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Stiller Protest am Dornbirner Marktplatz: Frauen fordern echte Gleichberechtigung

09.03.2026 • 17:27 Uhr
Frauenstreik ENOUGH!Genug!
Frauen aus allen Altersgruppen fanden sich auf dem Dornbirner Marktplatz ein. NEUE

Was, wenn keiner mehr auf die Kinder schaut, das Haus putzt oder sich um den dementen Angehörigen kümmert? Der globale Frauenstreik macht auf die unsichtbare Arbeit aufmerksam.

Der 8. März in Dornbirn: Während Schaufenster mit Blumen für oberflächliches „Empowerment“ werben, füllte sich der Marktplatz mit einer ganz anderen, tiefgreifenden Energie. Es gab keine lauten Reden, keine Bühne. Stattdessen herrschte eine kraftvolle Ruhe auf dem Platz. Frauen saßen oder lagen auf Picknickdecken am Boden. In dieser Stille sprachen die Schilder für sich. Hochgehaltene Plakate mit Aufschriften wie „Solidarität statt Sexismus“, „We are not angry enough“ oder „Mehr Arbeit – weniger Lohn, WTF?“ schnitten durch die Ruhe auf dem Marktplatz.

Frauenstreik ENOUGH!Genug!
Bunte Plakate sorgten für Aufmerksamkeit. Neue

Unter dem Banner von „Frauen Zukunft Mitanand“ wurde deutlich, dass 2026 immer noch keine Gleichberechtigung der Geschlechter herrscht. In Vorarlberg, dem traurigen Schlusslicht beim Gender Pay Gap mit über 20 Prozent Lohnunterschied zwischen Mann und Frau, ist die Realität ernüchternd.
Die Botschaft des Global Women’s Strike, inspiriert von Vorkämpferinnen wie Selma James, lautet: Wenn Frauen ihre bezahlte und gerade auch unbezahlte Arbeit ruhen lassen, steht die Welt still. Ob es die Entwertung von Care-Arbeit ist, die drohende Schließung der Gynäkologie in Dornbirn oder die alltägliche Gewalt; die Frauen machten am Montag klar: „Wir haben genug.“ Die NEUE war Ort mit dabei.

Frauenstreik ENOUGH!Genug!
Der Generalstreik für Frauenrechte findet weltweit statt. NEUE
Stiller Protest am Dornbirner Marktplatz: Frauen fordern echte Gleichberechtigung

„Beim heutigen Streik geht es darum, bewusst nichts zu tun. Frauen, queere Menschen, nicht-binäre, inter- und trans-Personen legen ihre Arbeit nieder. In einer Gesellschaft, in der Frauen selbstverständlich Care-Arbeit leisten und vieles am Laufen halten, ist das ein starkes Statement. Es geht darum, ein Zeichen gegen Diskriminierung zu setzen, die nach wie vor auf vielen Ebenen besteht, sei es durch Gewalt, Benachteiligung oder Lohnungleichheit. Die Themen sind schon lange bekannt, doch weiterhin aktuell. Vielleicht geht es heute auch darum, nicht aufzustehen und zu kämpfen, sondern bewusst sitzenzubleiben, still zu sein und nichts zu tun. Ich möchte in diesem Zusammenhang auch auf das Buch „Und alle so still“ von Mareike Fallwickl hinweisen. Es zeigt, was es für eine Gesellschaft bedeuten würde, wenn Frauen einfach alles niederlegen würden.“

– Corinne Scherrer, Psychotherapeutin
Stiller Protest am Dornbirner Marktplatz: Frauen fordern echte Gleichberechtigung

