“Der junge Mann wusste nicht, wie er die nächste Mahlzeit bezahlen soll”

Jürgen Burger und Sabine Mäser unterstützen mit dem Sozialverein „Miralle“ Betroffene von akuter Armut in ganz Vorarlberg. Sie schildern drei Fälle aus ihrer Arbeit und berichten, dass der Bedarf wächst.
Die Schwelle für Armutsgefährdung liegt bei 60 Prozent des Median-Einkommens und beträgt laut Daten der „Armutskonferenz“ in Österreich aktuell 1827 Euro monatlich für einen Ein-Personen-Haushalt. Der Wert erhöht sich um den Faktor 0,5 pro weiterem Erwachsenen im Haushalt, pro Kind um 0,3. In Vorarlberg lagen 19 Prozent der Haushalte im Dreijahresdurchschnitt (2022–2024) im Bereich der Armutsgefährdung, ergo über dem Österreichschnitt von 17 Prozent. Nur in Wien ist die Zahl höher und die Tendenz steigt.
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Hinter dieser Zahl stehen tausende einzelne Schicksale, die aus unterschiedlichsten Gründen in ihrer individuellen Situation gelandet sind. Jürgen Burger und Sabine Mäser haben sich auf die Fahne geschrieben, Menschen in akuter Notlage zu helfen. Sie sind Teil des Vereins „Miralle“ (Dialekt für: „wir alle“), die einspringen, wenn es am Nötigsten fehlt: etwa wenn der Kühlschrank leer ist oder die Last der Schulden die Betroffenen erdrückt.
Die Idee basiert auf einer „Biertisch-Geschichte“, wie Burger, der den Verein als Obmann leitet, erzählt: „In meinem Kollegenkreis waren wir alle schon in unserem jeweiligen Bereich sozial tätig. Im Jahr 2023 kam die Idee: Warum bündeln wir diese Kräfte nicht und gründen einen Verein? So ist ‚Miralle‘ entstanden.“
Niederschwellige Hilfe
Das Konzept funktioniert wie folgt: Die ehrenamtlichen Mitglieder erhalten einen Hinweis – entweder von einem Systempartner oder direkt von Betroffenen – und prüfen dann den Fall. „Wir haben einen Verteiler für unsere Ersthelfenden und schauen, wer von ihnen den Fall übernehmen kann. Die treffen sich mit der betroffenen Person an einem neutralen Ort zur Fallbesprechung und ab dort geht es schnell“, erklärt Burger. Bei einer Hilfszusage erhalten die Betroffenen innerhalb weniger Stunden Gutscheine für Lebensmittel oder andere grundlegende Ausgaben, die sie nicht mehr stemmen können: Schulsachen und Kleidung für die Kinder, eine Waschmaschine oder die Stromrechnung. Burger betont: „Wir helfen allen Betroffenen in ganz Vorarlberg, unabhängig von Religion, Staatsbürgerschaft oder Herkunft.“

Der Obmann erklärt weiter: „Mit der kurzfristigen Soforthilfe überbrücken wir die Zeit. Gleichzeitig nutzen wir unsere Kooperationen mit Systempartnern, um den Menschen die bestmögliche Begleitung zu geben – mit dem Ziel, dass sie langfristig aus der aktuellen Situation herauskommen.“ Das niederschwellige Konzept kommt an und wird gewürdigt: 2025 gewann „Miralle“ den Bank Austria Sozialpreis.
100 Prozent der Spenden gehen an Betroffene
Alle Spenden für Betroffene. Ein weiterer Eckpfeiler der Arbeit von „Miralle“ ist die Garantie, dass der Verein keine Fixkosten hat. „Bei uns gibt es keine laufenden Kosten. Wir garantieren, dass jeder Spendencent den Hilfsbedürftigen zugutekommt“, betont Jürgen Burger. Das war für Sabine Mäser auch einer der Hauptgründe, den Verein als Ersthelferin zu unterstützen: „Das war das Hauptkriterium für mich, um mitzumachen. Es macht für mich keinen Sinn, etwas ehrenamtlich zu tun, wo im Hintergrund das Spendengeld verbraucht wird.“
Wichtig ist Burger, Mäser und ihren Kollegen im Verein, die Betroffenen nicht zu verurteilen: „Die Schuldfrage ist sowas von egal. Wenn ein Mensch in einer prekären Situation ist, aus welchen Gründen auch immer, braucht er Hilfe. Nur das zählt für uns als Sozialverein“, betont der Obmann. Die Fälle könne man auch nicht über einen Kamm scheren, jeder sei individuell. „Wir sind mit allen möglichen Situationen konfrontiert, von Gewaltbeziehungen über Zwangsprostitution bis hin zu Krankheit und Arbeitslosigkeit“, berichtet Burger. Für Mäser ist klar: „Wir haben ein gutes soziales Netz in Österreich, aber die Mühlen der Behörden mahlen langsam. Oft vergeht viel Zeit, bis den Leuten geholfen wird und einige Menschen können bis dahin ihre monatlichen Ausgaben nicht mehr stemmen.“
Spender und Helfer gesucht
Der Bedarf an der Akuthilfe wächst, wie die Zahlen des Vereins zeigen: Zwischen Jänner und August 2026 meldeten sich 186 Familien und Einzelpersonen bei „Miralle“, 154 von ihnen konnte geholfen werden. Mit derzeit 20 Mitgliedern stößt der Verein an seine Kapazitätsgrenzen, neue Freiwillige werden deshalb mit offenen Armen empfangen.
