Ukrainischer Unabhängigkeitstag in Bregenz: “Wenn uns die Hoffnung verlässt, haben wir verloren”

Yuliia Zaiats organisiert die Feier zum 35. Unabhängigkeitstag der Ukraine in Bregenz. Sie erklärt im NEUE-Interview, welche Bedeutung dieser Tag für sie hat und wie es den geflüchteten Ukrainern im Vorarlberg geht.
Am 24. August ist der Unabhängigkeitstag der Ukraine. Welche positiven Ansätze können gefeiert werden an einem Tag, an dem ein Land im Mittelpunkt steht, das seit mehr als vier Jahren mit den Folgen der russischen Invasion konfrontiert ist?
Yuliia Zaiats: Eine echte Feier ist schwierig, denn der Krieg ist noch nicht vorbei. Aber man kann trotzdem die guten Seiten beleuchten: Die Ukraine existiert immer noch als unabhängiger Staat und die Menschen haben nicht aufgegeben, die ukrainische Kultur, Tradition, Sprache und Geschichte am Leben zu erhalten.
Was bedeutet der Unabhängigkeitstag für Sie persönlich?
Zaiats: Der Unabhängigkeitstag der Ukraine bedeutet für mich vor allem Freiheit, das Recht eines Volkes, über seine eigene Geschichte und Zukunft zu entscheiden. Die Unabhängigkeit ist das, für was wir jetzt kämpfen und den Preis des Lebens bezahlen. Der 24. August ist nicht nur eine Feier, sondern ein Tag des Gedenkens und der Verantwortung gegenüber jenen Menschen, die für die Freiheit der Ukraine kämpfen und dafür gestorben sind.

Bereits am morgigen Sonntag feiert der Ukrainische Verein in Vorarlberg den Unabhängigkeitstag am Bregenzer Kornmarktplatz. Welches Programm ist geplant?
Zaiats: Wir starten mit der ukrainischen Hymne, dann kommen die Schweigeminute und das Gebet. Wir möchten mit der Feier aber auch zeigen, dass die Ukraine nicht nur ein Land ist, in dem Krieg herrscht, sondern ein unabhängiger Staat mit eigener Kultur, Tradition und Sprache. Es kommen auch einige Vertreter von Organisationen aus dem Rathaus Bregenz. Ich hoffe, es wird ein Tag, der die Ukrainer und Vorarlberger miteinander verknüpft.

Wie sind Sie nach Vorarlberg gekommen und wie ist der Verein entstanden?
Zaiats: Ich bin mit meinem Mann und meinen beiden Söhnen vor zehn Jahren wegen der Arbeit nach Vorarlberg gekommen. Nach Beginn des Kriegs im Februar 2022 sind viele Ukrainer nach Vorarlberg gekommen und brauchten Hilfe mit Wohnung, Geld und Behördengängen. Mein Mann und ich haben sie unterstützt. Nach etwa einem Jahr, als alles geordnet war, haben wir entschieden, den Verein zu gründen, um weitere Projekte für die Ukraine zu initiieren. Jetzt haben wir einen anderen Fokus. Wir informieren die Vorarlberger mit Ausstellungen, was in der Ukraine passiert und wie man die Ukraine unterstützen kann.
Rund 3000 ukrainische Staatsbürger leben aktuell in Vorarlberg. Wie geht es diesen Menschen?
Zaiats: Es gibt verschiedenste Situationen, jede Familie hat ihre eigene Geschichte. Es gibt Ukrainer, die schon Arbeit gefunden und Deutsch gelernt haben, deren Kinder gehen hier zur Schule. Sie haben sich ein neues Leben aufgebaut. Andere warten darauf, bis es in der Ukraine wieder sicher ist und sie zurückkehren können. Aber auch die Menschen, die entschieden haben, hier zu bleiben, haben ihr Heimatland nicht aus dem Blick verloren. Sie schauen die Nachrichten, viele haben Angehörige und Freunde in der Ukraine. Körperlich leben sie in Vorarlberg, aber ihre Gedanken und Sorgen sind noch in der Ukraine. Sie leben in zwei Welten.
Wie realistisch ist der Traum, in absehbarer Zeit in die Ukraine zurückkehren zu können?
Zaiats: Wenn uns die Hoffnung verlässt, haben wir verloren. Denn Hoffnung gibt es immer. Und die Rückkehr ist ein Traum für viele Ukrainer. Aber einfach ist es nicht, viele haben kein Zuhause und keine Familie mehr.

