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Ein bisschen nervös ist selbst Hämmerle noch

31.01.2026 • 22:52 Uhr
Ein bisschen nervös ist selbst Hämmerle noch
Alessandro Hämmerle reinigt seine Skibrille. Klaus Hartinger

Am 12. Februar steht in Livigno das olympische Snowboardcrossrennen an. Olympiasieger Alessandro Hämmerle gewährt im nächsten Teil der Serie „Road to Olympia“ nicht nur Einblicke in seine Reisetaschen.

Alessandro Hämmerle empfängt die NEUE bereits bei der offenen Türe seiner Wohnung in Bludenz. „Darf ich euch einen Kaffee runterlassen?“, fragt der 32-Jährige gut gelaunt. Fotograf Klaus Hartinger geht sogleich zur Arbeit über und schießt ein Foto davon, wie Hämmerle die Kaffeemaschine bedient. Währenddessen erzählt „Izzi“ davon, wie er am Mittwoch stellvertretend für das österreichische Olympiateam zusammen mit Teresa Stadlober in der Hofburg den Olympischen Eid sprechen durfte. „Die Rede von Bundespräsident ­Alexander Van der Bellen hat mir sehr gut gefallen, er hat es geschafft, uns Athleten ein gutes Gefühl zu geben, und war gleichzeitig auch wirklich witzig.“ Hämmerle trägt die neue schicke Olympia­kleidung, aber kein Cappy seines Kopfsponsors, bei Olympia ist bekanntlich alles anders: Die privaten Sponsoren der Athleten sind von den Spielen verbannt. Nach einem kleinen Exkurs über den Amateursportwahn des einstigen IOC-Präsidenten Avery Brundage, dem Ausschluss von Karl Schranz und einem ersten Nippen am Kaffee beginnt das Gespräch, das weniger ein Interview, denn ein lockerer Austausch ist. „Ich bin schon deutlich nervöser als vor einem Weltcuprennen“, gesteht der zweiterfolgreichste SBX-Weltcupboarder aller Zeiten und schickt lachend hinterher: „Dabei müsste ich es eigentlich so langsam gewöhnt sein. Das sind meine vierten Spiele, aber ich werde schon jetzt leicht kribbelig, wenn ich an Olympia denke. Ich bin auch schon sehr vorsichtig, wenn ich mich sportlich betätige, damit ich mich ja nicht verletze.“ Das Gespräch fällt auf Lindsey Vonns Verletzung und darauf, dass Nina Ortlieb endlich mal Glück bei einem Sturz hatte.

Ein bisschen nervös ist selbst Hämmerle noch
Beim lockeren Austausch wurde viel gelacht. Klaus Hartinger

Taktische Variante. Am 12. Februar steht in Livigno der Einzelbewerb im Snowboardcross an. Izzi hat seine olympische Goldmedaille bereits an der Wand hängen, die im Hintergrund erhaben glänzt. „Das macht es schon viel einfacher, dass ich die Goldmedaille schon gewonnen habe“, sagt ein lockerer Hämmerle, dem nicht zuletzt der zweite Platz bei der Olympia-Generalprobe in China gut getan hat. Nicht nur die Rückkehr aufs Podest an sich, sondern gerade auch die Art und Weise, wie der Raketenstarter Zweiter wurde, gibt dem Montafoner jede Menge Selbstvertrauen. Ob der Windschattenschlacht im Zielhang verzögerte Hämmerle nämlich am Start, ließ sich also auf das sagenumwobene Nachstarten ein, das dann und wann von der Konkurrenz ausgepackt wird. „Eigentlich ist das nicht mein Fahrstil“, betont Izzi augenzwinkernd, der wohl der beste Starter im Feld ist, „aber ich habe mich vor dem Halbfinallauf mit unserem Co-Trainer Gernot Raitmair ausgetauscht – und wir waren beide der Meinung, dass das nichts wird für mich, wenn ich beim Start nichts probiere.“
Hämmerle ließ längst nicht so weit abreißen wie zum Beispiel Cameron Bolton tags zuvor, sondern verzögerte nur um einen Hauch. Dadurch ging der nunmehrige Bludenzer nicht als Führender über den oberen Teil der Strecke und konnte im Zielhang zum Überholmanöver ansetzen. Eliot Grondin, den Hämmerle 2022 bei den Spielen im Secret Garden im Fotofinish schlug, wollte dagegen den Lauf von der Spitze kontrollieren, fiel dann aber vom ersten auf den dritten Platz zurück. „Eigentlich will ich ja auch vornweg fah­ren, aber wenn im Zielhang der Windschatten so groß ist, muss man eine Alternative haben.“ Und genau das ist der Punkt. Sollten auch beim Olympiarennen in Livigno der Windschatten eine so große Rolle spielen wie beim Weltcuprennen in Dongbeiya, kann Hämmerle auf seine Erfahrungen von vor zwei Wochen zurückgreifen. „Ich weiß nicht, ob ich mich bei Olympia getraut hätte, diese Taktik auszuprobieren, denn ich bin mir gar nicht mal sicher, ob ich das überhaupt schon mal gemacht habe, am Start zu verzögern. Du darfst nämlich nicht zu viel Abstand nach vorne lassen, denn das holst du in einem starken Heat nicht mehr auf.“

