von His­torischem und blickt auf die heutige Damen-Abfahrt (11.30 Uhr).

Endlich sind die Winterspiele zurück in Europa, oder um es geografisch korrekt auszudrücken, im europäischen Kernland. Nach den Spielen 2014 in Sotschi, die ein paar Kilometer vor der asiatischen Grenze ausgetragen wurden, und den zwei tatsächlichen Spielen in Asien von Pyeongchang 2018 und Peking 2022 ,tut es sehr gut, dass Olympia wieder in heimischen Gefilden stattfindet. Gerade für uns im Alpinbereich sind die Wettkampfstätten in Cortina und Bormio ein vertrautes Terrain.

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Die Eröffnungsfeier im Mailänder San Siro war ein Spektakel. AFP

Spektakel
Der Auftakt der Spiele ist gemacht. Die meiner Meinung nach zu Recht vielgelobte Eröffnungsfeier war der offizielle Beginn, mit der gestrigen Herren-Abfahrt stand gleich am ersten regulären Wettkampftag ein absolutes Highlight auf dem Programm. Aus Head-Sicht war es ein traumhafter Tag. Denn mit Franjo von Allmen stellen wir erneut den Olympiasieger in der alpinen Königsdisziplin Herren-Abfahrt. Es ist das vierte Mal in Folge, dass ein Head-Läufer bei Olympischen Spielen Abfahrts-Gold gewinnt. Es ist fast schon schwierig, meine Gefühle in Worte zu fassen. Ich bin stolz und auch etwas ergriffen, denn ich kann mir fast nicht vorstellen, dass es das in der Geschichte den Skirennsports schon mal gab. Jeder dieser vier Abfahrts-Olympiasiege war besonders: 2014 Matthias Mayer, 2018 Aksel Lund Svindal, 2022 Beat Feuz – aber der Sieg von Franjo von Allmen toppt in gewisser Weise alles. Gerade, weil das Rennen in Bormio stattfand, und damit auf einer Strecke, die aus dem Weltcup alle Topläufer wie ihre Westentasche kennen.

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Auch wenn es uns Österreichern nicht gefällt: Ein sympathisches Podium bei der Herren-Abfahrt. GEPA

Olympische Variante Stelvio
Trotzdem mussten sich alle auf neue Charakteristiken einstellen, so, wie ich das schon in meinem letzten Beitrag angekündigt hatte: Die Läufer kennen Bormio von den Bedingungen im späten Dezember, jetzt präsentierte sich die Strecke in seiner Beschaffenheit doch wesentlich anders. Es war viel mehr Schnee auf der Strecke, was die Bedingungen so ein bisschen neutralisiert hat. Einerseits auf seine Strecken-Erfahrungen zurückzugreifen und andererseits die veränderten Bedingungen anzunehmen – das ist richtig groß. Ich sage aber auch ganz ehrlich, dass ich mich mit Giovanni Franzoni mitfreue, auch wenn er nicht dem Head-Team angehört. Aber das ringt mir schon sehr viel Respekt ab, wie der junge Bursche in seiner ersten Topsaison bei Spielen im eigenen Land cool geblieben ist. Franzoni ist 24, und Franjo von Allmen ist sogar noch ein paar Tage jünger – das vergisst man leicht ob der großen Erfolge, die Franjo schon gefeiert hat. Der junge Teufelskerl ist jetzt amtierender Weltmeister und Olympia­sieger in der Abfahrt. Ich glaube, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage: Den beiden gehört die Zukunft. Und auch mit einem Dominik Paris kann und muss man sich mitfreuen. Auch an ihn meine Glückwünsche zum Medaillengewinn im eigenen Land.
Aus österreichischer Sicht ist die Abfahrt natürlich bescheiden verlaufen. Der sechste Platz von Vincent Kriechmayr ist bitter, das ist nicht das, was man sich bei uns in Österreich vorstellt. Und klarerweise haben wir auch wir bei Head gehofft, dass der ­beste ÖSV-Abfahrtsläufer unseres Teams eine Medaille holt. Diese Medaille wäre drin gewesen. Leider hat Vincent im Mittelteil bei der Traverse zu viel Höhe verloren, da hat er sechs Zehntel liegen lassen. In allen anderen Teilbereichen war Vincent voll dabei, am Ende fehlten ihm 27 Hundertstel auf Bronze. Aber mit dem Super-G am Mittwoch steht sein starker Bewerb erst noch an.

