Was Vorarlbergs Hundehalter beim neuen Nachweis jetzt ausbremst

Hundetrainer Lambert Ritter hält den neuen Sachkundenachweis grundsätzlich für sinnvoll. Warum der Start der Pflicht für Hundehalter in Vorarlberg dennoch holprig verläuft.
Seit 1. Juli muss jede Person, die sich erstmals einen Hund anschaffen möchte, vorab einen Sachkundenachweis vorlegen. Was grundsätzlich für mehr Bewusstsein in der Hundehaltung sorgen soll, hat in Vorarlberg allerdings mit Startschwierigkeiten begonnen. Als die neue Regelung in Kraft trat, war zunächst kaum ersichtlich, wer die dafür notwendigen Kurse überhaupt anbieten darf. Erst am 2. Juli wurde auf der Homepage des Landes eine erste kurze Liste mit geeigneten Kursleitern veröffentlicht. Ganz oben darauf: Lambert Ritter aus Götzis, Vorsitzender der Berufsgruppe der Tierdienstleister in der Wirtschaftskammer Vorarlberg.
Kurzfristiger Start
“Die Idee ist super“, betont Ritter im Gespräch mit der NEUE. “Aber die Umsetzung ist schwierig.“ Dass der Sachkundenachweis kommt, sei nicht völlig überraschend gewesen. Bereits 2024 sei das Gesetz angekündigt worden, auch der Stichtag 1. Juli 2026 sei länger bekannt gewesen. Was für Unmut sorgt, ist jedoch der späte Zeitplan bei den konkreten Vorgaben. „Wir hätten uns erhofft, dass man uns eine Toleranzfrist von ein paar Monaten gewährt hätte. Gerade weil die genauen Vorgaben erst am 19. Juni veröffentlicht wurden“, erklärt er.

Ritter ist seit seiner Kindheit mit Hunden aufgewachsen. Für ihn sind sie vollwertige Familienmitglieder. In seiner Hundeschule beim Möslestadion in Götzis arbeitet er seit vielen Jahren mit Hundehaltern und ihren Tieren, bildet unter anderem auch Therapiebegleithunde aus. Den bisherigen Sachkundenachweis bot er bereits seit Jahren an, allerdings in einem anderen Rahmen. „Wir machen das schon seit 15 Jahren“, sagt Ritter. Viele Hundetrainer, auch gewerbliche, hätten in den vergangenen Jahren solche Kurse abgehalten. Nun dürfen das aber nur noch jene Personen, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen und vom Land namentlich veröffentlicht wurden.
Wenig Trainer
Genau hier sieht Ritter eines der Probleme. Der Kreis der zugelassenen Personen sei zu eng gefasst. Es gebe Trainer mit jahrelanger Erfahrung, die nun plötzlich nicht mehr auf der Liste stünden. Gleichzeitig dürften andere, die formal in eine der vorgesehenen Gruppen fallen, theoretisch Kurse anbieten, auch wenn sie damit bisher wenig Erfahrung hätten. „Für mich gehört der Personenkreis erweitert – für jene Leute, die jahrelange praktische Erfahrung haben“, erklärt Ritter.

Laut Land umfasst der Sachkundenachweis für Hunde einen Theoriekurs im Ausmaß von mindestens vier Unterrichtseinheiten zu je 60 Minuten. Dieser muss vor der Aufnahme der Hundehaltung absolviert werden. Zusätzlich ist eine zweistündige Praxiseinheit vorgesehen, die innerhalb von zwölf Monaten nach Aufnahme der Haltung nachzuweisen ist. Der Hund selbst muss bei der Praxiseinheit mindestens sechs Monate alt sein.
Der passende Hund
Ritter hält den Grundgedanken für richtig. Viele Menschen würden sich einen Hund anschaffen, weil ihnen eine Rasse optisch gefalle, ohne sich ausreichend mit deren Bedürfnissen auseinanderzusetzen. Dabei mache es einen großen Unterschied, ob jemand einen Dackel, einen Schäferhund oder einen Husky halte. Es gehe um Zeit, Kosten, Erziehung, Alltag, Urlaub, Tierarzt, Futter und um die Frage, ob der eigene Lebensstil überhaupt zu einem Hund passt. „Bei uns in der Familie dreht sich vieles um die Hunde. Sie sind voll integriert, kommen mit in den Urlaub und gehören dazu“, erzählt Ritter. Das sei aber nicht bei allen Haltern realistisch.

