Vorarlberg

Vom Fußballfeld zum Pflegeberuf: “Über die schönen Momente könnte ich stundenlang reden”

26.07.2026 • 17:00 Uhr
Vom Fußballfeld zum Pflegeberuf: "Über die schönen Momente könnte ich stundenlang reden"
Selbst beim Kaffeeservieren ist dem 20-Jährigen die Freude an seiner Tätigkeit anzumerken. Stiplovsek (7)

Thierno Bah startete das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ), um seiner Oma zu beweisen, dass er nicht für die Pflege gemacht ist. Doch der Job im Pflegeheim Birkenwiese gefällt ihm so gut, dass er diesen Berufsweg dauerhaft einschlagen will.

Man muss mit Thierno Bah nicht lange sprechen, um die Begeisterung zu spüren, die er für den Pflegeberuf mitbringt. Eigentlich reicht es, ihm einfach beim Arbeiten zuzusehen. Mit Leichtigkeit und einem Grinsen im Gesicht scherzt er mit dem einen Bewohner, bringt einer anderen Seniorin einen Kaffee und bereitet danach eine Runde „Mensch ärgere Dich nicht!“ vor. Der 20-Jährige absolviert das Freiwillige Sozialjahr (FSJ) im Pflegeheim Birkenwiese in Dornbirn und wird von den Arbeitskollegen gleichwohl wie von den Bewohnern geschätzt.

Fußball, Gastro, FSJ

Dabei hätte der Deutsche – ursprünglich kommt Bah aus Dortmund (Nordrhein-Westfalen), über Baden-Württemberg kam er nach Vorarlberg – eigentlich einen ganz anderen Weg einschlagen wollen. „Mein Traum war immer, Fußballprofi zu werden. Ich war ganz knapp davor, doch es ist sich nicht ausgegangen. Dann habe ich erst in der Gastronomie gearbeitet und als ich frei hatte, überlegte ich mir: Was mache ich jetzt?“ In einem Sozialberuf zu arbeiten, schloss Bah zunächst aus: „Meine Oma hat immer gesagt, ich gehöre in die Pflege. Ich hatte darauf keine Lust.“ Doch dann fasste er einen Entschluss: „Ich mache das FSJ, um meiner Oma zu beweisen, dass ich nicht in die Pflege gehöre.“

Vom Fußballfeld zum Pflegeberuf: "Über die schönen Momente könnte ich stundenlang reden"
Dass der Fußballspieler des FC Blau-Weiß Feldkirch so viel Spaß im Pflegeberuf haben würde, hätte er anfangs nicht gedacht.

Die Realität sollte Thierno Bah das Gegenteil beweisen: Anfangs noch mit kleinen Startschwierigkeiten, lebte sich der Fußballer schnell ein und baute binnen kürzester Zeit einen guten Draht zu den Bewohnern des Pflegeheims auf. Er vergleicht es mit einem Sprung ins kalte Wasser: „Natürlich wird man am Anfang angeleitet, aber man muss die Umgebung selbst kennenlernen. Es ist eine komplett neue Welt. In der Anfangszeit bin ich mit einer Bewohnerin spazieren gegangen, die Parkinson hat. Dadurch hatte sie zittrige Hände und weil ich das gar nicht kannte, fragte ich mich, ob ihr kalt ist und ich ihr etwas anziehen muss.“ Doch mit Unterstützung aus dem Team funktionierte es: „Alle Mitarbeiter haben mir geholfen, mich einzufinden. Wenn ich ein Anliegen habe, kann ich einfach nachfragen, egal, wie banal es ist.“

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Inzwischen hat sich Thierno Bah bestens in seinem Job eingefunden.

Nach drei Wochen sei er „drin gewesen“ und bald schon folgte der Entschluss, auch nach dem FSJ beruflich im Pflegebereich zu bleiben. „Die Entscheidung habe ich relativ schnell getroffen. Einmal saß ich da, ein Bewohner im einen Arm, ein anderer Bewohner im anderen Arm. In diesem Moment habe ich gemerkt: Das passt für mich so, das will ich machen.“ Die Arbeit im Pflegeheim fühle sich inzwischen mehr an wie Genießen: „Wenn ich nach Hause komme, denke ich nicht: ‚Zum Glück ist der Arbeitstag fertig.‘ Sondern: „Ich weiß, ich habe etwas Gutes getan‘. Das fühlt sich richtig an.“

Schöne und schwere Momente

Glücklich machen den 20-Jährigen die Momente, wenn das Eis mit den Bewohnern des Pflegeheims bricht: „Eine Bewohnerin, die sich bei mir erst unwohl gefühlt hat, lächelt mich auf einmal an und nimmt mich in den Arm. Oder beim Spaziergang, wenn da nicht mehr die unangenehme Stille ist, sondern man viel miteinander redet.“ Generell könne er „stundenlang“ über schöne Momente aus dem Berufsalltag erzählen. „Wir haben einen Bewohner, der sehr in sich gekehrt ist. Normalerweise spricht er wenig, aber als wir einmal im Garten gesessen sind, haben wir eine Stunde lang geredet und er hat mir alles über sein Leben erzählt. In solchen Momenten weiß man, die Menschen fühlen sich bei einem wohl.“

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Die schönsten Momente für den Deutschen sind jene, wenn das Eis zu den Pflegeheimbewohnern gebrochen ist.

