Mellauer bringt Doku über den „Punk“, der Präsident werden wollte

Der Mellauer Filmemacher (36) Philipp Moosbrugger begleitete Dominik Wlazny, alias Marco Pogo, während seines Bundespräsidentschaftswahlkampfs. Die Doku „Highway to Hofburg“ wird am 25. September im Cinema Dornbirn ausgestrahlt.
NEUE am Sonntag: Was hat Sie persönlich daran gereizt, den Präsidentschaftswahlkampf von Dominik Wlazny über einen längeren Zeitraum mit der Kamera zu begleiten? Wie ist die Zusammenarbeit entstanden?
Philipp Moosbrugger: Wir waren für ein Kurz-Dokuformat für einen österreichischen Streamer im Brainstorming, als die Gerüchte um eine mögliche Kandidatur aufkamen. Irgendwie hat uns das Thema dann nicht mehr losgelassen, weil er ein sehr spannender Charakter ist: eine bunte Mischung aus Künstler, Arzt und Bezirkspolitiker. Gepaart mit den anderen Kandidaten war das ein spannender Mix. Und die Möglichkeit, bei einem Bundespräsidentschaftswahlkampf so nah dabei zu sein, hat schon seinen Reiz. Wir haben Kontakt mit ihm aufgenommen und beim ersten Treffen haben wir ganz offen über unsere Idee gesprochen. Zu dem Zeitpunkt war für alle Seiten noch nicht absehbar, welches Ausmaß das Ganze annimmt.

NEUE am Sonntag: Wann wurde Ihnen klar, dass der Film über die Person Wlazny hinausgehen und grundsätzlich Fragen über Demokratie, Medien und politische Macht stellen würde?
Moosbrugger: Ganz ehrlich, es war ein ständiger Prozess. Je länger wir dabei waren, desto klarer hat sich dieses Bild gezeichnet. Wir haben natürlich vorab recherchiert, um uns selbst ein Bild von Wlazny zu machen. Wir waren dann in der schönen Situation, beobachten und zuhören zu können. Wir mussten nicht aufklären oder informieren. Mein Regiepartner David ist ein sehr demokratieinteressierter Mensch, er bringt da oft noch einmal eine andere Perspektive an den Tisch und das hat unserem Austausch sehr gutgetan. Den genauen Zeitpunkt erkennt man im Film übrigens ganz gut.
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NEUE am Sonntag: Wlazny musste sich vom Punkmusiker Marco Pogo zum ernst genommenen Präsidentschaftskandidaten entwickeln. Wie stark bestimmen vorgefertigte Medienbilder darüber, wem politische Kompetenz zugetraut wird?
Moosbrugger: Sehr stark. Jede Journalistin und jeder Journalist muss sich der großen Verantwortung bewusst sein, welches Bild da gezeichnet wird. Das ist nicht nur in der Politik so, sondern generell in der Berichterstattung. Wenn ein Bild einmal gezeichnet ist, lässt es sich nur schwer revidieren. Guter Journalismus ist eine wertvolle Säule, die in einer Demokratie gewahrt werden muss. Und dann kommt Social Media ins Spiel und das ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits kannst du dein Bild selbst mitzeichnen und bist unabhängig unterwegs. Andererseits ist es gefährlich, weil ein Algorithmus bestimmt, was wann und wo ausgespielt wird. Und ich bin schon der Meinung, dass die lautesten Meinungen nicht immer die besten sind. Falschnachrichten haben es da leicht, weil sie nicht überprüft werden.

NEUE am Sonntag: Wie unabhängig konnten Sie arbeiten, obwohl Sie einem Kandidaten und seinem Wahlkampfteam über Monate hinweg sehr nahe waren? Gab es Szenen, bei denen Sie bewusst Distanz herstellen mussten?
Moosbrugger: Redaktionell komplett unabhängig. Wir waren über vier Monate sehr nah dran und durften überall mitfilmen. Es gab keine einzige Situation, in der es geheißen hat, wir müssen raus aus dem Raum oder die Kamera abdrehen. Der Privatraum gehört respektiert und dafür ist gegenseitiges Verständnis notwendig. Das ist so eine Art ungeschriebener Ehrenkodex, an den ich mich als Dokumentarfilmer halte. Was am Ende im Film ist, entscheiden Regie und Produktion.
NEUE am Sonntag: Welche Momente hinter den Kulissen haben Ihr eigenes Bild von Wahlkämpfen und politischer Öffentlichkeit besonders verändert?
Moosbrugger: Die Zeit direkt vor und nach dem Interview mit Armin Wolf war sehr spannend zu beobachten. Die Fernsehkamera schaltet ab, wir sind aber noch dabei. Und da siehst du die Reaktion aus nächster Nähe, ungefiltert. Generell: wie intensiv und auslaugend so ein Wahlkampf ist, und wie sehr man an seine körperlichen und mentalen Grenzen gehen muss, um zu bestehen. Du bist nie im Privaten, und der Kopf rattert immer weiter. Und als Filmemacher bewegst du dich in dieser Zeit in derselben Pace mit, nur ohne Druck. Du musst informiert sein, was passiert und wie agiert wird, sonst bist du nicht dabei. Und dann auch, wie viel Zwischenmenschliches hinter den Kulissen passiert. Im TV-Duell bist du Gegner, aber dazwischen gibt‘s schon auch lustige Begegnungen.

