Der Fall Massombo: Eine Frage der Klasse

Essay. Am Freitag weigerte sich Altach-Spieler Yann Massombo, mit seinem SCRA die Auswärtsfahrt zum Spiel bei Sturm Graz anzutreten. Offenbar nach einem Anruf von Altachs Ex-Trainer und jetzigen Sturm-Coach Fabio Ingolitsch. NEUE-Sportchef Hannes Mayer hat sich Gedanken zu dem Spielstreik gemacht. Ein Meinungsbeitrag.
Der Fall Yann Massombo ist verstörend. Und das so klar zu benennen, hat nichts mit einer Moralkeule zu tun oder damit, die Mechanismen des Fußballs auszublenden. Dass sich ein Spieler seinem Verein verweigert, hat es freilich im internationalen Fußball dann und wann schon gegeben. Das ist schon richtig. Aber Massombos Weigerung vom Freitag, die Fahrt zum Auswärtsspiel bei Sturm Graz anzutreten, ist ein Tiefpunkt im österreichischen Fußball. Und dieser Vorfall rückt nicht zuletzt Sturm-Trainer Fabio Ingolitsch in ein ganz schlechtes Licht. Massombos Verhalten ist klarerweise unentschuldbar, er hat seine Mitspieler, den Trainerstab, den Verein und die Fans im Stich gelassen. Ich bin mir jedoch unsicher, ob ihm bewusst war, welche Tragweite sein Verhalten haben würde.
Möglicherweise ist der 26-Jährige einfach naiv – ganz sicher ist er unfassbar schlecht beraten. So eine Aktion muss sein Berater verhindern. Aber wer auf jeden Fall wissen musste, was er da tut und was er nach dem Spiel ins Mikrofon sagt, ist Sturm-Trainer Fabio Ingolitsch. Sein Verhalten macht einem fassungslos. Massombo am Tag vor dem Spiel gegen Altach anzurufen, ist an Geringschätzung gegenüber den Altachern und damit gegenüber seinem ehemaligen Arbeitgeber kaum zu überbieten. Ohne die Rheindörfler wäre Ingolitsch heute nicht Sturm-Trainer: Der SCRA holte ihn im Oktober 2024 aus der Versenkung in den Profifußball zurück – der heute 34-Jährige war seinerzeit U21-Trainer beim FC Zürich, nachdem er zuvor beim FC Liefering krachend gescheitert war. Da würde man eigentlich mehr Respekt von Ingolitsch gegenüber dem SCRA erwarten.
Das Fass endgültig zum Überlauf gebracht haben dann Ingolitschs Aussagen nach Sturms glücklichen 1:0-Sieg gegen Altach. Da sagte der Ex-Altach-Coach ins Sky-Mikro: „Ich weiß auch nicht genau, wo das böse Blut herkommt vom Herrn Netzer. Wenn der Philipp ein Problem hat, kann er sich sehr gerne bei mir melden, ich habe immer noch die gleiche Telefonnummer. Wenn er den Mumm hat, kann er heute noch in unser Trainerbüro kommen.“ Diese Aussagen sind an Arroganz kaum mehr zu überbieten.
Was glaubt Ingolitsch denn bitte, wer er ist? Wieso muss Netzer auf ihn zugehen, wieso hat er nicht den Mumm, ein schlichtendes Gespräch mit seinem Ex-Arbeitgeber zu suchen? Dass Vereine die Spieler unerlaubterweise kontaktieren, ohne dem aktuellen Verein Bescheid zu geben, ist handelsüblich. Aber es kommt immer darauf an, wie man dabei vorgeht. Wenn Ingolitsch diesen Anruf am Sonntag oder Montag nach dem Spiel getätigt hätte und Sturm zeitnah bei Altach das Interesse an einer Verpflichtung hinterlegt hätte, sähe die Welt anders aus. Dann müsste man wirklich sagen: So ist es halt, das Geschäft Fußball. Warum konnte denn dieses persönliche Gespräch mit Massombo nicht noch ein, zwei Tage warten? War das wirklich nur ungeschickt, oder steckte da nicht doch auch Kalkül dahinter?
Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass Ingolitsch seinem Ex-Verein eins auswischen will – vielleicht, er in Altach als Trainer nicht unumstritten war und sein Wechsel zu Sturm für eine sechsstellige Summe fast schon ein Jackpot für die Altacher war? Dass Ingolitsch bei dem Gespräch Massombo zu einem Streik angestachelt hat, kann man zwar ausschließen – aber Massombos Verweigerung wird auch an Ingolitsch hängen bleiben.

Fragwürdig
Sturms Vereinsspitze wird nach NEUE-Informationen demnächst mit einer Aussendung die Vorgehensweise ihrer sportlichen Verantwortlichen demonstrativ verteidigen, was wohl auch daran liegt, dass die Altacher mit rechtlichen Schritten drohen. Aber Ingolitsch wird ab jetzt wohl noch mehr wie bisher in der Pflicht bei Sturm stehen zu beweisen, dass er das Format für einen österreichischen Spitzenklub hat, was er bislang noch nicht gelungen ist. Wenn man sich als Verein für einen Trainer in den Wind stellt, dann muss der es auch wert sein.
Ganz abgesehen von der Stilfrage darf man sich aber auch wundern, was ein Titelkandidat wie Graz mit Massombo als Fosso-Nachfolger im defensiven Mittelfeld anfangen will? Massombo hat unbestritten Qualitäten, für einen 26-Jährigen ist er aber noch erstaunlich roh. Auf dem Flügel kann er mit seiner Dynamik und seine Wucht sicherlich für viele österreichische Vereine eine Verstärkung sein, doch für das Spiel in der Schaltzentrale als Sechser ist sein Passspiel viel zu schlecht: In der aktuellen Saison bringt er nur 61 Prozent seiner Zuspiele zum Mann, seine Zweikampfquote ist durchwachsen – Massombo ist eigentlich das Gegenteil des Spielertyps, den ein Titelkandidat auf der Sechs braucht.
Soll heißen: Auch sportlich macht das alles eigentlich keinen Sinn für Sturm. Auch daran, ob Massombo überhaupt eine Verstärkung ist, würde Ingolitsch gemessen werden. Sofern denn Massombo überhaupt zu Sturm wechselt. Die kommenden Tage werden spannend. Ausgang offen. Ein Glück ist, dass Sandro Ingolitsch nicht mehr beim SCR Altach unter Vertrag steht. Das Verhalten seines Bruders wäre eine schwere Belastung für ihn und das Mannschaftsklima beim SCRA.
Die Altacher jedenfalls haben am Samstag bei ihrem couragierten Auftritt in Graz gezeigt, dass sie Charakter haben. Das konnten am Wochenende nicht alle von sich behaupten. Am Ende ist es schlichtweg eine Frage des Stils und der Klasse.