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„Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“

31.01.2026 • 18:20 Uhr
„Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“
Die NEUE am Sonntag hat fünf weitere Vorarlberger Bürgermeister zur finanziellen Situation ihrer Gemeinden befragt. Steurer, Hartinger (3), Stiplovsek, neue

Nachdem Recherchen der NEUE am Sonntag gezeigt haben, dass finanzielle Engpässe auch große Gemeinden in Vorarlberg betreffen, richtet sich der Blick nun auf fünf weitere Kommunen.

Auch in Hard, Frastanz, Lauterach, Lochau und Vandans ist die Budgetlage für 2026 angespannt. Die Rückmeldungen der Bürgermeister zeigen, wie unterschiedlich die Ausgangslagen sind, aber auch, wie ähnlich die strukturellen Belastungen wirken.

Refinanzierung von Schulden

In Hard beschreibt Bürgermeister Martin Staudinger die finanziellen Rahmenbedingungen als schwierig. Die Dynamik der Ertragsanteile aus dem Finanzausgleich habe sich durch die Wirtschaftslage und Steuerreformen abgeschwächt, während die Ausgaben, insbesondere in der Kinderbetreuung, weiter steigen. „Wir haben das Budget in allen Bereichen durchforstet, um kostendämpfend zu wirken und Effizienzen zu erhöhen“, betont er. Operativ werde ein ausgeglichener Haushalt angestrebt. Gleichzeitig müsse die Gemeinde Investitionen und die Refinanzierung von Schulden in Höhe von rund fünf Millionen Euro vollständig fremdfinanzieren. Strukturell fordert Hard ein Überdenken der Aufgabenwahrnehmung und eine klarere Aufgabenteilung zwischen den Ebenen, verbunden mit weniger Bürokratie.

„Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“
Der Harder Bürgermeister Martin Staudinger spricht von schwierigen finanziellen Rahmenbedingungen.

Stagnierende Ertragsanteile

Besonders deutlich fällt die Lagebeschreibung in Frastanz aus. Bürgermeister Walter Gohm spricht von einer Situation, in der die Gemeinde „mit dem Rücken zur Wand“ stehe. Stagnierende Ertragsanteile treffen auf Kostensteigerungen in nahezu allen Bereichen. Von den Einnahmen aus den Ertragsanteilen verblieben nur rund 36 Prozent für die Erledigung der eigenen Aufgaben. „Das ist kein tragfähiges Zukunftsmodell“, hält er fest. Der Voranschlag 2026 konnte nur durch Einmaleffekte, insbesondere durch Erlöse aus Grundstücksverkäufen, ausgeglichen vorgelegt werden. Ein zentrales Budgetthema ist das Bildungszentrum Fellengatter. Im Investitions- und Instandhaltungsprogramm 2026 sind 12,9 Millionen Euro vorgesehen, davon entfallen 11,6 Millionen Euro auf die Fertigstellung dieses Projekts. Für dessen Finanzierung wurde bereits 2025 eine Darlehensaufnahme von 13,5 Millionen Euro beschlossen. Weitere Kredite seien 2026 weder geplant noch leistbar. Einsparungen erfolgten durch Projektverschiebungen, kritische Nachbesetzungen von Stellen und Gebührenerhöhungen von rund fünf Prozent.

„Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“
Walter Gohm findet klare Worte zur Budgetsituation.

Liquidität fehlt

In Lauterach weist Bürgermeister Elmar Rhomberg ebenfalls auf eine sehr angespannte Lage hin. Trotz intensiver Sparmaßnahmen, der Zurückstellung von Investitionen, der Auflösung von Rücklagen und der Aufnahme von Fremdmitteln fehle 2026 effektiv Liquidität in der Höhe von rund 861.000 Euro. „Weitere Maßnahmen sind erforderlich, um diesen Fehlbetrag zu decken“, sagt er. Als stärkste Belastungen nennt er den Ausbau und Betrieb der Kinderbetreuungseinrichtungen sowie die Transferzahlungen an das Land, darunter Sozialhilfebeitrag, Spitalsabgangsdeckung und Landesumlage. Bereits im Juni 2025 sei mit externer Begleitung ein Konsolidierungsprozess gestartet worden. Über 300 Vorschläge wurden eingebracht, ein Volumen von rund 1,4 Millionen Euro zur weiteren Prüfung und Umsetzung freigegeben. Für 2026 sind neue Darlehen von 1,6 Millionen Euro geplant, durch die Zurückstellung von Investitionen soll eine Nettoneuverschuldung vermieden werden.

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Bürgermeister Elmar Rhomberg (Lauterach) berichtet von einem bereits 2025 gestarteten Konsolidierungsprozess mit externer Begleitung.

