Dieser Vorarlberger Gendarm verriet Kollegen an die Nazis

Harald Walser und Michael Beyrer geben Einblicke in drei Vorarlberger Lebensläufe aus ihrem neuen Buch: ein Verfolgter, ein Denunziant und ein verurteilter Mörder.
Michael Beyrer, Jurist und stellvertretender Leiter des Landeskriminalamt Vorarlberg, räumt das Archiv der Vorarlberger Polizei auf, als hinten im Regal ein Ordner umfällt. Darin: der Personalakt von Franz Walch. „Der ist versteckt gewesen“, sagt Beyrer. Der Fund bringt neue Quellen zu einem Mann ans Licht, dessen Name dem Historiker Harald Walser seit Jahrzehnten bekannt ist. Was Beyrer in dem Akt findet, geht laut Walser aber weit über den bisherigen Wissensstand hinaus.
Walch war Gendarm in Vorarlberg und ein überzeugter Nationalsozialist. Noch vor dem „Anschluss“ verriet er Kollegen und anstehende Hausdurchsuchungen. Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten stieg er im NS-Apparat auf. „Der Walch war einer der wenigen Gendarmeriebeamten, auf die sich die Nationalsozialisten wirklich hundertprozentig verlassen konnten“, zitieren die Herausgeber aus einem Dokument in seinem Personalakt.

Walchs Geschichte ist eine von drei Vorarlberger Biografien, die Beyrer und Walser in ihrem neuen Buch „Mitläufer, Täter, Opfer“ ausführlich nachzeichnen. Sie stellen ihn Hugo Lunardon gegenüber, einem Gendarmen, der von den Nationalsozialisten verfolgt und ins Konzentrationslager Mauthausen gebracht wurde. Die dritte Biografie handelt von Alfred Lusser, der nach dem Krieg wegen mehrfachen Mordes rechtskräftig verurteilt wurde.

Die Herausgeber wollen mit den Lebensläufen zeigen, wie unterschiedlich Beamte handelten und wie nahe Verfolgung, Anpassung und Täterschaft beieinanderliegen konnten. Der Band umfasst insgesamt 14 Beiträge, darunter acht Biografien und sechs Überblicksartikel zur Exekutive im Austrofaschismus und Nationalsozialismus.
Der Denunziant
Walch lieferte nach dem „Anschluss“ fünf maschinengeschriebene Seiten mit Namen von Kollegen ab. 26 Beamte standen auf seiner Liste; auch weitere wurden drangsaliert. „Ein Großteil hatte dementsprechende Folgen zu tragen“, sagt Beyrer. Der Personalakt belegt außerdem, dass Walch Hausdurchsuchungen verriet.

Seine nationalsozialistische Gesinnung war bereits vor 1938 bekannt. Als die Frau des damaligen Postenkommandanten Walch bei einem Kollegen wegen seiner Kontakte zu illegalen Nationalsozialisten meldete, blieb das laut Beyrer und Walser ohne Folgen. Walch wurde zwar strafversetzt, nach Schruns, wo er offenbar ein neues Netzwerk aufbaute. Die Sicherheitsdirektion habe später festgehalten, dass die Verhältnisse dort untragbar seien, schildert Beyrer.
Die Strafversetzung schadete Walchs Karriere im NS-Staat nicht dauerhaft. Im Gegenteil: Er stieg auf und kam in den Osteinsatz. Dort waren Vorarlberger Gendarmen Teil jener Polizeieinheiten, die an den Verbrechen des Regimes in den besetzten Gebieten beteiligt waren. Walser und Beyrer verweisen auf die Verbrechen der Polizeibataillone, bei denen Hunderttausende Menschen erschossen wurden. Walchs konkrete Tätigkeit im Osten lasse sich allerdings nicht vollständig rekonstruieren.
Der Verfolgte
Hugo Lunardon bekämpfte als Gendarm die Nationalsozialisten. In Dornbirn, wo er eingesetzt war, verübten diese Anfang der 1930er-Jahre Anschläge und Sabotageakte. „Bis zu 25 Anschläge pro Nacht“ habe es am Höhepunkt der Terrorwelle gegeben, sagt Walser. Ziele seien unter anderem Christlich-Soziale, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Geistliche gewesen.