Ein bisschen nervös ist selbst Hämmerle noch
Hämmerle bei der Verabschiedung in der Hofburg mit dem Bundespräsidenten. APA

Nadelöhr. Hämmerle erzählt, dass er bereits erste bewegte Bilder von der Olympiastrecke gesehen hat. Beim genauen Hinsehen hat er auch den Boarder erkannt, der über die Strecke durfte: Es war Lokalmatador Lorenzo Sommariva. „So ist das halt, wenn man Heimvorteil hat“, sagt Hämmerle und winkt ab. Fügt dann jedoch hinzu: „Die Italiener dürfen aber beim Streckentest einen Tag weniger auf den Kurs.“
Für diesen Donnerstag und Freitag sind nämlich Tests auf der Olympiastrecke in Livigno angesagt. Das kommt daher, weil in Livigno noch nie ein Weltcuprennen stattgefunden hat und die Boarder ausloten sollen, ob die Strecke funktioniert. Falls nicht, bleibt den Veranstaltern noch genügend Zeit für einen Umbau. Am Dienstag reist Hämmerle für die Streckentests nach Livigno an, er kann dabei mit Co-Trainer Raitmair mitfahren. Eher beiläufig erzählt der Boardercrosser, dass es bei der Anfahrt durch einen Tunnel geht, der als Nadelöhr während den Spielen nur mit einer Genehmigung befahren darf. Was eine doch recht wichtige Info für uns als Berichterstatter ist, die uns so nicht bekannt war.

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Hämmerle inmitten seiner Olympia-Utensilien. Klaus Hartinger

Vier Taschen
Dann berichtet Hämmerle davon, dass er am Freitag nach den beiden Testtagen nochmals für einen Abstecher heim kommt. „Das ist ein Luxus, der durch den nahegelegenen Wettkampfort möglich wird. Ich bin wirklich froh darüber, ansonsten wären das lange Tage bis zum ersten offiziellen Training am Dienstag geworden.“ Vier Taschen nimmt Hämmerle mit nach Livigno: Zwei mit Boards, eine mit Bindungen und Schuhen. Seine Kleidung und die Privatsachen bringt er in einer Tasche unter. „Kommt mit, ich zeig’ euch alles“ sagt Izzi und führt uns in sein Arbeitszimmer, in dem am Boden mehrere Taschen und allerlei Gegenstände stehen. Der 32-Jährige deutet auf eine Tasche und sagt: „Wir haben bei der Einkleidung sehr viele schöne Sachen bekommen“, spricht’s und checkt seine Skibrille, die er sogleich reinigt. „Ich muss noch schauen, was ich wirklich mitnehme, das hängt dann auch vom Wetter ab.“ Zum Bewerb nach Livigno bricht er dann nächsten Sonntag auf.

Kommenden Sonntag: Hämmerles Rituale vor dem Rennen und was er für die Stunden vor dem Start geplant hat.