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Stimme für den Iran in Vorarlberg: „Das Volk hat nichts mehr zu verlieren“

14.01.2026 • 12:48 Uhr
Iran, Iraner in Vorarlberg
Benjamin Davoodi lebt inzwischen in Hohenems und spricht mit der NEUE über seine Heimat, den Iran. Begle

Vor elf Jahren flüchtete Benjamin Davoodi (28) aus dem Iran.  Heute möchte der ausgebildete Altenpfleger den Menschen in seiner Heimat eine Stimme im Kampf gegen das Terror-Regime verleihen. Im Interview mit der NEUE gewährt der konvertierte Christ Einblick in die furchtbare Lage seiner Landsleute. Protestkundgebung am Freitag in Bregenz.

NEUE: Vor fast zwei Jahren sind wir schon einmal hier gesessen und haben über die Eskalation zwischen Iran und Israel gesprochen. Schon damals war die Situation sehr prekär. Heute treffen wir uns wegen einer noch gefährlicheren Lage, vor allem für das iranische Volk im Land. Es ist von bis zu 2500 Toten die Rede, die von den Revolutionsgarden bei Protesten niedergeschlagen wurden. Die Informationslage ist sehr dünn, vieles ist abgeschottet. Wie geht es Ihnen damit?

Benjamin Davoodi: Mir geht es persönlich gut. Ich bin nach wie vor Iraner und auch stolz darauf, Iraner zu sein. Bald bin ich zusätzlich Österreicher. Das ist mir sehr wichtig. Österreich ist meine zweite Heimat und auch mein Gastgeberland. Deshalb möchte ich Österreich informieren und darauf aufmerksam machen, dass man so schnell wie möglich keinen Kontakt mehr mit diesem Regime haben darf oder zumindest die Botschaft schließen sollte. Dieses Regime tötet Kinder und Frauen. Die Zahlen, die jetzt in den Medien kursieren, etwa 2500 Tote, glaube ich nicht. Es sind viel mehr Menschen getötet worden, das bekomme ich aus iranischen Nachrichten und aus der Innenpolitik mit. Durch die Abschottung ist die Kommunikation nahezu unmöglich geworden.

Iran, Iraner in Vorarlberg
Benjamin Davoodi möchte eine Rückkehr zum alten iranischen System, auch eine Monarchie hält er zumindest momentan für denkbar. Begle

NEUE: Wie schaut Ihr Kontakt aus? Es ist ja schwierig, verlässliche Informationen zu bekommen.

Davoodi: Genau, alles ist gesperrt. Aber ich folge anderen Medien und Journalistinnen und Journalisten, die berichten. Ich habe viele Videos gesehen. Verletzte Menschen werden sogar in Spitälern angegriffen. Wenn sie verwundet sind oder nicht sofort getötet werden, nimmt man sie mit und bringt sie ins Gefängnis. Diese Zahlen betreffen nur offiziell Getötete. Viele Verletzte werden später getötet. Das heißt, diese Zahlen werden weiter steigen.

Iran, Iraner in Vorarlberg
Der Altenpfleger möchte eine Stimme für sein Volk sein.Begle

NEUE: Was hat sich jetzt verändert? Warum sind diese Proteste wieder so stark aufgeflammt? Im vergangenen Jahr konnte sich das Regime noch durch Stärke nach außen profilieren. Jetzt scheint sich das zu drehen.

Davoodi: Die Bevölkerung hat genug. Die Menschen haben nichts mehr zu verlieren. Die wirtschaftliche Lage ist katastrophal. Viele verhungern, viele haben kein Geld mehr. Es ist besser, auf die Straße zu gehen und für eine Revolution zu kämpfen, als zu verhungern. Wenn du heute für 5 Euro einkaufst, kostet derselbe Einkauf morgen 50 Euro. Die Gehälter bleiben gleich. Man kann die Familie nicht mehr ernähren. Es gibt keine soziale Absicherung. Wenn du nicht mit dem Regime verbunden bist oder Verwandte in der Politik hast, bekommst du keinen Job. Ungebildete Menschen werden Minister, ohne Abschluss, ohne Wissen. Diese Ungerechtigkeit wollen die Menschen nicht mehr.

Stimme für den Iran in Vorarlberg: „Das Volk hat nichts mehr zu verlieren“
Im Iran gehen die Wogen hoch.UGC

NEUE: Das klingt sehr hart. Du hast auch gesagt, dass sich Teile der Bevölkerung sogar über die Unterstützung von den USA unter Donald Trump freuen würden.

Davoodi: Ich persönlich freue mich nicht darüber, aber viele Menschen tun es. Natürlich wissen wir, was im Irak unter George Bush passiert ist. Aber das ist die einzige Hoffnung, dass Trump angreift und im Krieg einige Menschen sterben, anstatt dass dieses Regime über Jahre Millionen Menschen tötet. Wenn dieses Regime stürzt, kommen die Fakten, die Zahlen ans Licht. wie viele Kinder, Frauen, ältere und unschuldige Menschen getötet wurden. Ich bin mir sicher, dass dieses Regime nun vor dem Umsturz steht. Wenn ein Regime mit Macht, Gewalt und Kriegswaffen gegen das eigene Volk vorgeht, ist das sein Ende.

