“Verlierer sind nur diejenigen, die aufgeben”: Kerem Kabals Weg in die Luftfahrt war alles andere als einfach

Kerem Kabal (25) aus Dornbirn wurde in der Schule von seinen Lehrern unterschätzt. Trotzdem erfüllte er sich den Traum von einem Job in der Luftfahrtbranche. Der NEUE erzählt er, welche drei “Wendepunkte” er auf seinem Bildungsweg hatte.
“Auf Social Media habe ich die Familie von Cristiano Ronaldo in einem Privatjet gesehen, für das ich als Projektmanager verantwortlich war”, erzählt der Dornbirner Kerem Kabal stolz. Als Fußballfan, der in jungen Jahren Pilot werden wollte, hat dieser Auftrag einen ganz besonderen Stellenwert für ihn. Der 25-Jährige arbeitet beim Flugzeuginterieur-Hersteller AeroVisto im Schweizer Ort Staad in der Nähe des Flughafens Altenrhein.
Vom vermeintlichen “Sonderschüler” zur Eins in Mathe
Dass er es jemals dorthin schaffen würde, hätte Kabal in jungen Jahren wohl nicht gedacht. In der Schulzeit sei ihm von mehreren Lehrpersonen vermittelt worden, dass ein solcher Weg für ihn aussichtslos sei, erklärt der Vorarlberger: “In der Volksschule konnte ich zwar dieselben Aufgaben lösen wie meine Mitschüler, aber ich wurde anders benotet. An den Elternsprechtagen hat meine damalige Lehrerin meine Eltern versucht zu überzeugen, dass ich ein Sonderschüler sei. Das hat mich schon sehr mitgenommen.” An der Mittelschule habe er als einziger von 20 Schülern individuellen Mathematikunterricht bekommen: “Es hieß, ich solle einfachere Matheaufgaben lösen. Mein Vorschlag war, dass ich die erste Schularbeit trotzdem mitschreiben soll. Man müsste sie nicht unbedingt benoten, aber meine Lehrerin sollte sehen, ob ich in der Lage bin, mit dem Rest der Klasse mitzuhalten.” Gesagt, getan: “Es gab zwei Einser in der Klasse, eine davon hatte ich geschrieben.” Das sei ein “Wendepunkt” in seiner Schullaufbahn gewesen, erklärt Kabal.

Doch auch danach fühlte sich der Österreicher mit türkischen Wurzeln unterschätzt: “Meine Deutschlehrerin meinte, ich solle eine Lehre machen, da ich für eine weiterführende Schule nicht geeignet sei.” Eine erfolglose Bewerbung mit dem Halbjahreszeugnis für die HTL sollte das unterstreichen. Da kam ein zweiter “Wendepunkt”, wie der Dornbirner erklärt: “Mein Islamlehrer hat mich damals im Unterricht sehr motiviert. Er war überzeugt, dass ich mit Kampfgeist und Wille alles im Leben schaffen könne. Tatsächlich konnte ich meine Noten um 180 Grad wenden. Mit meinem Jahreszeugnis wurde ich in den fünfjährigen HTL-Lehrgang Wirtschaftsingenieurwesen und Maschinenbau aufgenommen.” Diesen schloss Kabal mit einem Notendurchschnitt von 1,6 ab. Dieses Ergebnis teilte er mit seiner ehemaligen Deutschlehrerin: “Sie hat geantwortet, dass sie das nicht von mir erwartet hätte, und sprach mir ihren Respekt aus. Das war der dritte Wendepunkt.”
“Von nichts kommt nichts”
Nach seinem Zivildienst beim Roten Kreuz und einer kurzen Anstellung bei der Corona-Teststation erhielt Kabal in der Vorweihnachtszeit 2022 ein Angebot von AeroVisto. “Innerhalb einer halben Stunde hat sich mein Leben völlig verändert. Ich habe zugesagt und musste innerhalb von drei Tagen meinen Umzug nach Zürich planen”, schildert er. Trotzdem habe er nicht lange gezögert, diesen Schritt zu gehen: “Wenn man im Berufsleben erfolgreich sein will, dann sollte man raus aus der Komfortzone. Wie sagt man so schön: Von nichts kommt nichts.”

Anfang 2024 übersiedelte er an den Standort in Staad, wo er in seiner Rolle als Projektmanager für den Ablauf der ihm zugewiesenen Kundenaufträge zuständig ist. “Im Durchschnitt bin ich für vier bis fünf Projekte parallel zuständig. Unsere Arbeit muss nach Luftfahrtvorgaben dokumentiert und zertifiziert werden. Zudem stehe ich mit Kunden, Engineering, Lieferanten, Produktion, Qualität und anderen beteiligten Teams in Kontakt. Ich sorge dafür, dass der Flieger rechtzeitig wieder fliegt.” Außerdem steht er vor Ort im Austausch mit Kunden – Kabal reiste beruflich bereits nach Paris, London und Istanbul. AeroVisto stellt diverse Inneneinrichtungsfeatures für Flugzeuge her: Sauerstoffmasken, Kaffeemaschinen, Sitze oder Wandverkleidung.
Kein Nachtritt
Seine Geschichte will Kerem Kabal nicht mit der Öffentlichkeit teilen, um gegen seine früheren Lehrpersonen nachzutreten. “Natürlich ist es schön, wenn Menschen, die früher vielleicht weniger von einem erwartet haben, später sehen, welchen Weg man gegangen ist. Aber für mich war der wichtigste Punkt immer, dass ich mir selbst etwas beweisen wollte. Ich glaube, die beste Antwort auf die Zweifel Anderer ist nicht, darüber zu diskutieren, sondern seinen eigenen Weg zu gehen.” Ob seine türkische Herkunft ein Faktor in seiner Schullaufbahn gespielt hat? “Ich denke schon, dass ich durch meinen Migrationshintergrund oft unterschätzt wurde. Wenn man es mit dem Fußball vergleicht, habe ich beim Spielstand von 0-1 angefangen in meiner Schulkarriere. Ich habe schon ein Gegentor kassiert, bevor das Spiel angefangen hat. Aber ich habe Gott sei Dank auch mehrmals ins Tor getroffen.”

Der Dornbirner möchte anderen Schülern, die in einer ähnlichen Situation sind, mit seiner Geschichte Mut machen: “Verlierer sind für mich nur diejenigen, die aufgeben.” Wichtig sei, nie den “Kampfgeist” zu verlieren, aber stets respektvoll zu bleiben: “Behandelt die Lehrpersonen immer mit Respekt, egal, was euch vorgeworfen wird. Wenn man versucht, jeden Tag ein guter Mensch und ein guter Schüler zu sein, bekommt man es im Leben eines Tages zurück.”
(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)