Das Wagnis der Öffentlichkeit

Was es bedeutet, sich mit der eigenen Meinung zu zeigen – und warum das heute wichtiger denn je ist.
Von Lea Putz-Erath
neue-redaktion@neue.at
Kennen Sie das: zitternde Knie, tiefes Unbehagen in der Magengrube, eine Stimme, die kurz vor dem Versagen scheint? Gedanken wie: „Wer interessiert sich schon dafür, was ICH zu sagen habe?“ oder „Ich bin nicht wichtig genug, dass mir irgendjemand zuhören soll.“ So geht es vielen Menschen, wenn sie vor einer öffentlichen Rede stehen. Es scheint zwei Typen zu geben: Die einen, die jedes öffentliche Wort – sei es die Festrede bei der goldenen Hochzeit oder das Referat in der Schule – scheuen. Und die anderen, die sich gerne im Rampenlicht sehen, mit Selbstsicherheit vorne hinstellen und mal mehr, mal weniger gewählte Worte an die anwesenden Menschen richten. Ich, das gebe ich gerne zu, war immer schon Teil der zweiten Gruppe – und bin damit als Frau gewiss in der Minderheit.
Kommunikation spielt eine große Rolle bei der Entwicklung der Gesellschaft. Wer seine Erkenntnisse und Standpunkte in die Öffentlichkeit bringt, bietet Gesprächsstoff und setzt sich selbst und seine Argumente gleichzeitig einer Bewertung aus.
Es gibt viele Möglichkeiten, Öffentlichkeit zu gewinnen. Neben der Rede vor Menschen, dem Auftritt im Fernsehen oder Radio oder dem Schreiben eines Zeitungsartikels hat sich mit dem Internet und insbesondere den sozialen Medien das Sichtbarmachen der eigenen Gedanken, Standpunkte oder des eigenen Wissens enorm vereinfacht. Wobei – da gibt es doch einen entscheidenden Unterschied: Im Internet ist es möglich, die eigene Person unsichtbar zu lassen. Nicht wenige verstecken sich in Foren hinter Spitznamen und fühlen sich so vielleicht sogar mutiger in ihrem Kommentar. Zu viele Menschen kennen mit Shitstorms und Hate Crimes die negativen Folgen dieses Phänomens.
Es ist mir gestattet, ein weiteres Jahr hier Kommentare zu veröffentlichen – ein Privileg, mit dem ich sorgfältig umgehe. Denn ich stehe mit meinem Namen und meinem Gesicht hinter dem geschriebenen Wort. Das „Wagnis der Öffentlichkeit“, wie es der Philosoph Jaspers formuliert, entsteht dann, wenn man sich als Mensch mit seinen Werten, Erlebnissen und Gedanken zeigt. Die Persönlichkeit transportiert die Expertise. Dem fühle ich mich verpflichtet.