Meisterträume wären derzeit noch unseriös

Interview. Julian Rauch (38) ist zurück bei Bregenz HB – als Cheftrainer will der frühere Meisterspieler den Traditionsverein wieder nach vorne bringen. Rauch über sein Konzept, die Sehnsucht nach Erfolg und das Derby gegen Hard.
Sie sind mit Bregenz HB als Spieler viermal Meister geworden, haben hier die Jugend verbracht. Wie wird man Jahre später Trainer des Heimatvereins?
Julian Rauch: Durch meine Geschichte mit dem Verein ist der Kontakt nie abgerissen. Auch nach meinem Wechsel in die Schweiz habe ich immer verfolgt, was in Bregenz passiert. Als sich in der vergangenen Saison die Frage nach der zukünftigen sportlichen Ausrichtung gestellt hat, wurde ich angesprochen, ob ich mir die Aufgabe vorstellen könnte.
Mit welchem Konzept konnten Sie die Vereinsführung überzeugen?
Rauch: Mir war wichtig, nicht nur die erste Mannschaft zu betrachten. Ich habe mich intensiv mit der Akademie, der athletischen und medizinischen Betreuung sowie den gesamten sportlichen Abläufen beschäftigt. Ich kenne die Strukturen im Verein sehr gut und habe mir überlegt, was notwendig ist, damit Bregenz sportlich wieder in die richtige Richtung kommt. Was das Umfeld betrifft, mit den Funktionären, Sponsoren, Mitarbeitern und Fans, ist Bregenz Handball auf einem unglaublich hohen Niveau. Nur die sportliche Entwicklung hat zuletzt nicht mehr dazugepasst.
Was haben Sie seit Ihrem Amtsantritt konkret verändert?
Rauch: Eine ganze Reihe von Dingen. In der Akademie gibt es jetzt zusätzliche Technikeinheiten vor dem Schulunterricht und eine intensivere Athletikbetreuung. Besonders wichtig ist mir die Verbindung zwischen Nachwuchs und Kampfmannschaft. Deshalb habe ich keinen fixen Co-Trainer, sondern arbeite mit einem Rotationsprinzip, bei dem die Jugendtrainer eingebunden sind.

Klaus Hartinger
Das ist eher ungewöhnlich. Was versprechen Sie sich davon?
Rauch: Ich möchte nicht, dass die erste Mannschaft wie ein Satellit neben dem restlichen Verein existiert. Es muss einen Wissenstransfer geben. Die Jugendtrainer sollen wissen, wie wir arbeiten, welche Spielphilosophie wir verfolgen. Umgekehrt möchte ich von ihnen lernen. Wenn wir ähnliche Abläufe und Prinzipien verfolgen, erleichtert das jungen Spielern später den Sprung in die erste Mannschaft.
Sie haben einen Zweijahresvertrag unterschrieben. Ist das für ein derart umfassendes Projekt nicht ein kurzer Zeitraum?
Rauch: Natürlich braucht es Zeit. Das war auch den Verantwortlichen bewusst. Der Verein wollte jemanden, der das Umfeld kennt und längerfristig etwas entwickeln kann. Mir war wichtig, dass ich die Möglichkeit bekomme, diese Dinge umzusetzen. Das funktioniert nicht mit einem Fingerschnippen.
So langfristig ein Konzept auch angelegt sein mag: Ein Trainer wird letztlich an Ergebnissen gemessen. Wie fällt Ihre erste Zwischenbilanz aus?
Rauch: Das ist vollkommen richtig. Wir betreiben Ergebnissport und wollen Spiele gewinnen. Mit Ausnahme des Auswärtsspiels in Graz bin ich mit unserem Saisonstart nicht unzufrieden. Wir waren auch gegen starke Gegner auf Augenhöhe.
Wo ist man bereits weiter als erwartet, wo gibt es noch Probleme?
Rauch: Unser Positionsangriff funktioniert schon sehr gut. Wir erzielen im Schnitt mehr als 32 Tore, haben eine ordentliche Effizienz und verfügen über große individuelle Qualität. In der Deckung haben wir dagegen noch deutliches Potenzial. Durch einige Ausfälle war es nicht immer einfach, die richtigen Abstimmungen zu finden.
Wie soll der typische Handball einer Mannschaft von Julian Rauch aussehen?
Rauch: Ich bin ein Verfechter guter Deckungsarbeit. Aus einer stabilen 6:0-Deckung wollen wir mit Tempo nach vorne gehen. Im Angriff hat sich der Handball stark verändert. Früher waren die klassischen Rückraumwerfer prägend, heute geht es viel stärker um Eins-gegen-eins-Situationen, Durchbrüche und ein anderes Kreisspiel.
Ist der Kader für Ihre Vorstellungen gut genug aufgestellt?
Rauch: Ja, absolut. Wir haben eine gute Mischung aus erfahrenen und jungen Spielern, ein hohes Arbeitsethos und viel individuelle Qualität. Die sportliche Leitung, insbesondere Lukas Frühstück im Scouting, hat da sehr gute Arbeit geleistet.

