Studio Mimi im Bregenz: Schaffen um des Schaffens willen

Im Atelier von Rüscher steht das freie Malen im Mittelpunkt. In geschützter Atmosphäre dürfen Kinder und Erwachsene ohne Vorgaben und Leistungsdruck gestalten, experimentieren und ihrer inneren Spur folgen.
Es fängt meist schon früh an: Wer springt im Kindergarten am höchsten? Wer kann als Erster das ganze Alphabet aufsagen? Wer führt beim Malen den Pinsel nicht mehr über den Blattrand hinaus? Man steht im ständigen Wettbewerb, wird bewertet und bewertet selbst, teils bewusst oder unbewusst.
„Ich versuche hier einen Ort zu erschaffen, den ich mir früher gewünscht hätte“, sagt Michaela Rüscher im Gespräch mit der NEUE. Das von ihr neu gegründete „Studio Mimi“ soll ein Ort sein, an dem Menschen aller Altersgruppen, Kulturkreise und sozialen Schichten zusammenkommen und kreativ sein können; frei von Wertung und Wettbewerb.

Malen nach Stern
Malen nach Stern. Inspiration für dieses Konzept fand Rüscher 2009 bei einem Vortrag von Arno Stern. Der 2024 verstorbene Pädagoge und Forscher gilt als Begründer der sogenannten „Malorte“. Ein Malort nach Stern ist ein geschützter Raum, in dem Menschen, vor allem Kinder, aber auch Erwachsene, frei malen dürfen. Im Mittelpunkt steht nicht das fertige Bild, sondern der Prozess des Malens. Es gibt keine Vorgaben, keine Bewertung und keine Interpretation der Bilder. So entsteht ein wertfreier Raum, in dem sich die sogenannte „Formulation“ entfalten kann. Laut Stern ist das die natürliche, ursprüngliche Ausdrucksspur des Menschen.

Der Malort ist klar strukturiert: Die Wände sind mit Papier bespannt, gepinselt wird im Stehen mit hochwertigen Gouachefarben. In der Mitte steht ein Tisch mit Farben. Eine geschulte Person, der „Dienende“, betreut den Raum organisatorisch und reicht Materialien an, lobt aber nicht und beurteilt nicht.
Der Malort ist weder Kunstunterricht noch Therapie. Er dient der freien Entfaltung, stärkt Konzentration und Selbstvertrauen und ermöglicht kreativen Ausdruck ohne Leistungsdruck.
Rüscher hat die Malort-Ausbildung bei Arno Stern selbst absolviert und ist ausgebildete Maltherapeutin. Ihr Studio ist jedoch kein „Malort“ nach Stern und wird auch nicht für mal-therapeutische Zwecke genutzt. „Studio Mimi“ ist eine eigenständige Idee, die über viele Jahre gewachsen ist.

Werdegang
Die Bregenzerin sammelte in den vergangenen Jahren Erfahrung im ARTelier der Lebenshilfe und leitete zahlreiche Workshops im Bereich des selbstbestimmten Malens. Stets mit dem Ziel, einen eigenen Raum dafür zu schaffen. Im Jänner war es so weit: Das „Studio Mimi“ öffnete seine Türen.
Das Konzept ist stark an Sterns Philosophie angelehnt. Gleichzeitig bringt Rüscher eigene Erfahrungen und persönliche Elemente ein. Sie beschränkt sich nicht ausschließlich auf die von Stern vorgegebenen Farben, sondern bietet teilweise auch Bastelmaterialien an.
Michaela Rüscher
51 Jahre alt
Aufgewachsen in Lochau
Lebt in Bregenz
Inhaberin von studiomimi
Ein weiterer Unterschied: Die Kursteilnehmer dürfen ihre Werke nach dem Workshop oder Semesterkurse mit nach Hause nehmen. „Ich glaube an das Urheberrecht der Erschaffer. Zudem hat Arno Stern die Bilder für seine Forschung verwendet, das ist bei mir nicht der Fall“, erklärt Rüscher.

Doch warum braucht es einen eigenen Ort, an dem man „frei malen“ kann? Geht das nicht auch mit ein paar Stiften in den eigenen vier Wänden? Die NEUE hat den Selbstversuch gewagt und im „Studio Mimi“ selbst zum Pinsel gegriffen:

„Auch wenn ich schon länger keinen Pinsel mehr in der Hand gehalten habe, ist mir das Gefühl dabei keineswegs fremd. Besonders als Kind und später im Jugendalter verbrachte ich viel Zeit im Malunterricht oder Zeichenkurs, stets mit dem Ziel, meine Technik zu verbessern.
– Sarah Schäfer, Redakteurin
Dementsprechend ist das freie Malen für mich dennoch ein neues Erlebnis. Im Studio Mimi muss ich mir keine Gedanken darüber machen, ob ein Pinsel fehlt oder eine Farbe austrocknet. Rüscher, die dort die Rolle der „Dienerin“ einnimmt, kümmert sich darum. Ich hingegen lasse mich vollkommen auf die Wirkung der Farben, das Zusammenspiel abstrakter Formen und auf die Freiheit ein, einmal um des Schaffens willen zu erschaffen, nicht für ein Endprodukt. Für mich ist es ein meditatives Erlebnis der inneren Einkehr und ein wunderbares Zusammenkommen all jener Dinge, die im Alltag teils fehlen: das Loslassen von Druck, das ständige Wissen, nach Ergebnissen beurteilt zu werden, und die Vorstellung, Zeit, in der „nichts erreicht“ wird, als verloren zu betrachten.
Ob sich aber jeder so leicht im spielerischen Malen wiederfinden kann, wage ich zu bezweifeln. Hierbei wird das Malen als die ursprüngliche Ausdrucksform des Menschen verstanden. Für jemanden wie mich mag das zutreffen. Gleichzeitig sind jedoch auch Tanz oder Gesang uralte, archaische Formen der Selbstdarstellung und Verarbeitung der eigenen Existenz. Ausdrucksformen, welche manch einem vielleicht mehr liegen, als die hier vorgestellte bildnerischen Mittel.
Um auf die ursprüngliche Frage jedoch zurückzukommen: Nein, selbstbestimmtes Malen ist nicht mit bloßem Kritzeln auf einem Blatt Papier zu Hause vergleichbar. Ob es das Richtige für einen selbst ist, kann letztlich nur jeder für sich ausprobieren. Es ist jedenfalls eine Erfahrung, die sich leichter erleben als in Worte fassen lässt.“