Wie haben Sie den 24. Februar 2022 von Vorarlberg aus erlebt und wie geht es Ihren Angehörigen in der Ukraine?
Zaiats: Diesen Tag vergisst kein Ukrainer. Zuerst war da nur der Schock und die Angst, niemand konnte verstehen, dass das gerade Realität ist. Danach kam gleich der Gedanke, man muss seine Familie in Sicherheit bringen. Meine Mutter wohnt seit dem Angriff bei uns, aber meine beste Freundin lebt immer noch in der Ukraine.
Ist sie in Sicherheit?
Zaiats: Es gibt keine Sicherheit. Keine Stadt und kein Dorf ist vor dem Krieg geschützt. Niemand weiß, ob es ein Morgen gibt.
Wie nehmen Sie die Unterstützung der Vorarlberger Bevölkerung für die Ukraine wahr? Hat sie sich seit Kriegsbeginn verändert?
Zaiats: Am Anfang des Kriegs haben viele Vorarlberger der Ukraine geholfen. Viele haben uns angerufen und eine Wohnung, Kleidung und andere Dinge, die notwendig sind, zur Verfügung gestellt. Diese Solidarität und Unterstützung hat jeder bemerkt. Mit der Zeit ist es immer schwieriger geworden. Die Menschen haben ihre eigenen alltäglichen Probleme. Ich verstehe diese Müdigkeit gut. Aber unsere Aufgabe als Verein, als Ukrainerin, ist es, diese Kriegsmüdigkeit nicht zuzulassen, immer wieder über die Ukraine zu reden und den Menschen zu erzählen, dass es nicht vorbei ist. Das ist unser gemeinsamer Krieg gegen Terrorismus und für Freiheit, Menschenrechte und unsere gemeinsamen Werte.

Inwiefern ist Ihr Verein mit russischer Propaganda und Desinformation hier in Vorarlberg konfrontiert?
Zaiats: Wir merken das zum Beispiel durch Sprüche, die die Position der Ukraine schwächen, wie: „Niemand weiß, was genau in der Ukraine passiert“ oder „Frieden schaffen ohne Waffen“. Es ist einfach zu sagen, dass ein Frieden ohne Waffen her soll. Aber wenn das Opfer seine Waffen niederlegt, kommt kein Frieden, sondern die Okkupation. Das ist nur eine andere Form des Kriegs. Wir müssen stark sein, uns beschützen. Nur so können wir weiter existieren und überleben.
Welche Folgen hat die russische Okkupation für die Menschen in der Ukraine?
Zaiats: Die Okkupation bedeutet Folter, sexuelle Gewalt, Deportation und Gewalt gegen Zivilisten. Aktuell sind es über 20.000 Kinder, die von den Russen deportiert wurden. Sie haben ihre Identität geändert. Das macht es fast unmöglich für die Kinder, wieder zurückzukehren.

Welche Möglichkeiten haben die Menschen in Vorarlberg, die die Ukraine eigentlich unterstützen wollen, aber nicht wissen, wie sie konkret helfen können?
Zaiats: Solidarität bedeutet für mich, nicht wegzuschauen, sich zu informieren, miteinander zu reden, Veranstaltungen zu besuchen, Vereine und Sozialprojekte in der Ukraine zu unterstützen. Wir informieren bei unseren Veranstaltungen, welche Organisationen es in der Ukraine gibt. Wenn man sich an den Ukrainischen Verein in Vorarlberg wendet, helfen wir auch sehr gerne dabei, zu vermitteln, welche Projekte es gibt: Aufbau von Häusern, psychische Hilfe für Kinder, es gibt viele Möglichkeiten. Wir finden eine Organisation, an die man sich wenden kann. Ein Ziel unseres Vereins ist es auch, zu zeigen, dass es sich lohnt, die Ukraine zu unterstützen und die Hilfe tatsächlich ankommt.
Wie sieht aus Ihrer Sicht ein gerechter Frieden für die Ukraine aus?
Zaiats: Eine Pause vor dem nächsten Krieg ist kein Frieden. Für mich ist ein Frieden gerecht, wenn er dauerhaft ist, wenn die 20.000 deportierten Kinder zurückkehren können, wenn die besetzten Gebiete frei werden. Frieden bedeutet auch, dass die Menschen in der Ukraine nicht mehr in ihrer Handy-App nachschauen müssen, ob Raketen über sie hinwegfliegen, sondern in Ruhe schlafen können.
Wenn Sie an den ukrainischen Unabhängigkeitstag 2027 denken: Welche Veränderung wünschen Sie sich bis dahin?
Zaiats: Wenn ich in das Jahr 2027 schaue, wünsche ich mir eine freie und unabhängige Ukraine, in der kein Krieg mehr ist.

zur person
Yuliia Zaiats (38) stammt aus der Region Kiew und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen seit rund zehn Jahren in Hard. Beruflich ist sie als Buchhalterin tätig. Als Mitgründerin des Ukrainischen Vereins in Vorarlberg organisiert sie die Feierlichkeiten für den Unabhängigkeitstag der Ukraine. Heuer finden diese schon einen Tag vor dem 24. August, am Sonntag ab 14 Uhr am Bregenzer Kornmarktplatz statt.
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(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)