„Seit Jahren kämpfen wir für Gleichberechtigung für Mädchen, junge Frauen sowie trans-, inter- und nicht-binäre Personen. Wir hatten das Gefühl, das zumindest kleine Fortschritte erzielt werden. Doch in den letzten Jahren erleben wir eine starke Retraditionalisierung. Vieles ist rückläufig, toxische Männlichkeitsbilder werden wieder verherrlicht, traditionelle Rollenbilder erhalten neuen Aufwind. Deshalb möchten wir heute einen anderen Weg versuchen: nicht laut und kämpferisch, sondern mit Stille und dem Niederlegen der Arbeit zeigen, was passiert, wenn wir fehlen. Außerdem möchten wir darauf aufmerksam machen, dass bei Einsparungen häufig zuerst Bereiche betroffen sind, die Frauen oder Gleichstellungsthemen betreffen. Ein weiteres Thema ist Gewalt: Jede dritte Frau macht in ihrem Leben Gewalterfahrungen. Gleichzeitig hört man „nicht alle Männer.“ Wenn so viele Frauen betroffen sind, stellt sich die Frage, wie groß das Problem tatsächlich ist. Wir alle kennen Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben.“

– Michaela Moosmann & Ariane Grabherr, Amazone
Stiller Protest am Dornbirner Marktplatz: Frauen fordern echte Gleichberechtigung

„Ich arbeite in der offenen Jugendarbeit und sehe mit großer Sorge, in welche erschreckende Richtung sich manche Dinge bei diesem Thema derzeit bewegen. Besonders im Zusammenhang mit der sogenannten „Manosphäre“ beobachten wir in der Jugendarbeit, dass junge Menschen sich in diesen Überzeugungen wiederfinden und damit dann von problematischen Männlichkeitsbildern beeinflusst werden. Deshalb ist es wichtig, heute hier beim Globals Women‘s General Strike dabei zu sein und gemeinsam ein Zeichen zu setzen. Gerade eben auch im Hinblick auf unsere Kinder und Jugendlichen. Sie sind die Zukunft unserer Gesellschaft, und als Erwachsene tragen wir die Verantwortung, ihnen vorzuleben, wie Gleichberechtigung und Respekt untereinander aussehen. Damit haben wir auch die Pflicht, bei diesen Themen Profil für die jüngeren Generationen zu zeigen.“

– Michelle Rainer,Jugendarbeit
Stiller Protest am Dornbirner Marktplatz: Frauen fordern echte Gleichberechtigung

„Mir persönlich wurde besonders bewusst, wie weit wir noch von echter Gleichberechtigung entfernt sind, als mein Mann und ich die Rollen getauscht haben: Ich bin bei uns die Hauptverdienerin, er ist zu Hause. Obwohl er grundsätzlich sehr reflektiert ist, kam von ihm die Sorge um seine Pension. Er wollte nicht, dass diese geringer ausfällt, und fragte sich, wie sich die Kinderbetreuung mit seiner beruflichen Zukunft vereinbaren lässt. In diesem Moment wurde mir klar, wie selbstverständlich solche Gedanken für viele Frauen sind. Während sie Männer oft erst dann betreffen, wenn sie selbst in dieser Situation sind. Für mich war das dann so ein Schlüsselmoment. Er hat mir damit gezeigt, wie viel Arbeit noch vor uns liegt, bis es in der Gesellschaft normal ist, dass Männer Care-Arbeit übernehmen und Frauen selbstverständlich Karriere machen können, ohne dabei strukturelle Nachteile befürchten zu müssen.“

– Lisi Zimmermann, Mutter und Hauptverdienerin
Stiller Protest am Dornbirner Marktplatz: Frauen fordern echte Gleichberechtigung

„Unsere Teilnahme am Streik ist heute ganz spontan entstanden. Ursprünglich wollten nur zwei von uns hingehen. Dann haben wir beschlossen, gemeinsam Haltung zu zeigen und haben die Idee weitergetragen. So hat es sich dann wie ein Lauffeuer verbreitet und schließlich sind fast alle aus unserer Stufe mitgekommen. Wir sind aus der siebten Schulstufe des BORG Götzis und wollen hier gemeinsam ein Zeichen setzen.“

– Viola Amann, Jugendbotschafterin