Vorarlberg

Iranerin aus Dornbirn: “Es fühlt sich an, als könnten die getöteten Kinder jetzt ihren Frieden finden”

03.03.2026 • 17:38 Uhr
Iranerin aus Dornbirn: "Es fühlt sich an, als könnten die getöteten Kinder jetzt ihren Frieden finden"
Die Iranerin Farzaneh Zahmani lebt seit mehr als vier Jahrzehnten in Vorarlberg. dietmar stiplovsek (7)

Der US-israelische Angriff auf ihr Heimatland löst bei Farzaneh Zahmani gemischte Gefühle aus. Im Vordergrund steht ihre Hoffnung, nach den grausam niedergeschlagenen Protesten das Mullah-Regime endlich loszuwerden.

Ein „unbeschreibliches Gefühl“ habe sich bei ihr breit gemacht, als sie Samstagfrüh die ersten Meldungen über den Angriff der USA und Israel auf den Iran auf ihrem Handy gesehen habe, erzählt Farzaneh Zahmani. Die Iranerin, die seit mehr als 40 Jahren in Dornbirn wohnt, sehnt sich nach der Befreiung ihrer Landsleute vom radikalislamischen Mullah-Regime. „Ich habe gedacht: Yes, endlich hat es angefangen. Nach 47 Jahren Wartezeit dieser lang ersehnte Wunsch nach Freiheit. Ich spürte Freude, Nervosität, ganz viele Gefühle miteinander vermischt.“

Proteste auf unmenschlichste Art niedergeschlagen

Um zu verstehen, warum die Angriffe der USA und Israel bei Zahmani Hoffnung auslösen, muss man die Geschichte der Proteste im Iran aufrollen: Rund um den Jahreswechsel trieb die Unzufriedenheit über das seit 1979 herrschende Regime, das zuletzt von Ayatollah Ali Khamenei geführt wurde, die Bevölkerung in Massen auf die Straßen. Die Revolutionsgarden schlugen den Protest gewaltsam nieder, zehntausende Tote und hunderttausende Verletzte sind zu beklagen.

Iranerin aus Dornbirn: "Es fühlt sich an, als könnten die getöteten Kinder jetzt ihren Frieden finden"
Farzaneh Zahmani im Gespräch mit der NEUE im Café Bahi in Bregenz.

Zahmani bekam über die sozialen Medien aus erster Hand mit, welche Gräueltaten an den Demonstranten verübt wurden. „Sie haben Leute, die friedlich und unbewaffnet protestiert haben, grausam hingerichtet.“ Die Bilder und Videos aus ihrer Heimat, in der nach wie vor Freunde und Angehörige der 66-Jährigen leben, haben sich bei ihr eingebrannt: „Menschen schreien, hier fällt ein Mann auf den Boden und dort noch einer“, schildert sie. „Die haben die Demonstranten einfach ohne Gnade erschossen. Es war der reinste Horror.“ Die unmenschliche Vorgangsweise der Revolutionsgarden lässt Zahmani noch immer fassungslos und fragend zurück: „Wie kann man einen zweijährigen Buben mit einem Maschinengewehr erschießen? Und was bleibt von diesem Kind übrig? Es gibt viele verschwundene Menschen, ihre Leichen haben sich in Luft aufgelöst.“

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Die 66-Jährige ist fassunglos über die Gewalt, mit der die Revolutionsgarden im Iran die Proteste rund um den Jahreswechsel niederschlugen.

Noch nicht einmal vor bereits Verwundeten hätten die Schergen des Mullah-Regimes Halt gemacht: „Sie sind in Spitäler gestürmt, haben Schwerverletzte vom Katheter getrennt, auf die Straßen gezerrt und dort erschossen. Meiner Meinung nach sind das keine Menschen. Das sind Dämonen.“ Zahmani ist auch Wochen nach der Niederschlagung des Protests sichtlich mitgenommen, während sie diese Gräueltaten schildert. „Ich werde nie wieder der Mensch sein, der ich vorher war. Ich bin traumatisiert, bis heute. Es wird noch viel Zeit brauchen, bis ich das verarbeiten kann.“

„Meiner Meinung nach sind das keine Menschen. Das sind Dämonen.“

Farzaneh Zahmani über das radikal-islamische Regime von Ayatollah Ali Khamenei.

Der Tod von Ayatollah Ali Khamenei bei einem Luftangriff auf dessen Anwesen löste ob dieser unbeschreiblichen Gräueltaten bei Zahmani und vieler ihrer Landsleute eine gewisse Genugtuung aus. „Ich kann nicht beschreiben, was alles in mir vorging“, erzählt sie vom Moment, als sie diese Nachricht sah. „Ich habe eine Erleichterung gespürt, mit ganzer Seele. Es fühlte sich an, als könnten die Menschen, besonders die Kinder, die bei den Demonstrationen getötet wurden, jetzt endlich ihren Frieden finden.“ Es habe auch einige „Fanatiker“ gegeben, die den Tod von Khamenei betrauerten, die Mehrheit habe aber gefeiert. Dennoch, erzählt die Iranerin, regiere die Unsicherheit in ihrer Heimat. Bilder von Explosionen erzeugen Angst, auch wenn es –trotz noch offenem Ausgang des Konflikts – Grund zur Hoffnung auf Befreiung gebe.

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Der Tod des Mullah-Führers war für Zahmani eine Sturm verschiedenster Emotionen.

