Evangeliumkommentar: Eine Prise Salz

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Andrea Geiger, Projektassistentin im Pastoralamt der Katholischen Kirche Vorarlberg.
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr, außer weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden. Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht eine Leuchte an und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; dann leuchtet sie allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen. Matthäus 5,13-16
Eine Prise Salz
Wer schon einmal auf Salz-Diät gesetzt wurde, kann zu diesem Evangelium viel erzählen. Salz ist ein ganz eigenes Thema in der Küche und an jedem Esstisch. Abgesehen davon, dass Salz in Kochrezepten selten in genauen Maßeinheiten angegeben wird … – auch meine Mama hat immer gesagt „Eine Prise Salz“ – völlig egal wie groß die Kuchenform, der Kochtopf, die Anzahl der Portionen, … – „Eine Prise Salz.“
Unsere Geschmackssinne ticken unterschiedlich: Was für die einen zu viel, ist für die anderen zu wenig. Zu viel Salz ist sehr ungesund und auch zu wenig Salz ist ungesund. Unser Körper braucht Salz – wahrscheinlich, ungefähr eine Prise.
Und fast bei jeden Essen greift jemand nach dem Salzstreuer. Eine kleine Bewegung. Fast beiläufig. Niemand applaudiert. Und doch: Plötzlich schmeckt alles runder, voller, lebendiger. Das Salz bleibt im Hintergrund. Es ist nicht das Essen. Aber ohne es wäre der ganze Tisch eine ziemlich fade Angelegenheit. Mit genau diesem Bild spricht Jesus zu den Menschen: „Ihr seid das Salz der Erde.“
Kein Auftrag. Keine Drohung. Keine Erwartung. Sondern eine Beschreibung. So, als würde er sagen: Das ist eure Wirkung. Ob ihr wollt oder nicht. Salz macht nicht viel her. Es glänzt nicht. Es drängt sich nicht auf. Aber es verändert die Welt im Kleinen. Es bewahrt, es verfeinert, es bringt Tiefe. Manchmal brennt es kurz – ja. Aber nur, weil es reinigt oder heilt oder das Eis zum Schmelzen bringt. Jesus traut den Menschen zu, dass genau diese Art von Wirkung von ihnen ausgeht. Unaufgeregt. Still. Und ganz aufmerksam.
Und dann wechselt er das Bild. Vom Unscheinbaren zum Unübersehbaren. „Ihr seid das Licht der Welt.“ Jetzt geht uns ein Licht auf. Denn Licht versteckt man nicht. Niemand zündet eine Lampe an, um sie unter einen Kübel zu stellen. Das wäre absurd. Licht ist dafür da, gesehen zu werden. Nicht, einfach nur für sich selber – sondern um Orientierung zu geben. Damit andere nicht stolpern. Damit wir uns gegenseitig sehen. Jesus spricht nicht von Selbstdarstellung und schon gar nicht von Selbstoptimierung. Er sagt nicht: „Seid besser.“ Er sagt: Lasst euer Licht leuchten.
Also: so leben, wie du lebst – aufmerksam, mit wachem Herzen, großzügig. Wenn Menschen spüren: Da meint es jemand gut. Da hört jemand zu. Da bleibt jemand dran. Da ist Hoffnung im Spiel. Und dann kann etwas Merk-würdiges passieren: Die Aufmerksamkeit wandert zu Gott – „… damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.“
Das heißt: Applaus nicht für uns. Sondern: Dankbarkeit für das Leben. Vertrauen, dass diese Welt getragen und gesegnet ist. Staunen darüber, dass wir alle (jeder Mensch!) herbeigesehnt und ins Leben geliebt sind. Du musst nichts beweisen. Du darfst wirken. Und – ganz wichtig – Du fehlst, wenn du schal bist, wenn du nicht wirkst. Nichts und niemand kann dein Wirken ersetzen. Wie Salz. Wie Licht. Ganz selbstverständlich.