Gerade deshalb kann der verpflichtende Kurs sinnvoll sein. Im besten Fall führe er dazu, dass Menschen vor der Anschaffung noch einmal gründlich nachdenken. „Es kann ja auch passieren, dass jemand nach dem Kurs sagt: Gut, dass ich das jetzt gehört habe, ich schiebe die Anschaffung noch einmal auf“, so Ritter. Das wäre aus seiner Sicht kein Scheitern des Systems, sondern ein Erfolg.
Unterrichtsmaterial
Trotzdem sind für ihn bei der praktischen Umsetzung noch viele offene Fragen. Vor allem der Umfang des Stoffes sei ambitioniert. Die offiziellen Unterlagen zur Präsentation umfassen nach Ritters Angaben rund 120 Folien, das Skript mehr als 200 Seiten. „Das sollten wir jetzt in vier Stunden unterbringen“, sagt er. Schon mit seinem bisherigen, deutlich schlankeren Kursprogramm habe er oft vier Stunden gebraucht und das mit Menschen, die bereits bei ihm in der Hundeschule waren und viele Grundlagen zuvor gehört hatten. Nun müsse dieselbe Zeit für unerfahrene Personen reichen, die sich erst vor der Anschaffung informieren.
In der Praxis
Auch die Praxiseinheit hält Ritter für wichtig, aber knapp bemessen. Zwei Stunden seien schnell vorbei, besonders wenn Halter viele Fragen hätten. „Allein das Kennenlernen braucht oft eine halbe Stunde oder eine Stunde“, gibt er zu bedenken. Gleichzeitig wolle er nicht einfach nur einen Pflichttermin abhalten, sondern den Menschen wirklich etwas mitgeben. Der Kurs solle nicht zur bloßen Formalität werden.

Staugefahr
Besonders schwierig ist die Situation im Moment für jene, die bereits im Sommer die Abholung eines Welpen geplant hatten. Manche hätten Urlaub genommen, mit Züchtern Termine vereinbart oder den Hund bereits bezahlt. Nun stehen sie vor der Frage, ob sie den Sachkundenachweis rechtzeitig absolvieren können. Ritter hat nach eigenen Angaben schon in den ersten Tagen mehrere Anfragen erhalten. „Am 2. Juli hatte ich bereits fünf Anfragen“, erinnert er sich. Mittlerweile seien es deutlich mehr. Gleichzeitig könne er nicht von heute auf morgen Kurse aus dem Boden stampfen. „Ich würde morgen keinen Sachkundenachweis machen. Ich muss mich ja auch zuerst vorbereiten.“
Übergangslösung
Ritter hofft daher weiterhin auf eine pragmatische Übergangslösung, zumindest für jene Fälle, in denen die Anschaffung bereits geplant war, bevor die konkreten Vorgaben vorlagen. Eine Übergangsfrist sei nach seinen Angaben zwischenzeitlich im Gespräch gewesen, aber nicht fixiert worden.

Auch bei den Kosten dürfte sich erst zeigen, wo sich der Markt einpendelt. Ritter hat von Preisen um die 100 Euro für den Theorieteil und 60 bis 80 Euro pro Praxisstunde gehört. Manche Anbieter würden deutlich höhere Beträge für angemessen halten, andere niedrigere. Für Ritter ist klar: Ein Hund koste ohnehin Geld und genau dieses Bewusstsein müsse Teil der Aufklärung sein. „Es ist nicht nur die Anschaffung. Du hast laufende Kosten beim Hund. Immer.“
Bewusstsein für den Hund
Ob der Sachkundenachweis allein Probleme wie Überforderung, falsche Rassewahl oder Beißvorfälle verhindern kann, bezweifelt Ritter. „Allein mit dem Sachkundenachweis werden solche Probleme nicht weniger“, fügt er zum Schluss hinzu. Entscheidend sei, wie die Inhalte vermittelt werden und ob die Halter danach bereit sind, sich weiter mit ihrem Hund zu beschäftigen. Die Hoffnung liege darin, Theorie und Praxis sinnvoll zu verbinden und mehr Bewusstsein für das Tier zu schaffen.
Sein Fazit fällt daher zweigeteilt aus: Der verpflichtende Sachkundenachweis sei ein richtiger Schritt, weil er Menschen vor der Anschaffung zum Nachdenken bringe. Doch der Start sei kurzfristig, unklar und für Anbieter sowie künftige Hundehalter schwer planbar gewesen. „Es wird jetzt sicher ein halbes Jahr bis Jahr dauern, bis alle Erfahrung gesammelt haben“, sagt Ritter. Bis dahin braucht es vor allem eines: Geduld von Kursleitern, Hundehaltern und Behörden.