Insgesamt wurden in diesem Zeitraum 61.785,89 Euro an Soforthilfen ausbezahlt, bei Einnahmen von 61.014,75 Euro wird auch der Bedarf an finanzieller Unterstützung deutlich. Spenden an „Miralle“ sind von der Steuer absetzbar.
“Miralle” unterstützen
Spenden
Konto: AT66 3748 2000 0014 9286
Spenden sind steuerlich absetzbar und kommen zu 100 Prozent den Betroffenen zugute.
Selbst freiwillig helfen
E-Mail: helfen@miralle.at
www.miralle.at
Drei Fälle: So kommt die Hilfe durch “Miralle” an
Nachfolgend schildern Jürgen Burger und Sabine Mäser drei Fälle aus ihrer Arbeit mit „Miralle“. Beide betonen: Es gibt keinen „typischen“ Armutsfall, denn jede Geschichte ist individuell und die Form der Hilfe durch den Sozialverein variiert je nach Bedarf.
Junger Mann verliert Versicherungsschutz, weil er AMS-Termin verpasst.
Sabine Mäser bearbeitete den Fall eines jungen Mannes aus dem Unterland, Ende 20, schwer krank: „Aufgrund seines Krankheitsbildes konnte er einen AMS-Termin nicht wahrnehmen und fiel aus der Versicherung. Im Endeffekt stand er vor einer 90.000-Euro-Rechnung für seine Operation, musste auf sein Krankengeld warten und konnte währenddessen weder seine Miete bezahlen, noch wusste er, wie er die nächste Mahlzeit bezahlen sollte.“
Die Akuthilfe von „Miralle“ erfolgte noch bei der Fallbesprechung in Form von Lebensmittelgutscheinen, wie Mäser weiter berichtet: „Er hatte nichts gegessen, als er zum Termin kam. Mit den Lebensmittelgutscheinen konnte er direkt zum Einkaufen fahren, weil sein Kühlschrank wirklich leer war.“ In weiterer Folge unterstützte der Sozialverein auch bei Strom- und Mietkosten. Einen Monat später kontaktierte Mäser den Mann erneut: „Er hatte wieder einen Krankheitsschub und fiel ins selbe Muster hinein. Wir haben ihm nochmals geholfen.“
Ältere Frau entkommt Gewaltbeziehung und lebt von Mindestpension.
Jürgen Burger erzählt von einer älteren Frau, Anfang 70, die von ihrem jahrelang gewalttätigen Mann loskam. „Sie trennte sich von ihrem Partner, konnte unter Polizeischutz einige wenige Habseligkeiten mitnehmen und fand eine halbwegs bezahlbare Sozialwohnung. Ausgestattet war diese Wohnung mit nichts, die Frau lebte von der Mindestpension.“
Auch hier wurde „Miralle“ tätig: „Wir haben der Frau eine Waschmaschine bezahlt und ihr die Zustellung ermöglicht. Außerdem gaben wir ihr Lebensmittelgutscheine, damit sie sich in Ruhe in der neuen Lebenssituation einrichten kann.“
Alleinerziehende Mutter mit krebskranker Tochter in Finanznot.
Am häufigsten in der Armutsfalle landen alleinerziehende Mütter, so Burger und Mäser. Die Ersthelferin bearbeitete einen solchen Fall und erzählt: „Eine Mutter mit Migrationshintergrund sorgte alleine für ihre beiden Töchter, eine von ihnen hatte eine Krebserkrankung. Sie mussten immer wieder zur Behandlung nach Innsbruck. Ihr Ex-Partner ließ mit den Alimentszahlungen lange auf sich warten. Eigentlich hatte sie einen guten Job im Medizinbereich, doch den musste sie aufgrund der familiären Situation aufgeben. Die Familie war auf Sozialhilfe angewiesen.“
Die Mutter wurde ebenfalls mit Lebensmittelgutscheinen ausgestattet. Zudem bezahlte „Miralle“ die Kosten für die Bahnfahrten nach Innsbruck. „Der Fall zeigt, dass Menschen durch verschiedene Umstände in ein Fahrwasser kommen können, das für sie nie vorstellbar war“, resümiert die „Miralle“-Ersthelferin.
(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)