Auch die schweren Momente erinnern Thierno Bah daran, was ihm der Pflegeberuf bedeutet: „Die ersten Todesfälle im Heim, die ich miterlebt habe, waren härter, als ich dachte. Eigentlich bin ich ein relativ kühler Mensch, aber als hier jemand gestorben ist, hatte ich auf einmal Tränen in den Augen. Daran merkte ich, wie wichtig mir die Bewohner hier geworden sind.“ Auch in diesen Momenten fängt man sich gegenseitig im Pflegeteam auf, erzählt er: „Mit den Menschen um sich herum kann man ganz offen darüber reden.“ Gleichzeitig betont Bah, dass er froh darüber ist, in diesen Fällen emotional sein zu können: „Manche sagen, man stumpft mit der Zeit ab, wenn man jahrzehntelang in der Pflege gearbeitet hat. Das will ich aber nicht. Vielleicht nimmt mich ein Todesfall ein wenig mehr mit, aber dafür bin ich gewappnet, das ist okay. Denn das zeigt, dass ich eine Verbindung zu den Menschen hier aufgebaut habe.“

Tagesablauf

Einen typischen Arbeitstag im Pflegeheim Birkenwiese umschreibt der 20-Jährige wie folgt: „Ich komme um sieben Uhr herein, zieh mich um und dann gehen wir im Team durch, was an diesem Tag ansteht. Danach gehe ich meistens mit bei der Pflege und schaue, wie das abläuft, was gemacht wird. Dreimal täglich geben wir den Bewohnern Essen ein, dazwischen führen wir Gespräche, spielen Spiele oder aktivieren die Bewohner, um das Kognitive zu fördern.“ Daneben absolviert Bah die begleitenden Kurse des FSJ, um theoretische und praktische Inhalte zu den verschiedenen Sozialberufen zu erlernen. „In den Kursen wird jeder mögliche Bereich abgedeckt: Kinder, alte Menschen, Beeinträchtigte. Auch die sozialen Skills werden thematisiert. Wir hatten einen Kurs, in dem es um Kommunikation und um aktives und passives Zuhören ging. Man wird gut vorbereitet.“

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Spaziergänge mit den Pflegeheimbewohnern gehören zu einer der häufigsten Aufgaben in Bahs Arbeitsalltag.

Weil Thierno Bah seinen Weg in der Pflege nach dem Ende des FSJ im Herbst noch lange nicht am Ende sieht, hat er die Aufnahmeprüfung für das Pflegestudium an der Fachhochschule Vorarlberg absolviert. „Diese Woche habe ich Bescheid bekommen, dass ich bestanden habe“, verkündet er und grinst dabei genau so, wie wenn er mit den Bewohnern spaßt oder „Mensch ärgere Dich nicht!“ mit ihnen spielt. Allen jungen Menschen, die sich unsicher sind, ob das FSJ für sie geeignet ist, rät er: „Einfach machen. Du bist nur einmal jung. Wenn du dich zu 100 Prozent darauf einlassen kannst, dann mach es, weil es echt schön ist.“

Vom Fußballfeld zum Pflegeberuf: "Über die schönen Momente könnte ich stundenlang reden"

“Wenn du dich zu 100 Prozent darauf einlassen kannst, dann mach das FSJ, weil es echt schön ist.“

Thierno Bah

Hintergründe zum FSJ

Das Freiwillige Sozialjahr (FSJ) bietet Personen zwischen 18 und 24 Jahren die Möglichkeit, einen sozialen Beruf ihrer Wahl kennenzulernen. Über zehn bis zwölf Monate hinweg können Freiwillige 30 Wochenstunden bei der gewählten Einsatzstelle mitarbeiten und besuchen zusätzlich vier Stunden lang einen begleitenden Kurs. Für jeden Einsatzmonat wird ein Taschengeld ausbezahlt und ein Klimaticket zur Verfügung gestellt, zudem ist man für die Dauer des Einsatzes unfall-, kranken- aber auch pensionsversichert. Das FSJ gilt auch als anerkanntes Vorpraktikum, was bei vielen sozialen, pflegerischen und pädagogischen Ausbildungen zugutekommt. Ein Turnusjahr dauert von Anfang September bis Ende August. Dienstgeber während des FSJ ist die Soziale Berufsorientierung Vorarlberg GmbH (SBOV). Jürgen Burger ist seit August 2025 Geschäftsleiter der SBOV. Er legt großen Wert darauf, mit den Freiwilligen einen Umgang auf Augenhöhe zu pflegen. „Das macht dieses Jahr noch viel angenehmer“, lobt Thierno Bah.

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Jürgen Burger und Thiero Bah im Gespräch mit der NEUE.

Erfolgsgeschichten wie die des 20-Jährigen sind alles andere als selten, wie Burger erzählt: „Momentan ist es so, dass 70 Prozent der FSJ-ler in Sozialberufen bleiben. Viele werden auch schon berufsbegleitend von ihren Einsatzstellen übernommen.“ Prinzipiell stünden alle Türen nach einem FSJ offen, erklärt er weiter: „Es gibt viele Ausbildungsstätten, wo man Sozialberufe erlernen kann, aber auch Studien wie Pflege oder Sozialarbeit. Einige unserer Freiwilligen entscheiden sich auch für ein Medizin- oder Lehramtsstudium oder für eine elementarpädagogische Ausbildung.“ Burger erklärt, momentan habe die SBOV mit geburtenschwächeren Jahrgängen zu tun. Um das Angebot bekannt zu machen, stellt Burger das FSJ in „Regionen wie dem Walgau oder dem Montafon, wo es noch weniger bekannt ist“, an Schulen vor. Auch die „Mundpropaganda“ helfe, über das FSJ zu informieren. Das wirkt: Für den kommenden Turnus, erzählt der Geschäftsleiter, seien schon an die 130 Bewerbungen eingelangt.

(NEUE am Sonntag)