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Ein Blick über Bormio. AFP

Ruhe bewahren
Wir haben gestern auf der Stelvio ganz gro­ßen Sport gesehen. Ich muss wirklich sagen, mich hat das Rennen demütig gemacht. Ein Teil eines solch historischen Erfolgs zu sein, ist wirklich speziell. Aber wie immer: Diese Zeilen richte ich stellvertretend für alle an euch, die ihren Beitrag für diesem Erfolg geleistet haben bei Head. Und das sind viele: Das Entwicklungsteam, die Testteams und natürlich der Servicemann von Franjo von Allmen, dem auch etwas Historisches gelungen ist: Der Mann war schon vor vier Jahren der Servicemann des Abfahrts-Olympiasiegers – von Beat Feuz. Ein großes Danke an das Team von und um Patrick Wirth.
Ihr seht also, ich bin wirklich euphorisiert. Ich habe in meinen vielen Jahren bei Head schon vieles erlebt, aber das ist auch für mich ein ganz besonderer und ganz großer Moment. Ich erinnere mich noch, wie ich vor ein paar Tagen in Kitzbühel mit Franjo gesprochen habe, wie davor in Wengen hatte er ein paar Fehler zu viel bei seinem Lauf. Damals sagte ich zu ihm: Lass dich nicht aus der Ruhe bringen. Der Zahltag, der Tag, an dem du für deinen Speed belohnt wirst, wird kommen. Er ist gekommen.

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Das Knie, das die Schlagzeilen bestimmt: Lindsey Vonn fährt mit Kreuzbandriss. AFP

Kinoreife Lindsey
Heute bei der Damen-Abfahrt könnte es die nächs­te Sternstunde geben, und das auch wieder für Head: Lindsey Vonn stellt damenseitig bei Alpinen alles in den Schatten. Ihr Comeback wird zu Recht verfilmt, mit ihrem Kreuzbandriss erhält das Drehbuch eine neue schier unglaubliche Dramaturgie. Sind wir uns ehrlich: Wäre das ein Hollywood-Film, wir gingen alle kopfschüttelnd auf dem Kino. Alles völlig unrealistisch, typisch Kino. Und dieses Kopfschütteln ist auch hier in Cortina eine weitverbreitete Reaktion: Mit einem Kreuzbandriss eine Olympia-Abfahrt zu bestreiten, ist geradezu unglaublich. Aber mein Gefühl sagt mir, dass sie körperlich kaum Einschränkungen hat. Sie ist heute diejenige, die es zu schlagen gilt, Lindsey ist die Favoritin. Gleichzeitig müssen sich aber auch die Damen auf andere Bedingungen einstellen. Beim ersten Training war die Piste weich, beim zweiten Training herrschten Nebel und Schneefall. Es wird heute viel schneller und ähnlich bei der gestrigen Herren-Abfahrt mit dem San-Pietro-Sprung werden auch heute in Cortina die Wellen und Sprünge viel herausfordernder als bei den Trainingsläufen. Ich kann nur hoffen, dass das alles im Renntempo machbar ist, denn bei Olympischen Spielen wird keine Medaillenkandidatin bremsen. Mit Ariane Rädler hat im Training eine Vorarlberger Head-Läuferin aufgezeigt, auch Nina Ortlieb ist dabei, mal schauen, was am Ende rauskommt.
Ich bin wirklich gespannt, was das heutige Rennen bringt, viele werden heute Lindsey den Kampf ­ansagen. Alles ist möglich – und genau darum lieben wir diesen Sport so.