Evangeliumkommentar: Auch Ibrahim ist Gottes geliebtes Kind

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Wilfried M. Blum, Caritas-Seelsorger.
Sonntagsevangelium
Auch Jesus ging aus seiner Heimat in Galiläa zum Fluss Jordan, weil er sich von Johannes taufen lassen wollte. Aber Johannes hielt das für keine so gute Idee: „Hey Jesus, es müsste doch eigentlich umgekehrt laufen! Ich habe es nötig, von dir getauft zu werden und nicht du von mir! Und jetzt willst du wirklich von mir getauft werden?“ Aber Jesus meinte nur: „Es ist okay, so wie es ist. Das muss so sein, damit alles so läuft, wie Gott es vorgesehen hat.“ Also wurde auch Jesus von Johannes getauft. Als Jesus wieder aus dem Wasser auftauchte, öffneten sich ganz plötzlich die Wolken über ihm und als ein Zeichen landete so etwas wie eine weiße Taube auf seiner Schulter. Diese Taube war der Geist von Gott. Zur gleichen Zeit hörte man eine Stimme aus dem Off. Sie sagte: „Das ist mein Sohn, den ich sehr liebe! Ich freue mich riesig über ihn!“
Matthäus 3,13–17 (Volxbibel)
Auch Ibrahim ist Gottes geliebtes Kind
Es ist kaum zu glauben, aber wahr. Das Neujahrsbaby 2026 in Kärnten heißt Ibrahim. Der kleine Bub, dessen Eltern aus Somalia stammen, aber schon seit vielen Jahren in Klagenfurt leben, wurde mit Hass und Ablehnung „begrüßt“ wie „Er und seine Eltern mögen sich doch bitte wieder schleichen“, „Sie hätten hier nichts zu suchen“. Soziale Medien und Internetforen quollen über vor feindseliger Gehässigkeit. Darunter sind leider viele Christ*innen, dem Papier nach. Kärnten ist kein Einzelfall, Kärnten ist überall. Traurig, aber wahr! Es sind die faulen Früchte gesellschaftlicher Entwicklungen und jahrelanger (partei-)politischer Aufwiegelungen.
Als radikaler Gegenpol steht das Fest der Taufe des Herrn. Selbstverständlich ist Ibrahim genauso Gottes geliebtes Kind wie seine Eltern aus Somalia und wie Lukas, Sebastian, Sandra, Katharina, Emma von nebenan. Fakes verbreitet, wer Gegenteiliges behauptet! Nach all den Feierlichkeiten der letzten Tage endet mit der Taufe des Herrn die Weihnachtszeit (nicht am 2. Februar). Es beginnt der (kirchliche) Alltag und hoffentlich von feiertäglicher Freude und Zuversicht erfüllt. Über fast dreißig Jahre wissen wir fast nichts über das Leben Jesu. Es geschieht im Verborgenen und Unauffälligen, geprägt vom Handwerksarbeit (mit Josef) und von praktiziertem Glauben als Jude. Diese lange Zeit alltäglicher Normalität war ein entscheidend wichtiger Nährboden für das spätere öffentliche Wirken Jesu.
Was kann man von Jesus lernen? Glaube lebt vom normalen Leben und bereichert es. In der Spiritualität spricht man auch von der „Heiligung des Lebens“ – unkompliziert und alltagstauglich. Die Taufe Jesu ist wie ein „Schalthebel“ seines Lebens. Er bittet, von Johannes getauft zu werden. Gegen alle Zweifel und Ängste vertraut sich Jesus Gott an. Da öffnet sich der Himmel. Gottes Geist kommt wie eine Taube auf ihn herab und im Herzen hört er die Stimme: „Das ist mein Sohn, den ich sehr liebe! Ich freue mich riesig über ihn!“ (3,17). Welch großartige Liebeserklärung! Es ist ein „Blankoscheck“ der Liebe Gottes, den ich in mein Leben mitbekomme – ohne Vorbedingung und Vorleistung. Das anzunehmen, kann ich von Jesus lernen.
Um Wesentliches erahnen zu können, braucht es Symbole. Das Evangelium ist voll davon: Wasser, Taube, Himmel, Stimme … Mich fasziniert vor allem die Taube als Bild für den Geist Gottes. Sie erinnert an die Sintflut und die (Turtel-)Taube als Liebessymbol. Nach dem Untergang (Sintflut) verkündet sie bekanntlich einen Neuanfang: Neuland, ein Leben unter den Augen Gottes ohne Angst und voll Zuneigung. Das lässt auch nach allen „Sintfluten des Lebens“ wie Krankheiten, Leiden, Gehässigkeiten und Verletzungen hoffen. Gottes Zuneigung bleibt fix, auch für Ibrahim. Daran erinnert Jahr für Jahr das Fest der Taufe des Herrn.