Vorarlberg

“Damit ist die TBC-Gefahr nicht zu bewältigen”

HEUTE • 13:17 Uhr
"Damit ist die TBC-Gefahr nicht zu bewältigen"
Josef Moosbrugger ist seit 1999 Präsident der Vorarlberger und seit 2018 Präsident der österreichischen Landwirtschaftskammer. dietmar stiplovsek (5)

LWK-Präsident Josef Moosbrugger im NEUE-Interview zu Mercosur, TBC und Bürokratieabbau. Beim Wolf fordert er eine weitere Lockerung des Schutzstatus, bei der Übernahme der Vorarlberg Milch durch die NÖM kritisiert er die Kommunikation.

Wie kann man das vergangene Jahr aus Sicht der Vorarlberger Landwirtschaft zusammenfassen?
Josef Moosbrugger: Ein akzeptables, brauchbares Jahr. Vergleichsweise wenige Wetterextreme, gute Ernten in allen Sparten und gerade im Veredelungsbereich ein recht stabiler Markt. Natürlich stellt das, was sich weltpolitisch gerade abspielt, die Landwirtschaft vor große Herausforderungen, weil Exportmärkte nicht mehr so planbar und stabil sind. Zollbarrieren führen in Europa zu Marktverwerfungen und die Preise für Tiere und landwirtschaftliche Produkte sind längst nicht mehr nur regional, sondern verstärkt international geprägt.

Diese zollbedingten Verwerfungen soll aus Sicht der EU das Mercosur-Abkommen beseitigen. Ist das die Lösung?
Moosbrugger: Für die Landwirtschaft, nein. Ein Teil des Abkommens dient der Wirtschaft, damit diese die Vorteile nutzen kann, neue Märkte zu erschließen. Der zweite Teil im Deal ist aber der, dass agrarische Produkte aus den Mercosur-Staaten zollfrei auf den europäischen Markt kommen sollen. Das würde uns belasten, denn diese Agrarprodukte entsprechen nicht den Anforderungen und Standards, die von der europäischen und der österreichischen Landwirtschaft verlangt werden. Da geht es um Fragen wie: Welche Pflanzenschutzmittel dürfen dort angewendet werden? Wie werden dort Tiere gefüttert? Aus unserer Sicht wäre dies massive Wettbewerbsverzerrung. Das würde die europäische und die österreichische Landwirtschaft preismäßig weiter unter Druck setzen. Mit ein Grund, warum wir kürzlich in Brüssel demonstriert haben.

"Damit ist die TBC-Gefahr nicht zu bewältigen"
Moosbrugger übt Kritik am geplanten Mercosur-Abkommen.

Ein aufsehenerregender Beschluss auf EU-Ebene war letztes Jahr auch die Lockerung des Wolf-Schutzstatus. Was ändert sich dadurch praktisch für den Landwirt, dessen Vieh auf der Alpe steht?
Moosbrugger: Das Entscheidende ist: Behörden können einfacher und unbürokratischer Verordnungen zu erlauben, damit Problem- oder Schadwölfe entnommen werden können. Damit wird bestätigt, wie die Handhabe bei uns vollzogen wird. Für den Landwirt ist sichtbar, dass der Schutz seiner Tiere möglich ist – und das noch dazu deutlich schneller. Werden Problemwölfe nicht entnommen, beschäftigt er sich sonst schnell damit, seine Tiere nicht mehr auf die Alpe zu tun – was für ganz Vorarlberg schlecht wäre.

Jener Wolf, der im Großwalsertal im Juli zum Abschuss freigegeben wurde, ist laut Landesrat Gantner nie gesichtet worden. Was ändert hier die Herabsetzung des Schutzstatus?
Moosbrugger: Hier hilft nur ein zweiter maßgeblicher Schritt: Nämlich, den Wolf prophylaktisch – also bevor der Schaden entsteht – bejagbar zu machen. Der Wolf ist in der Bejagung auch nicht das einfachste Tier. Er ist extrem schnell und legt enorm weite Strecken zurück. Für die Zukunft ist ein Rahmen nötig, in dem Wölfe ständig bejagbar sind, wenn sie auf Alpgebieten gesichtet werden – so, wie andere Wildarten auch, die Alpwirtschaft, Offenhaltung der Landschaft und somit den Tourismus gefährden.