Dem US-Präsidenten Donald Trump seien viele Menschen für den Angriff auf das Regime dankbar. „Ich habe Bilder von Demonstrationen aus Kanada und den USA gesehen, auf denen Iraner zum Lieblingslied von Trump tanzen, um Dankbarkeit zu zeigen“, erzählt die 66-Jährige. „Alle Iraner wissen, dass es Trump nicht um sie geht. Sie blicken über seinen Charakter hinweg. Man ist ihm einfach dankbar, weil er gegen etwas hilft, das uns 47 Jahre lang zerstört hat.“ Für Europäer, die sich nun um höhere Spritpreise sorgen, hat Zahmani hingegen wenig Verständnis: „Es ist mir egal, wenn das Benzin teurer wird. Der Luxus, Gas und Benzin zu bekommen, ist wunderschön. Aber wenn dort Menschen sterben, wo diese Dinge herkommen, ist es den Leuten egal.“

Iranische Überwachung

Farzaneh Zahmani ist in den sozialen Medien sehr aktiv. Nicht nur erhält sie Bilder aus ihrer Heimat, die studierte Musikerin nutzt die Zeit in ihrer Pension auch intensiv, um Informationen über die Situation im Iran zu teilen. „Ich sehe es als meine Pflicht, die Menschen im Iran, aber auch hier in Österreich aufzuklären“, beschreibt sie ihr Engagement. Damit ist sie – wie viele Exil-Iraner – dem Mullah-Regime ein Dorn im Auge. „Mit meinen Angehörigen und Freunden im Iran spreche ich am Telefon nicht über Politik“, erklärt sie. Das ist zum Schutz, denn sonst könnten ihnen Konsequenzen drohen.

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Selbst in Vorarlberg ist die Pensionistin Ziel der iranischen Überwachung.

Doch auch nach Vorarlberg streckt das Regime offenbar seine Fühler aus. „Ich habe letztes Jahr eine E-Mail bekommen mit dem Inhalt: ‚Wir finden dich!‘“, beschreibt sie. Außerdem, ist die 66-Jährige sich sicher, sei ein Telefonat mit einer Freundin aus Liechtenstein abgehört worden. „Nachdem wir gesprochen haben, hatte sie einen Anruf in Abwesenheit von einer unbekannten iranischen Nummer. Als die Freundin das Handy beiseitelegte, hat sich der Bildschirm von selbst entsperrt. Ihr Handy ist wohl gehackt worden.“

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Zahmani berichtet von einem Hackerangriff auf das Handy ihrer Freundin im Liechtenstein.

Die Überwachung reicht aber noch weiter: Zahmani weiß von „mindestens vier Menschen in Vorarlberg, die für die Revolutionsgarden arbeiten.“ Sie erzählt: „Als wir mit dem Bus auf dem Weg zu einer Demonstration in München waren, sind wir gefilmt worden. Die Aufnahmen wurden im iranischen Staatsfernsehen gezeigt.“ Selbst sei sie aber nur von hinten zu sehen und somit nicht identifizierbar gewesen, meint die 66-Jährige.

Schimmmer der Hoffnung

Für die Iranerin ist die Überwachung ein weiterer Grund, warum sie sich ein Ende des Regimes so sehr herbeisehnt. Entsprechend optimistisch ist sie auch, wenn sie über eine mögliche Zukunft nach den aktuellen Kriegshandlungen spricht: „Für mich muss das Regime weichen. Es hat keine Chance mehr, sich zu erholen oder zu regenerieren. Wir wollen diese religiöse Regierung nicht mehr.“ Stattdessen fordere ein Großteil der iranischen Bevölkerung einen Säkularstaat, also eine Trennung zwischen Politik und Religion. Es wäre eine 180-Grad-Abkehr von der vorherrschenden radikal-islamischen Scharia, die den Alltag der Bevölkerung jahrzehntelang prägte. „Jeder kann seine Religion haben. Aber mir soll niemand vorschreiben, was ich zu glauben haben“, trifft Zahmani den Kern der Sache.

„Jeder kann seine Religion haben. Aber mir soll niemand vorschreiben, was ich zu glauben haben“

Farzaneh Zahmani hofft auf eine Trennung von Staat und Kirche.

Als große Hoffnung auf einen „neuen“ Iran gilt für Zahmani der Sohn des 1979 gestürzten Schahs, der im Exil lebende Reza Pahlavi. „Er hat einen großen Plan, die Demokratie im Iran einzuführen. Ich habe ihn bei der Sicherheitskonferenz in München gesehen. Als er in den Raum gekommen und zum Podium gestiegen ist, war das wie eine Explosion der Freude und der Zuversicht“, schildert die 66-Jährige. Aktuell sei er die beste Option für das Land.

Kein Kontakt zu Angehörigen

Doch ob dieser Strohhalm, an den sich große Teile der unterdrückten Bevölkerung klammern, wirklich die Rettung darstellt, ist offen – schließlich ist noch nicht einmal ein tatsächliches Ende des Mullah-Regimes absehbar.

Iranerin aus Dornbirn: "Es fühlt sich an, als könnten die getöteten Kinder jetzt ihren Frieden finden"
Neben der Hoffnung regiert bei der Dornbirnerin auch die Ungewissheit über ihre Freunde und Angehörigen im Iran.

Auch über die Lage ihrer Angehörigen im Iran hat Zahmani keine Informationen, da Telefonnetz und Internet zusammengebrochen sind. „Seit dieser Krieg begonnen hat, habe ich keinen Kontakt. Ich habe keine Ahnung, wo sie sind und wie es ihnen geht“, sagt sie, wieder mit etwas gedämpfter Stimme. „Wahrscheinlich sind sie in den Norden geflüchtet, in Richtung Kaspisches Meer.“ Seit Kriegsbeginn ist es, wie Zahmani schon eingangs schilderte, eine Mischung der Gefühle. Es ist die Hoffnung auf die Befreiung vom Regime, die in solchen dunklen Momenten antreibt.

(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)