NEUE am Sonntag: Der Film wurde vom Land Vorarlberg mit 9500 Euro unterstützt. Welche Bedeutung hatte diese Förderung für die Realisierung des Projekts – und wie schwierig ist es für unabhängige Filmschaffende aus Vorarlberg, größere Dokumentarfilme umzusetzen?
Moosbrugger: Ich bin dem Land Vorarlberg unfassbar dankbar für die Unterstützung, weil es schon ein Vertrauensbeweis und Bekenntnis zu dem Projekt ist. Zum Zeitpunkt der Förderung weiß man ja noch nicht, was daraus wird. Und ich finde es gut, dass auch mit kleinen Beträgen Projekte mit Vorarlberg-Bezug unterstützt werden. Das sind Chancen, die ermöglicht werden und speziell junge Filmemacher:innen leben genau von diesen Chancen. Natürlich würde ich mir wünschen, dass genau dieser Topf ausgebaut wird, weil ich weiß, wie schwierig Finanzierungen zu bekommen sind. Man muss die Finanzierung bzw. den Umsetzungszugang vielleicht noch in etwas Kontext setzen. Wir haben eine Förderung von der Stadt Wien bekommen, aber den Großteil der Finanzierung haben wir über Eigenleistung mit unserer Produktionsfirma „The First Cut Is The Deepest“ bewältigt. Und ohne dieses Konstrukt wäre das Projekt nicht umsetzbar gewesen, weil es zum Durchfinanzieren so eines Projekts ca. 200.000 EUro bräuchte. Aber andererseits kommt so eine Chance auch vielleicht nur einmal. Und im Nachhinein bin ich stolz und happy, dass wir das so geschafft haben und stemmen konnten. Wir hatten 37 Drehtage und waren in einer Dreier-Crew unterwegs. Am Wahlsonntag mit drei Units. Am Ende hatten wir 110 Stunden Material und da fing der Aufwand in der Postproduktion erst wirklich an.

NEUE am Sonntag: Die Vorarlberg-Premiere findet am 25. September im Cinema Dornbirn statt. Was bedeutet es Ihnen, den Film gerade hier zu präsentieren?
Moosbrugger: Das ist eine riesengroße Ehre. Ein Heimspiel ist immer schön und was ganz Besonderes. Vor Familie, Freunden und Weggefährten das Ding zu präsentieren, macht mich schon ein bisschen stolz. Ein schöner Anlass, sich wieder mal persönlich zu treffen. Einen kurzen Teil haben wir auch in Bregenz gedreht, der ist auch im Film. Meine Verbindung zu Vorarlberg ist eine sehr große. Ich bin hier aufgewachsen und hatte eine tolle Kindheit und Jugend. Bin gerne da und finde es auch schön, dass sich langsam ein paar urbane Einflüsse einfinden. Das hat sicher auch damit zu tun, dass viele Leute aus meiner Generation wieder zurückkehren und Impulse von anderen Orten mitbringen. Vorarlberg ist innovativ, aber manchmal tut eine Außenperspektive auch ganz gut. Und generell würde ich mich als stolzen Vorarlberger in Wien bezeichnen. Meinen Dialekt kann und will ich auch in Wien nicht verstecken. Man kommt mit Leuten sehr schnell ins Gespräch und kann anmerken, dass man aus dem schönsten Bundesland Österreichs kommt.
NEUE am Sonntag: Seit dem Wahlkampf 2022 sind einige Jahre vergangen. Wie beurteilen Sie Wlaznys damalige Kandidatur heute: War sie ein ernsthafter politischer Aufbruch, ein mediales Ereignis oder vor allem ein Lehrstück über die Grenzen politischer Teilhabe?
Moosbrugger: Diese Beurteilung überlasse ich gerne anderen. Was ich aus unserem Material sagen kann: Der Wahlkampf hat sichtbar gemacht, wie hoch die Anforderungen sind, wenn man politisch ernst genommen werden will. Und das bei jemandem, der schon Bekanntheit und Bühnenerfahrung mitgebracht hat. Wenn es sogar dann so schwierig ist, stellt sich für mich die Frage, wie es für alle anderen aussieht.

NEUE am Sonntag: Wie beurteilen Sie persönlich die politischen Ambitionen von Herrn Wlazny und der Bierpartei?
Moosbrugger: Ich habe nur den größten Respekt vor Menschen, die sich politisch engagieren oder engagieren wollen. Oft sind es leider die Lauten, die zuerst gehört werden. Allerdings bin ich der Überzeugung, dass es sehr viele fähige Menschen gibt, speziell junge Menschen, und dass politische Partizipation in einer Demokratie das Um und Auf ist. Die Hemmschwelle mitzumachen ist aber hoch und genau darum geht es im Film ja auch. Über die Beurteilung und die politischen Ambitionen müssen Sie Herrn Wlazny selbst fragen. Ich kann nur über meine urteilen und die haben mit der Schulsprecherschaft an den Bezauer Wirtschaftsschulen 2008 geendet.

Zur Person
Philipp Moosbrugger (36) stammt aus Mellau und lebt heute in Wien. Nach der HAK Bezau studierte er an der SAE. Beruflich ist er als Agenturleiter und Regisseur bei The First Cut Is The Deepest (TFCITD) tätig. In seiner Freizeit fotografiert er analog, läuft und reist gerne. Außerdem unterstützt er Manchester United und den FC Mellau. Sein Motto lautet: „Be curious, not judgmental“.

Infos zum Film
Highway to Hofburg läuft ab 17. September in den österreichischen Kinos.
Vorarlberg-Premiere ist am 25. September um 20 Uhr im Cinema Dornbirn, im Anschluss gibt es ein Publikumsgespräch. Alle Termine auf highwaytohofburg.at
(NEUE am Sonntag)