Tierschutzorganisationen haben bereits die Lockerung des Schutzstatus als „Aushöhlung des Naturschutzes“ bezeichnet.
Moosbrugger: Das halte ich für überzogen. In der EU halten sich über 20.000 Wölfe auf, die Alpwirtschaft und viele von ihr abhängigen Organismen sind mittlerweile stärker gefährdet als der Wolf. Mir geht es nicht darum, den Wolf auszurotten. Es geht darum, das Gefahrenpotenzial zu vermindern und ökologisches Gleichgewicht herzustellen.

"Damit ist die TBC-Gefahr nicht zu bewältigen"
“Mir geht es nicht darum, den Wolf auszurotten”, so der LWK-Präsident.

Wie bewerten Sie den aktuellen, schwerwiegenden TBC-Ausbruch im Bregenzerwald?
Moosbrugger: Die aktuellen Entwicklungen sind dramatisch und übertreffen die schlimmsten Befürchtungen der bäuerlichen Familien. Trotz aller Bemühungen haben wir punktuell massive Infektionsherde auf den Alpen und hatten wieder ein Übertragungsgeschehen auf gealpte Rinder. So wie sich die Lage derzeit abschätzen lässt, ist zu befürchten, dass es wieder zu Keulungen von Nutztierbeständen in den Ställen kommen wird. Für einen Bauern, der täglich seine Tiere umsorgt, wäre das nahezu das Schlimmste, was man sich vorstellen kann.

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Iframely angezeigt.

Haben Politik und Jägerschaft genug getan, um den Rotwildbestand und damit die TBC-Gefahr einzudämmen?
Moosbrugger: Es zeichnet sich ab, dass mit der Erhöhung der Abschusszahlen nicht das Auslangen gefunden werden kann. Damit ist die TBC-Gefahr für unsere Nutztierbestände nicht zu bewältigen. Es ist aus meiner Sicht zwingend notwendig, dass die punktuellen Infektionsherde in den Wildbeständen geräumt werden. Keine schöne Situation, aber sichtlich unvermeidbar.

"Damit ist die TBC-Gefahr nicht zu bewältigen"
Der LWK-Präsident beim Interview in der NEUE-Redaktion.

Die Vorarlberg-Milch-Übernahme durch die NÖM sorgte für Kritik, weil Produkte wie Butter unter dem Namen „Ländle Milch“ verkauft werden, aber nicht aus Vorarlberger Milch hergestellt sind. Wird so das Vertrauen der Konsumenten in regionale Produkte geschwächt?
Moosbrugger: Die Vorarlberg Milch war ein Flaggschiff im Land mit einer einzigartigen, vielfältigen Produktpalette. Dort liegt eines der Probleme, denn mit einer geringeren Milchmenge die gleiche Produktpalette wie deutlich größere Molkereien in Österreich herzustellen, kann sich wirtschaftlich nicht ausgehen. Dann steigen die Stückkosten, die müssen Handel und Konsumenten zuerst bereit sein, zu bezahlen. Die Zusammenlegung mit der NÖM war eine Lösung der Vernunft. Die NÖM ist stark im „weißen Segment“, aber im Käsebereich hat sie bisher kein Potenzial genutzt. Dort hat die Vorarlberg Milch große Stärken. Allerdings ist es nicht gut gelungen, zu kommunizieren, was das für den Konsumenten in Vorarlberg bedeutet. Da hätte ich mir mehr Offensive erwünscht. Mein Tenor lautet: Wo Ländle draufsteht, gibt es eine Garantie, dass auch Ländle drin ist, gerade dafür steht das Ländle-Gütesiegel. Vielleicht sind auch Fehler im Übergang passiert. In Zukunft wird es wieder Ländle-Butter in der neuen Kombination mit der Vorarlberg Milch geben. Die NÖM ist dabei, aus diesem holprigen Übergang wieder in einen vernünftigeren Weg zu finden, auch zu hören, was sich der Konsument erwartet. Es braucht eine bessere Beziehung zwischen der NÖM und der Vorarlberger Bevölkerung.

„Es braucht eine bessere Beziehung zwischen der NÖM und der Vorarlberger Bevölkerung.“

Josef Moosbrugger sieht einen „holprigen Übergang“ von der Vorarlberg Milch zur NÖM.