Sie haben selbst unter namhaften Trainern gespielt. Was für ein Trainertyp ist Julian Rauch?
Rauch: Ich bin ein sehr sachlicher Mensch, analysiere viel und versuche, möglichst faktenbasiert zu arbeiten. Gleichzeitig darf man nie vergessen, dass man es mit Menschen zu tun hat. Jeder Spieler muss das Gefühl haben, wahrgenommen zu werden.
Muss man mit der heutigen Spielergeneration anders umgehen als früher?
Rauch: Natürlich hat jede Generation ihre Eigenheiten. Aber ich halte überhaupt nichts von der Diskussion, dass früher alles besser gewesen sei. Das bringt uns nicht weiter. Entweder ich möchte mit der heutigen Generation zusammenarbeiten, dann muss ich bereit sein, auf sie einzugehen. Oder ich bleibe in meinen alten Vorstellungen stecken und werde scheitern.
Was hat sich konkret verändert?
Rauch: Früher hat der Trainer gesagt, wir laufen nach links, und dann sind wir nach links gelaufen. Heute wird öfter nach dem Sinn gefragt. Das ist gut und zwingt mich als Trainer, meine Inhalte noch genauer zu hinterfragen. Dazu kommt, dass die junge Generation durch soziale Medien, Daten und künstliche Intelligenz ganz andere Informationen zur Verfügung hat.
Welcher Ihrer früheren Trainer hat Sie am meisten geprägt?
Rauch: Einen einzigen Trainer, dem ich zu hundert Prozent nacheifere, gibt es nicht. Von Dagur Sigurdsson habe ich beispielsweise sehr viel über den strukturierten Aufbau von Spielzügen übernommen. Aber der Handball entwickelt sich ständig weiter. Deshalb bilde ich mich laufend fort und versuche, offen für neue Ideen zu bleiben.
Sie waren Teil der letzten Bregenzer Meistermannschaft 2010. Ist die Rückkehr an die nationale Spitze Teil Ihrer Vision?
Rauch: Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass man nicht manchmal davon träumt. Solche Visionen sind wichtig. Aber wir sind gut beraten, den Status quo anzuerkennen und Schritt für Schritt zu arbeiten. Vor wenigen Monaten hatten wir noch Abstiegssorgen. Wenn ich jetzt plötzlich davon sprechen würde, dass wir Meister werden wollen, wäre das unseriös. Wenn wir konsequent unsere Hausaufgaben machen, können wir hoffentlich irgendwann wieder über solche Ziele sprechen.

Was ist dann das konkrete sportliche Ziel für diese Saison?
Rauch: Wir wollen mit dem Abstieg nichts zu tun haben und nach dem Grunddurchgang über dem Strich stehen, also das Viertelfinale erreichen. Das ist das klare Ergebnisziel. Wir setzen uns auch kurzfristigere Handlungsziele und überprüfen regelmäßig, wie wir uns entwickeln.
Am 24. Oktober steht Ihr erstes Derby gegen Hard als Bregenzer Trainer bevor. Beschäftigt Sie dieses Spiel bereits?
Rauch: Natürlich! Wenn ich daran denke, kribbelt es schon gewaltig. Die Vorfreude ist riesig. Auch unsere Spieler freuen sich darauf, gerade die Neuzugänge, die viel über dieses Derby gehört haben und diese Atmosphäre selbst erleben wollen.
Was macht dieses Duell auch nach all den Jahren so besonders?
Rauch: Es ist das gesamte Drumherum. Die volle Halle, die Rivalität, die lange Geschichte und die vielen Geschichten, die diese Spiele geschrieben haben. Das ist über die Jahre immer größer geworden.
Bregenz wartet schon lange auf einen Derbysieg. Hard hat ebenfalls keinen optimalen Saisonstart erwischt. Wird es Zeit, diese Negativserie zu beenden?
Rauch: Selbstverständlich würden wir diese Serie gerne beenden. Aber man muss auch fair bleiben. Hard hatte wie wir mit Verletzungen zu kämpfen. Die Unterschiede in der Tabelle sind nicht so gewaltig. Trotzdem wollen wir natürlich gewinnen.
Gerade in solchen Spielen kann die Emotionalität schnell überhandnehmen. Wie wollen Sie Ihre Mannschaft darauf vorbereiten?
Rauch: Es hat Derbys gegeben, in denen auf beiden Seiten zu viele Emotionen im Spiel waren und der Handball zu kurz gekommen ist. Natürlich braucht es Leidenschaft, Kampfbereitschaft und den absoluten Willen, jeden Zweikampf anzunehmen. Das werden wir mitbringen. Aber wir sind gut beraten, nicht nur das Herz, sondern auch den Kopf mitzunehmen.
Was entscheidet darüber, wer als Derbysieger vom Feld geht?
Rauch: Diese Spiele sind oft unglaublich knapp. Häufig spielen die Torhüter eine entscheidende Rolle. Man darf sich von der Atmosphäre nicht überdrehen lassen, muss aber gleichzeitig bereit sein, mit der besonderen Intensität dieses Spiels umzugehen. Und bei aller Rivalität darf man nicht vergessen: Am Ende ist es ein Handballspiel, in dem sich oft auch die größere Qualität durchsetzt. Wir wollen jedenfalls alles dafür tun, dass wir diesmal jubeln können.
Von Christian Höpperger