Vorsichtige Zuversicht

In Lochau blickt Bürgermeister Frank Matt trotz schwieriger Ausgangslage vorsichtig zuversichtlich auf das Jahr 2026. Der Voranschlag weist dennoch ein Defizit von 5,5 Millionen Euro aus. Den Erträgen von rund 20,9 Millionen Euro stehen Aufwendungen von 26,4 Millionen Euro gegenüber, der Aufwandsdeckungsgrad liegt bei lediglich 79 Prozent. Der Bürgermeister verweist auf zwei dominante Kostenblöcke. Im Gesundheits- und Sozialbereich schlagen der Beitrag an den Landesgesundheitsfonds mit 1,7 Millionen Euro und die Abgangsdeckung der Krankenanstalten mit 2,3 Millionen Euro zu Buche. In Bildung und Kinderbetreuung entsteht ein Abgang von 2,05 Millionen Euro. Als zentrale Konsolidierungsmaßnahme wurden die Investitionen 2026 gegenüber dem Vorjahr um 53 Prozent auf 2,8 Millionen Euro reduziert. „Neue Projekte sind mangels freier Finanzspitze derzeit kaum möglich“, heißt es aus dem Rathaus, die laufenden Einnahmen reichen also gerade aus, um den laufenden Betrieb, die Pflichtausgaben und bestehende Schulden zu finanzieren. Für 2026 ist eine Darlehensaufnahme von 2,05 Millionen Euro vorgesehen, bei Tilgungen von 581.000 Euro.

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Trotz schwieriger Ausgangslage ist der Lochauer Bürgermeister Frank Matt vorsichtig zuversichtlich.

Negatives Ergebnis

Auch in Vandans ist die Lage angespannt. Bürgermeister Florian Küng verweist auf stark gestiegene Pflichtausgaben in den Bereichen Sozialfonds, Gesundheitsfonds und Rettungsfonds sowie auf die Landesumlage. „Die Einnahmen haben sich nicht entsprechend entwickelt, weshalb unsere Haushaltsjahre von Sparmaßnahmen und Konsolidierung geprägt sind“, erklärt er. Zusätzliche Belastungen entstehen durch gesetzliche Vorgaben, etwa im Bereich der Kinderbetreuung, des öffentlichen Personennahverkehrs und der Energieeffizienz. Für 2026 sei ein Sparbudget vorgesehen, Investitionen würden auf das unbedingt Notwendige beschränkt. Gleichzeitig setze die Gemeinde auf Kooperationen und die langfristige Nutzung von Gemeindeimmobilien zur wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Darlehensaufnahme von rund einer Million Euro ist geplant, der Schuldenstand soll um etwa 500.000 Euro auf 9,9 Millionen Euro steigen. Das negative Nettoergebnis wird mit 1,23 Millionen Euro angegeben.

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Bei Bürgermeister Florian Küng in Vandans sind die Haushaltsjahre von Sparmaßnahmen und Konsolidierung geprägt.

Reformen

Die Bürgermeister betonen, dass kurzfristige Einmalmaßnahmen nicht ausreichen. Notwendig seien Reformen, um die finanzielle Handlungsfähigkeit der Gemeinden langfristig zu sichern.

11,6 Millionen Euro

sind im Jahr 2026 in Frastanz allein für die Fertigstellung des Bildungszentrums Fellengatter vorgesehen. Damit entfällt der überwiegende Teil des gesamten Investitionsprogramms auf ein einzelnes Projekt, das über Jahre hinweg erhebliche Mittel bindet.

5 Millionen Euro Investitionen

muss die Marktgemeinde Hard 2026 vollständig fremdfinanzieren. Bürgermeister Martin Staudinger betont, dass operativ ein ausgeglichener Haushalt angestrebt wird, die Finanzierung von Investitionen und bestehender Schulden jedoch zusätzlichen Druck erzeugt.

9,9 Millionen Euro Schuldenstand

erwartet die Gemeinde Vandans für das Jahr 2026. Trotz eines absoluten Sparbudgets und stark eingeschränkter Investitionen steigt der Schuldenstand laut Bürgermeister Florian Küng um rund 500.000 Euro.

53 Prozent

weniger Investitionen plant Lochau im Jahr 2026 im Vergleich zu 2025. Die Investitionen wurden auf 2,8 Millionen Euro reduziert, um den laufenden Haushalt abzusichern.

300 Vorschläge

wurden im Konsolidierungsprozess der Marktgemeinde Lauterach eingebracht. Daraus wurden Maßnahmen mit einem Volumen von rund 1,4 Millionen Euro zur Prüfung und Umsetzung freigegeben.