Lunardon wurde für seinen Einsatz gegen die Nationalsozialisten im Ständestaat ausgezeichnet. Nach dem „Anschluss“ wurde er in der Nacht verhaftet und später ins KZ Mauthausen gebracht. „Der hat keinen Widerstand leisten können“, sagt Walser über Lunardon, der unmittelbar nach der Machtübernahme festgenommen wurde.
Die Verfolgung traf auch weitere Beamte. Rund zehn Prozent der Gendarmen und Polizisten seien vor 1938 entlassen oder verhaftet und in Konzentrationslager gebracht worden, berichtet Walser.
Der verurteilte Mörder
Alfred Lusser steht für die Beteiligung eines Vorarlberger Gendarmen an NS-Verbrechen im Osten. Erst 1964 wurde er als Postenkommandant verhaftet. Wegen sechs Morden wurde er rechtskräftig verurteilt. „Es sind hieb- und stichfest weitere gewesen“, sagt Walser. Das Gericht habe diese jedoch nicht in gleicher Weise abgeurteilt. Lusser dürfte für wesentlich mehr Morde verantwortlich gewesen sein, sind die Herausgeber überzeugt.

Sie fanden auch Unterstützerschreiben aus der Nachkriegszeit. Gemeinde, Kirche und Landesgendarmeriekommando hätten sich für Lusser eingesetzt, schildern Walser und Beyrer. In einem Gnadengesuch der Gemeinde Schwarzach von 1971 habe es geheißen: „Er hat immer als Mensch gehandelt.“ Beyrer nennt das einen der erschütternden Befunde ihrer Arbeit.
Walch kam auch in den Osteinsatz. Dort verübten Polizeibataillone Massenerschießungen; laut Beyrer waren über einen gewissen Zeitraum nahezu alle Vorarlberger Gendarmen für einige Monate im Osten eingesetzt. Was Walch dort konkret tat, lasse sich aus den bekannten Quellen nicht vollständig rekonstruieren. Die Herausgeber unterscheiden deshalb zwischen dem belegten Einsatz und der Frage nach individuellen Verbrechen.
Uniform nach 1945
Mit Kriegsende verschwanden die belasteten Beamten nicht einfach aus dem öffentlichen Dienst. Die Exekutive sei weiterhin von Nationalsozialisten geprägt gewesen. Weil es an Personal fehlte, hätten die französischen Besatzungsbehörden bei der Entnazifizierung teils ein Auge zugedrückt. Ehemalige Beamte liefen wieder in Uniform herum, teils mit abgefeilten Hakenkreuzen auf den Koppelschlössern.

Gleichzeitig stützte sich der Wiederaufbau auf jene, die zuvor von den Nationalsozialisten aus dem Dienst gedrängt worden waren. Franz Schmid etwa, der auf Walchs Denunziationsliste gestanden hatte, wurde nach 1945 mit dem Aufbau des Landesgendarmeriekommando Vorarlberg betraut.
Für Walser liegt eine zentrale Erkenntnis in der Anpassungsbereitschaft vieler Menschen: „Du musst nicht unbedingt ein hundertprozentiger ideologischer Fanatiker sein, um die grausamsten Dinge zu machen.“ Menschen hätten in einem System funktioniert und dessen Ziele umgesetzt. Er verweist abschließend mit einem Zitat der Publizistin und politischen Theoretikerin Hannah Arendt auf die Bedeutung für die Polizeiausbildung: „Kein Mensch hat das Recht, nur zu gehorchen.“

„Mitläufer, Täter, Opfer“
Buchpräsentation: „Mitläufer, Täter, Opfer“ wird am 30. Oktober um 19 Uhr in der Vorarlberger Museumswelt Frastanz präsentiert.
Ausstellung: „Hitlers Exekutive – Die österreichische Polizei und der Nationalsozialismus“ ist vom 9. November 2026 bis 16. April 2027 in der Museumswelt zu sehen.