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Alarmierende Zahlen: Zunahme an weiblichen Suiziden besorgniserregend

09.09.2025 • 16:46 Uhr
Alarmierende Zahlen: Zunahme an weiblichen Suiziden besorgniserregend
Albert Lingg, Isabel Bitriol-Dittrich und Reinhard Haller präsentierten als Autoren den Suizidbericht Vorarlberg 2024 mit Oliver Rohrer und Paul Rubner. aks gesundheit GmbH

Anlässlich des heutigen Welt-Suizidtages präsentierte der Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin (aks) gestern den Vorarlberger Suizidbericht für das vergangene Jahr 2024, mit mahnenden Erkenntnissen der Autoren.

Von Kurt Bereuter
neue-redaktion@neue.at

Seit den 80er-Jahren ging die Zahl der „Selbsttötungen“ stetig auf etwa die Hälfte zurück, und stieg seit drei Jahren wieder an. Ob wir es mit der Talsohle einer Wellenbewegung zu tun haben, werde sich weisen, die Zahl sei auf alle Fälle auffällig und deshalb ernst zu nehmen, auch wenn die Autoren ausdrücklich „vor vorschnellen Schlüssen und Spekulationen“ warnen. Jedenfalls sind die Zahlen nur in Vorarlberg dermaßen gestiegen, bundesweit nur gering. 2024 stieg in Vorarlberg die Zahl um zehn „Fälle“, von 54 auf 64 Personen. 2018 lag die Zahl noch bei 37 Fällen. Ähnlich dramatisch entwickelte sich diese Zahl in den letzten Jahren nur in Kärnten und hat dort ein noch größeres Ausmaß. Fast die Hälfte der Betroffenen wählte die Strangulation als Methode für den Suizid.

Weibliche Suizide angestiegen

Wenn die Suizide von Frauen im dritten Jahr anstiegen, ist 2024 auffallend, weil diese Zahl exakt um zehn Personen anstieg, von elf im Jahr 2023 auf 21 im Jahr 2024. Die Suizide in der männlichen Bevölkerung blieben im Vergleich mit 43 zum Vorjahr konstant. Damit weist nur Vorarlberg und Wien in der Geschlechterverteilung eine Relation von „1:2“ auf, während sich in anderen Bundesländern das Verhältnis von Frauen zu Männern immer noch stark männerlastig zeigt, im Burgenland etwa im Verhältnis von „1:10“. Die meisten Suizidfälle gibt es in der Altersgruppe der 45 bis 84-Jährigen, einen Fall gab es „bis 14 Jahre“ und vier Fälle bei den 15- bis 24-Jährigen. In vielen Ländern werde eine Zunahme bei Suiziden von Frauen registriert.
Experten würden neben häufiger auftretenden psychischen Erkrankungen bei Frauen (Angststörungen, Depressionen, Essstörungen) vor allem gesellschaftliche Veränderungen und Herausforderungen für Frauen anführen, wie etwa Erschöpfung durch Mehrfachbelastung oder den Verlust familiärer Anbindung durch Trennung, Scheidung oder Verwitwung. Aber auch finanzielle Sorgen und Gewalterfahrungen könnten eine Rolle spielen. Isabel Bitriol-Dittrich: „Die Ursachen für die Zunahme von Frauensuiziden gilt es in der Weiterentwicklung von Suizidpräventionsprogrammen zu berücksichtigen.“

