Symphonie mit innerem Feuer

Das zweite Bregenzer Meisterkonzert bot spirituelle Verdichtung und symphonische Weite.
Im zweiten der Bregenzer Meisterkonzerte erlebte man die faszinierende holländische Geigerin Simone Lamsma im intensiven Zusammenspiel mit dem Estnischen Nationalen Symphonieorchester (ERSO) und seinem Chefdirigenten Olari Elts: Das Orchester verneigte sich vor seinem Landsmann Arvo Pärt und zeigte seine emotionale Verbundenheit mit Jean Sibelius. Sogar ein von Sibelius orchestriertes Weihnachtslied erklang zum Abschied.

90. Geburtstag des Komponisten
Am 11. September feierte der estnische Komponist Arvo Pärt, der mit seinem ganz persönlichen Kompositionsstil so viele Menschen anspricht und Komponistenkolleginnen und -kollegen prägt, seinen 90. Geburtstag. Sein Cantus in memoriam Benjamin Britten ist eine hymnische Verbeugung vor dem am 4. Dezember 1976 verstorbenen Engländer, den er nie persönlich kennengelernt hatte: Aus dem Nichts kommend, sich zu einem stetig wachsenden Brausen steigernd und wieder verlöschend, versenkt sich die große Streichergruppe in einen Hymnus des Abschieds, in dem eine einzeln angeschlagene Glocke fein ausschwingende Akzente setzt. Olari Elts hält die Spannung mit langem Atem, der so wesentlich ist, nicht nur für Pärts spirituell verdichtete Musik.
Innig
Mit der niederländischen Geigerin Simone Lamsma, die bereits als 11-jährige ihre Heimat verließ, um in England an der Yehudi Menuhin School und später an der Royal Academy of Music zu studieren, betritt eine Künstlerin mit großem Ton, intensivem Bogenstrich und unbedingter Fokussierung die Bühne. Das Violinkonzert von Sibelius, der als ausgebildeter Geiger genau wusste, wie er das Instrument einsetzen kann, lebt von der innigen Kommunikation der Solistin mit der Streichergruppe oder mit den Solobläsern. Der edle Klang der Stradivari-Geige erhebt sich aus tiefer Lage, wird getragen vom Orchester. Solistin, Dirigent und Orchester gestalten in organischen Aufschwüngen mit dramatischen Einwürfen, schon der erste Satz entwickelt solch eine Zugkraft, dass sich das Publikum im Festspielhaus sogar zu Zwischenbeifall hinreißen lässt. Im langsamen Mittelsatz entspinnt sich ein sinnlicher und schicksalsraunender Dialog mit den Bläsern, lupenrein intoniert in den Doppelgriffen und über allem schwebend. Erdgebunden wirkt dagegen der dritte Satz mit den pulsierenden Rhythmen des Orchesters, über dem die Solistin einen raffiniert synkopierten Tanz anführt. Die riesige energetische Spannung, die hier entsteht, trägt Simone Lamsma auch in ihrer Zugabe, dem Finalsatz der zweiten Solosonate von Eugene Ysaÿe weiter: „Die Furien“ ist dieser überschrieben, in dem immer wieder die Sequenz „Dies irae“ der Totenmesse anklingt, und wieder kann man staunen, mit welcher Energie die Geigerin ihren Bogen ansetzt und die Töne fliegen lässt!

Stimmführerin
Nach der Pause präsentieren Olari Elts und das ERSO die klangsatte zweite Symphonie von Sibelius, deren Hauptthema sich in Varianten durch alle vier Sätze zieht und doch mit immer neuen Farbmischungen aufwartet. Das Orchester, dessen Frauenanteil vor allem in der Streichergruppe herausragend ist (es gibt sogar eine Stimmführerin bei den Kontrabässen!) verschmilzt in einem dunkel timbrierten nordischen „Seelenton“ voller Leidenschaft und archaisch anmutender Intensität. Manchmal fühlt man sich an Tschaikowsky erinnert, im dritten Satz haben sich Mendelssohns Spukgeister als skandinavische Trolle verkleidet und mit dem Finalsatz steigern sich das Orchester mit zahlreichen Soli und Registergruppen und der Dirigent mit sehr intensiver Körpersprache noch mehr zu stolzem symphonischem Klang. Für den begeisterten Applaus bedanken sich Olari Elts und das ERSO mit einem Weihnachtslied, dessen fließende Melodie durch die Orchestergruppen wandert und die Vorstellung von tief verschneiter Landschaft und Weite weckt.
Katharina von Glasenapp