Startschuss für strengere Regeln bei Verwendung von KI

Ab heute sind bestimmte KI-Anwendungen verboten, Schulungen werden Pflicht – der European AI Act sorgt für klare Regeln. Die NEUE hat sich bei Vorarlberger Experten, Unternehmen und Institutionen dazu umgehört.
Die Europäische Union setzt mit dem European AI Act neue Standards für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI). Ziel der Verordnung ist es, den Einsatz von KI in Europa sicher, transparent und ethisch vertretbar zu gestalten. Der AI Act unterscheidet KI-Anwendungen nach ihrem Risiko in vier Kategorien:
Minimales Risiko: Anwendungen wie Spam-Filter oder KI-gestützte Schreibtools, die kaum reguliert werden. Begrenztes Risiko: Systeme, die Transparenzanforderungen erfüllen müssen, wie etwa Chatbots. Hohes Risiko: KI-Systeme, die in kritischen Bereichen wie dem Gesundheitswesen oder der Personalrekrutierung eingesetzt werden, unterliegen strengen Sicherheits- und Dokumentationspflichten. Verbotene Anwendungen: Einige KI-Technologien, wie Social Scoring oder Echtzeit-Gesichtserkennung im öffentlichen Raum, sind in der EU grundsätzlich untersagt.
Was passiert heute?
Der European AI Act wurde am 14. Juni 2023 von der Europäischen Kommission vorgeschlagen und nach mehreren Verhandlungsrunden am 8. Dezember 2023 politisch beschlossen. Die finale Verabschiedung durch das EU-Parlament und den Ministerrat erfolgte am 21. Mai 2024. Die Verordnung trat am 1. Juli 2024 in Kraft, wobei Unternehmen je nach Risikokategorie unterschiedliche Fristen zur Umsetzung der Regelungen haben.
Ein besonders wichtiger Stichtag ist der 2. Februar 2025. Ab diesem Datum sind bestimmte KI-Systeme mit inakzeptablem Risiko, darunter Anwendungen mit manipulativen oder täuschenden Techniken, innerhalb der EU verboten. Unternehmen müssen bis dahin solche Systeme aus ihrem Betrieb entfernen, um empfindliche Strafen zu vermeiden.
Zusätzlich treten heute neue Verpflichtungen zur Schulung und Sensibilisierung in Kraft. Unternehmen sind verpflichtet, Schulungsprogramme für Mitarbeiter und andere Stakeholder einzuführen, um einen informierten und verantwortungsvollen Umgang mit KI-Systemen zu gewährleisten.
Für Unternehmen in Vorarlberg bedeutet dies, dass sie ihre KI-Systeme genau überprüfen und sicherstellen müssen, dass keine verbotenen Anwendungen mehr im Einsatz sind. Zudem sollten sie entsprechende Schulungsprogramme entwickeln und implementieren, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Die Einhaltung dieser Vorschriften ist entscheidend, da bei Nichteinhaltung empfindliche Strafen drohen. Unternehmen sollten daher frühzeitig Maßnahmen ergreifen, um die neuen Regelungen umzusetzen und ihre Mitarbeiter entsprechend zu schulen.

Neuer Rechtsrahmen
Thomas Berchtold, Geschäftsführer des Digital Campus Vorarlberg, erklärt: „Der AI Act fordert von Unternehmen, sich intensiver mit Risikobewertungen, Dokumentationen und ethischen Fragestellungen auseinanderzusetzen. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen kann dies eine Herausforderung sein, da Ressourcen und Fachwissen benötigt werden.“ Dennoch sieht er auch positive Aspekte: „Durch einen europaweit einheitlichen Rechtsrahmen können Vorarlberger Unternehmen in einem sicheren Umfeld Innovation betreiben und ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern.“
Der Digital Campus Vorarlberg unterstützt Start-ups und KMUs aktiv bei der Umsetzung des European AI Act. „Wir bieten praxisnahe Workshops, individuelle Beratungen und ein starkes Expertennetzwerk, um Unternehmen gezielt bei der Einhaltung der neuen Vorgaben zu unterstützen“, betont Berchtold.
KI in Vorarlberg
Bereits heute setzen viele Vorarlberger Unternehmen auf KI-Technologien. Doppelmayr nutzt KI beispielsweise für das autonome Seilbahnsystem AURO, das über intelligente Bilderkennung den Betrieb effizient überwacht. „Unser Ziel ist es, durch KI-gestützte Systeme den Betrieb sicherer und effizienter zu machen. Dank Machine Learning-Algorithmen können wir Wartungsbedarfe frühzeitig erkennen und optimieren“, sagt Andreas Huber, Leiter Digitalisierung & IT bei Doppelmayr.