EU-Parlament und EU-Rat haben sich Anfang Dezember darauf geeinigt, dass die Kennzeichnungspflicht für gentechnikveränderte Lebensmittel fallen soll. Was kommt hier auf unsere Landwirte zu?
Moosbrugger: Mir sind Sicherheit und Verlässlichkeit für Konsumenten wichtig. Außerdem lehne ich jegliche Patente auf Mensch und Tier ab, bei regionalem Saatgut und regionalen Züchtungen darf es keine Einschränkung geben. Der aktuelle EU-Vorstoß basiert auf dem Hintergrund, dass es neue Methoden gibt, durch die Pflanzenzüchtungen schneller möglich sind, um etwa den Anforderungen des Klimawandels gerecht zu werden. Diese neuen Möglichkeiten sind nicht mit gentechnischen Veränderungen der Vergangenheit vergleichbar, die verschiedene Organismen kombinieren, was wir weiter ablehnen. Es ist außerdem wichtig, dass es einen einheitlichen europäischen Standard gibt.

"Damit ist die TBC-Gefahr nicht zu bewältigen"
Moosbrugger fordert einen einheitlichen europäischen Standard bei Lebensmitteln mit Gentechnik.

Wie zufrieden sind Sie mit den Fortschritten des Bürokratieabbaus?
Moosbrugger: Es hat sich viel zu wenig getan im Bürokratieabbau. Eigentlich ringen wir damit, dass es nicht permanent mehr wird. Das ist es auch, was ich an der Europäischen Kommission stark kritisiere. Mit dem Green Deal hat man 127 Maßnahmen in verschiedenen Bereichen geschaffen, die oftmals sinnlose Verbürokratisierungen sind. In Brüssel fehlt mir hier der Hausverstand. Ich bin nicht gegen Vorgaben, wo es Missstände gibt. Als Beispiel: Wenn sich die niederländische Tierhaltung so entwickelt hat, dass es mehr Vieh gibt, als die Flächen vertragen, muss man dort regulierend eingreifen. Aber das ist nicht die österreichische Landwirtschaft. Wir haben uns immer der Nachhaltigkeit verschrieben. Welches europäische Land hat so einen geringen Viehbesatz pro Fläche? Wer hat so eine kleinstrukturierte Familienlandwirtschaft? Wer hat so viele Biodiversitätsflächen wie Österreich? Also ja, die EU muss viel effizienter Bürokratie abbauen – nicht nur reden, sondern auch tun.

„Wenn sich die niederländische Tierhaltung so entwickelt hat, dass es mehr Vieh gibt, als die Flächen vertragen, muss man dort regulierend eingreifen. Aber das ist nicht die österreichische Landwirtschaft.“

Josef Moosbrugger über bürokratische Vorgaben in der EU.

Möchten Sie abschließend einen Wunsch für dieses Jahr formulieren?
Moosbrugger: Mein Wunsch wäre, dass es gelingt, die zentralen Zukunftsbereiche gut abzusichern. Lebensmittelproduktion, Land- und Forstwirtschaft sind zentrale Sicherheitsfaktoren, wenn es um die Zukunftsvorsorge geht. Was braucht ein Mensch jeden Tag? Eine warme Wohnung und ein Essen. Beides kann die Land- und Forstwirtschaft sicherstellen. Bei der Energie sehen wir aber auch, was es bedeutet, wenn wir von russischem Gas abhängig sind, wir müssen mehr hinein in erneuerbare Energie. Bei der Lebensmittelproduktion sind wir relativ unabhängig. Das darf nicht gefährdet werden – man sehe die Zahl der Betriebe, die wir verlieren. Und von der Gesellschaft wünsche ich mir, nicht immer dem billigsten Lebensmittel nachzurennen. Man hat Wünsche und Anforderungen, wie die Landwirtschaft in Österreich arbeiten, wirtschaften und produzieren soll. Schlecht ist, wenn man das, was nicht diesem Standard entspricht, von außerhalb Österreichs importiert. Das vernichtet Landwirtschaft und Wertschöpfung in Österreich. Das sollten wir alle gemeinsam nicht zulassen.

zur person

Josef Moosbrugger (*1966 in Dornbirn) startete als Funktionär bei der Landjugend, der Jungbauernschaft und war ab 1991 Kammerrat. Seit 1999 ist er Präsident der Vorarlberger, seit 2018 auch Präsident der österreichischen Landwirtschaftskammer. Selbst betreibt er einen Hof mit Milchwirtschaft und Viehzucht.