Iran, Iraner in Vorarlberg
Benjamin Davoodi beim Interview in der NEUE-Redaktion.Begle

NEUE: Der Iran war immer ein Staat, der mit Angst regiert hat, vor allem durch die Revolutionsgarden. Warum hat sich die Gewalt jetzt so stark zugespitzt, bis hin zu automatischen Waffen gegen Demonstrierende?

Davoodi: Die letzte große Bewegung begann wegen der Frauen. Es gab kurzzeitig Öffnungen, weniger Zwang. Aber die wirtschaftliche Lage ist jetzt so schlecht, dass die Menschen kein Geld mehr haben. Gleichzeitig hat das Regime Milliarden in Hamas und andere terroristische Organisationen investiert. Jetzt gibt es keinen Strom, kein Wasser. Die Infrastruktur des einst so stolzen persischen Reich ist zusammengebrochen. Die Menschen sehen, was in anderen Ländern möglich ist. Katar, Dubai, andere Staaten entwickeln sich. Im Iran hängt alles an Religion und Macht, selbst der Sport. Die Menschen wollen Demokratie und keine religiöse Führung mehr. Und sie wollen von dem Reichtum des Landes profitieren.  

NEUE: Sie sprechen auch von einer Rückkehr zu einem anderen Iran. Meinen Sie damit auch eine Rückkehr zur Monarchie?

Davoodi: Ja. Die alte Flagge mit dem Löwen steht für Stolz. Wenn ich mit älteren Menschen spreche und Persien erwähne, denken sie an den Schah. Das macht mich stolz. Der Sohn des Schahs ist gebildet, demokratisch orientiert und sagt selbst, dass seine politische Aufgabe endet, wenn das Regime fällt. Wenn die Bevölkerung kein Königreich will, akzeptiert er das. Er sucht keine Machtposition. Und trotzdem sehe ich ihn ihm nun eine Chance für meine Heimat.

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NEUE: Sie treten öffentlich auf, organisieren Veranstaltungen und sind medial präsent. Viele Menschen trauen sich das aus Angst nicht. Hben Sie  Angst? Gab es bereits Drohungen gegen Sie?

Davoodi: Angst habe ich keine. Die iranische Bevölkerung hat nur Angst vor Gott. Ich habe anonyme Anrufe aus dem Iran bekommen, man sagte mir, ich solle still sein. Aber ich habe keine Angst. Ich stehe für die Bevölkerung.

NEUE: Sie sind zum Christentum konvertiert. Welche Rolle spielt Religion in diesem Konflikt?

Davoodi: Ich habe diese Entscheidung bewusst getroffen. Der Islam, den das Regime präsentiert, entspricht nicht den religiösen Texten. Ich bin katholisch und fühle mich damit wohl. Unter diesem Regimedroht mir im Iran die Todesstrafe. Wenn das Regime stürzt, bleibe ich trotzdem hier. Österreich ist meine Heimat.

NEUE: Wie erleben Sie den Umgang mit Geflüchteten in Vorarlberg?

Davoodi: Der Hass kommt nicht aus der Bevölkerung, sondern aus der Politik. Integration wurde falsch umgesetzt. Es braucht echte Integration. Viele Geflüchtete arbeiten, zahlen Steuern und wollen dazugehören. Das wird oft ignoriert.

Iran, Iraner in Vorarlberg
Benjamin Davoodi zeigt sich ob der Gewalt erschüttert.Begle

NEUE: Am Freitag planen Sie eine Veranstaltung in Bregenz. Was ist Ihre Kernbotschaft?

Davoodi: Ich möchte erklären, was im Iran passiert. Ich möchte die Stimme jener sein, die auf der Straße sind. Ich möchte zeigen, dass sie nicht allein sind. Es geht um Information, Austausch und Solidarität.

NEUE: Was können Menschen in Vorarlberg und Europa tun?

Davoodi: Zuhören, hinschauen, sich informieren. Nicht wegsehen. Wenn wir jetzt nichts tun, wird es schlimmer. Wir müssen den Menschen vor Ort helfen.

NEUE: Zum Abschluss: Wo stehen Sie heute persönlich?

Davoodi: Ich bin 28 Jahre alt und arbeite im Sozialzentrum Weidach. Ich hoffe, dass mein Heimatland eines Tages frei ist.

Protestveranstaltung

Kundgebung gegen das Regime im Iran: Am Freitag, 16. Jänner, geht Benjamin Davoodi für die iranische Bevölkerung auf die Straße. Um 18 Uhr findet in Bregenz am Kornmarktplatz eine Veranstaltung statt, als Zeichen der Solidarität für die unterdrückte Bevölkerung im Iran. Und als Unterstützung für den aufopfernden Kampf der Menschen gegen das Mullah-Regime.

(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)