Auch Blum integriert KI in verschiedene Unternehmensbereiche, darunter Produktionsprozesse, Übersetzungsmanagement und Marketing. „KI wird bei uns als Unterstützung für den Menschen eingesetzt – nicht als Ersatz“, betont Jakob Koller, Koordinator für Künstliche Intelligenz bei Blum. „Wir setzen KI gezielt ein, um eintönige, repetitive Aufgaben zu automatisieren und unseren Mitarbeitenden mehr Freiraum für kreative und wertschöpfende Tätigkeiten zu geben.“
Wirtschaftliche Einschätzung
André Kranz, Referent für Wirtschaftspolitik der Wirtschaftskammer Vorarlberg, weist darauf hin, dass Europa bei der Entwicklung von KI-Modellen gegenüber anderen Regionen benachteiligt sei. „Der eingeschränkte Datenzugang durch Datenschutzvorgaben erschwert die Entwicklung neuer KI-Technologien. Unternehmen in Vorarlberg profitieren jedoch davon, fortschrittliche Software in industrielle Prozesse zu integrieren.“ Die Wirtschaftskammer bietet Unternehmen Schulungen über das WIFI sowie Online-Tools zur Rechtssicherheit an. „Unser Ziel ist es, Betriebe in Vorarlberg mit praxisnahen Angeboten zu unterstützen, damit sie sich optimal auf die neuen regulatorischen Anforderungen vorbereiten können“, so Kranz.

Chefsache auf Landesebene
Landeshauptmann Markus Wallner, in dessen Verantwortungsbereich die IT-Agenden des Landes fallen, betont die Bedeutung des European AI Act für Vorarlberg: „Der Rechtsrahmen soll Schutz und Sicherheit gewährleisten, ohne Innovation zu hemmen.“ Das Land unterstütze KI-Weiterbildungen durch den Digital Campus, das WIFI sowie den Digital Innovation Hub West. Zudem gibt es mehrere KI-Pilotschulen in Vorarlberg, die gezielt auf die Digitalisierung vorbereitet werden. „Es ist unser Anliegen, Vorarlberg als zukunftsorientierten Wirtschaftsstandort zu positionieren. Deshalb setzen wir verstärkt auf die Förderung von KI-Kompetenzen in Schulen, Unternehmen und Forschungseinrichtungen“, betont Wallner.
Die Bedeutung von KI wird weltweit und so auch in Vorarlberg in den kommenden Jahren weiter wachsen. Unternehmen, Politik und Bildungseinrichtungen arbeiten eng zusammen, um die technologischen Möglichkeiten optimal zu nutzen und gleichzeitig die neuen regulatorischen Anforderungen des European AI Act umzusetzen.

3 Fragen an Marco Moosbrugger, ki-führerschein.at
- Wie wichtig ist KI-Basiswissen im Hinblick auf den European AI Act, und wo siehst du den größten Schulungsbedarf in Unternehmen?
Moosbrugger: KI-Führerschein.at wurde gegründet, um die Inhalte der Schulungspflicht des European AI Acts vollständig abzudecken. Darüber hinaus bieten wir an, Unternehmen im Umgang mit branchenspezifischen Lösungen zu schulen. Derzeit liegt der größte Bedarf in der Aufklärung – die meisten Unternehmer wissen nicht, ob und in welcher Form sie KI sinnvoll anwenden können. - Wo sind die größten Herausforderungen für Betriebe bei der Umsetzung der EU-Regelungen?
Moosbrugger: Vielen ist gar nicht bewusst, dass auch sie direkt vom EU AI Act betroffen sind. Viele Punkte sind auch noch nicht aussagekräftig formuliert, wie etwa die Transparenzpflicht: Sie hat derzeit noch keine klaren Richtlinien und sorgt damit für Diskussionen. - Du begleitest Firmen in der Entwicklung und Implementierung von KI. Was wäre die ideale Unterstützung für Unternehmen?
Moosbrugger: Viele Unternehmen wissen, dass KI Prozesse effizienter machen kann, aber oft fehlt der Einstieg. Der AI Act liefert jetzt einen klaren Anlass, Mitarbeiter zu schulen und das volle Potenzial auszuschöpfen. Mit praxisnahen Schulungen wird nicht nur die gesetzliche Pflicht erfüllt – es entsteht auch die Basis für echte Innovation durch vertiefende und individuelle Kurse und Workshops..