Alarmierende Zahlen: Zunahme an weiblichen Suiziden besorgniserregend

Die Gründe für suizidales Verhalten

Ex-Primar Reinhard Haller, Mitautor des Berichtes, verwies darauf, dass es nicht um Schuldzuweisung gehe, sondern um das Finden von Gründen, um einen Trend erklären zu können und ihm bestenfalls richtig begegnen zu können. Er ist überzeugt, dass man im extramuralen Bereich, also außerhalb des Krankenhauses, nicht um strukturelle Veränderungen herumkommen werde. Wurde noch in den vergangenen Jahren die Versorgungssituation als Spiegel einer (geringen) Suizidquote erkannt, sei dies nur die eine Hälfte einer Begründung, erklärte Haller, es sei immer eine Vielzahl von Ursachen dafür verantwortlich: Eine krisengeprägte Stimmung in der Gesellschaft mit Angstphänomenen genauso wie Arbeitslosigkeit, Verschuldung, die Drogensituation oder auch gesetzliche Änderungen im Unterbringungsgesetz, wenn gefährdete Menschen nicht mehr so leicht stationär untergebracht werden könnten. Deshalb will Oliver Rohrer, Geschäftsbereichsleiter der Psychosozialen Dienste im aks, die psychosoziale Gesundheitskompetenz steigern und vor allem „früheres Hilfesuchverhalten vorantreiben“. In vielen Regionen sei die psychiatrische Versorgung unzureichend oder schwer zugänglich, in ländlichen Gebieten oder bei sozial benachteiligten Gruppen. Lange Wartezeiten, fehlende Therapieplätze, finanzielle Hürden oder eben mangelndes Wissen erschwerten den Zugang zur Unterstützung. Bedenklich sei auch der zunehmende Mangel an Sozial- und Pflegeberufen sowie an Ärzten und gerade die langen Wartezeiten wirkten sich bei Suizidgefahr fatal aus, da es sich immer um akute Krisensituationen handle, in denen sofortige Hilfe unabdingbar wäre. Ein Zusammenhang wird in der hohen Zahl der Drogensüchtigen unter den Suizidopfern in Vorarlberg gesehen. Auch gibt es eine Subgruppe „Im Ausland Geborene“, bei denen durchwegs starke Risikofaktoren durch Flüchtlingsschicksale, Entwurzelung, posttraumatische Belastungsstörungen oder Adaptionsprobleme vorhanden sein können. Die Autoren erklären auch, dass wieder ein „antisuizidaler Ruck“ durch unser Land, durch alle Bildungs-, Sozial- und Therapieinstitutionen, ja durch die ganze Gesellschaft gehen müsse.

„Die Ursachen für die Zunahme von Frauensuiziden gilt es in der Weiterentwicklung von Suizidpräventionsprogrammen zu berücksichtigen.“

Isabel Bitriol-Dittrich, Klinische Psychologin

Assistierte Suizide werden nicht erfasst

In der Statistik des Berichtes werden die seit 2022 ermöglichten Selbsttötungen nach einer Sterbeverfügung nicht erfasst. In Vorarlberg seien in den letzten dreieinhalb Jahren 25 bis 30 Sterbeverfügungen errichtet, 25 Präparate ausgegeben worden. Wie viele davon das Präparat angewendet haben, sei laut Bericht nicht zu erfahren. So kritisierte Albert Lingg wiederholt diese noch nicht ausgereifte Gesetzeslage. Es sei weiterhin unbekannt, was mit den nicht angewendeten, todbringenden Medikamenten geschieht, wenn sie einmal ausgegeben wurden. Aus journalistischer Sicht wäre allerdings interessant zu wissen, wie viele Menschen durch die gesetzliche Maßnahme der Sterbeverfügung den Ausweg des „Sterbens in Würde“ wählen konnten und nicht durch eine andere, unsichere und belastende Art des Suizids verstarben. Verlässliche Daten dazu fehlen aber.

Ein Bericht für die Politik?

Abgesehen davon, dass der jährliche Suizid-Bericht von der Klinischen Psychologin Isabel Bitriol-Dittrich immer gut strukturiert und nachvollziehbar gestaltet ist, ist es dem aks zu verdanken, dass die Zahlen weiterhin erhoben und vor allem auch ausgewertet werden, obwohl das Land Vorarlberg aus der Finanzierung ausgestiegen war. Der Bericht zeigt nicht nur die vorliegenden Unterschiede zu anderen Bundesländern auf, sondern hilft auch Trends zu erkennen und Angebote anzupassen. Also ein „unverzichtbares Instrument der Suizidprävention für Fachpersonen, Forschung, aber auch die Politik, wie Paul Rubner, als Präsident des aks-Vereines betonte. Wenn denn die Politik gewillt ist, dieses Instrument auch zu nützen. Zuletzt wurde beispielsweise die aufsuchende psychiatrische Hilfe des Sozialpsychiatrischen Dienstes wegen Mittelkürzung eingestellt. Die Wertschätzung der Gesundheitsabteilung des Landes sei zurückgegangen, wie Albert Lingg anmerkte. Die konkret zu optimierenden primär-, sekundär- und tertiärpräventiven Maßnahmen könnten zum Großteil in adaptierter Form von jenen abgeleitet werden, welche sich aus den 80er-Jahren bewährt haben, schließen die Autoren ihren diesjährigen Suizidbericht.

stellen für Hilfesuchende

Telefonseelsorge Vorarlberg:

www.142online.at/soziales-netz
Österreichische Gesellschaft für Suchtprävention:
www.suizidpraevention.at
Sozialpsychiatrischer Dienst:
www.spdi.at