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Evangeliumkommentar: Realitäten vor Augen

15.03.2026 • 09:00 Uhr
Evangeliumkommentar: Realitäten vor Augen
Wikipedia gemeinfrei

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Katharina Weiss, Schriftleitung „Dein Wort – Mein Weg“.

Jesus sah einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Er spuckte auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Das heißt übersetzt: der Gesandte. Als er zurückkam, konnte er sehen. Die Nachbarn, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte? Einige sagten: Er ist es. Andere sagten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es. Da brachten sie den Mann zu den Pharisäern. Es war Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte. Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei. Er antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen und ich wusch mich und jetzt sehe ich. Einige der Pharisäer sagten: Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sagten: Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen. Da fragten sie den Blinden noch einmal. Der Mann sagte: Er ist ein Prophet. Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus. Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn? Da antwortete jener: Wer ist das, Herr, damit ich an ihn glaube? Jesus sagte zu ihm: Du hast ihn bereits gesehen; er, der mit dir redet, ist es. Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder.Johannes 9, 1.6-9.13-17.34-38

Der Zugang ist meine eigene Ratlosigkeit beim Blick auf das Weltgeschehen. Geht es vielleicht um eine andere Form von Blindheit, reale Gegebenheiten zu sehen? Jesu Heilungen geht voraus, dass der Beeinträchtigte um Genesung bittet. Hier schreitet Jesus ohne Nachfrage zur Tat. Er rührt einen Brei aus dem Schmutz des Alltags. Er soll durch angerührte Gegebenheiten sehend werden. Jesus fordert ihn weiters auf, sich im Teich von Schiloach – dem Wasser der Gesandtschaft – zu waschen. Sehen bedeutet auch, Handelnder zu werden.

So ein Handelnder war Dietrich Bonhoeffer. „Man müsse dem Rad in die Speichen fallen“ sagte er, den Nationalsozialismus im Aufkeimen sehend. Das heißt nicht nur die Opfer des Rades zu versorgen, vielmehr den Wagen daran zu hindern, weiterzufahren. Er sieht für ChristInnen einen Auftrag im Einsatz gegen Despoten. Er gilt allen, die unter die Räder zu geraten drohen – selbstbestimmten Grönländern, Kindern in Gaza, alten Menschen in der Ukraine, freiheitsliebenden Iranerinnen.

Einem fahrenden Wagen in die Speichen zu fallen, ist gefährlich. Bonhoeffer bezahlte mit seinem Leben. Jesus forderte den Geheilten nicht auf, in den Tod zu gehen, aber Gesandter zu sein: für sich selbst zu prüfen, was das bedeuten könnte. Es ist nicht angenehm, wenn einem „Realitätenbrei“ über die Augen gestrichen wird. Wir spüren das gerade. Man sieht die Gegebenheiten, aber deshalb ist der Blick noch nicht scharf, was es daraus abzuleiten gilt. Der Text der Blindenheilung wird eingeleitet: „Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr wirken kann“ (Johannes 9,4). Der Geheilte sah in Jesus einen Propheten.

Maurice Shourot
Katharina Weiss, Schriftleitung „Dein Wort – Mein Weg“