Wetterfest mit Tradition: Warum Holzschindeln wieder gefragt sind

Schindeln herstellen und Schindelfassaden machen: Alte Berufe, die besonders im Bregenzerwald wieder aufleben. Wovon wiederum spezialisierte Tischler wie Philipp Herburger und Josef Peter Nußbaumer profitieren.
Philipp Herburger ist gelernter Tischler. Seit 2006 macht er nur noch Holzschindeln für Hausfassaden. „Es gab einen Boom Anfang der 2000er-Jahre. Davor wurde kaum mehr geschindelt. Dann haben Gemeinden wie Schwarzenberg damit begonnen, Baubewilligungen an eine Holzfassade zu knüpfen. Andere Gemeinden sind gefolgt, und inzwischen handhaben das viele Gemeinden im Bregenzerwald erfolgreich so“, erzählt Herburger. Nicht zuletzt geht es bei den geschindelten Fassaden auch darum, eine Tradition zu beleben und so touristisch attraktiver zu werden. Herburger zeigt seine Werkstatt: Mit einem Spalter spaltet er einen Block aus einem Stamm in Stücke wie bei einem Käselaib. Möglichst astfrei sollte das Holz sein, dunkle Kreise im hellen Holz kann er nicht brauchen. Mit seinen Schneidemaschinen entstehen die Schindeln, die Hobelmaschine glättet die Oberflächen. Einige Schindeln, die die Gardemaße nicht erfüllen, werden aussortiert. „Daraus werden Hackschnitzel fürs Heizwerk“, verrät Herburger. Weggeworfen wird quasi nichts.
Die Herburgers wohnen in einem Wohnmischgebiet in Lingenau, die Werkstatt ist ebenerdig im Haus. Über das Kreischen der Sägen beschwert sich hier niemand, sagen sie. Herburger hat seine Maschinen vor vielen Jahren von einem spezialisierten Fachbetrieb in Deutschland bekommen, den es inzwischen nicht mehr gibt. Aber von einem Aussterben des Schindelmacherberufs möchte er nicht sprechen.

Im Bregenzerwald arbeitet er hauptsächlich mit Josef Peter Nußbaumer zusammen: Er stellt die Schindeln her, die Nußbaumer dann verlegt. Es sind immer Auftragsarbeiten, denn: „Auf Lager hast du immer die falschen“, sagt Herburger aus Erfahrung. Es gibt runde und gerade Schindeln, gemacht werden sie zum Beispiel aus Weißtanne, Lärche und Fichte. Herburger stellt allerdings nur Schindeln aus Fichte her: Sie kommen direkt aus der Umgebung, und außerdem ist ihr Holz harzig – eine natürliche Imprägnierung. „Mit Vordach halten die Holzschindeln eine Generation. Mindestens.“ Damit sie so lange halten, ist es gut, wenn sie zu einer nach dem Mondkalender günstigen Zeit geschlagen werden, und zwar im Winter, denn dann enthält das Holz am wenigsten Wasser. „Vom Mondkalender kann man halten, was man will. Ich habe einfach die Erfahrung gemacht, dass die Qualität besser ist, wenn man sich danach richtet.“ Eine Woche wird das Holz getrocknet, dann macht Herburger seine Schindeln daraus. In der Woche danach werden die fertigen Schindeln akklimatisiert, was bedeutet, dass sie gelagert werden und sich dabei an die Luftfeuchtigkeit und Temperatur der Umgebung anpassen. Dann holt sie der Schindelverleger ab und es geht auf die Baustelle.

Vom Familienbetrieb zur gefragten Spezialisierung
Josef Peter Nußbaumer hat früher selbst seine Schindeln hergestellt. Inzwischen ist die Nachfrage so groß, dass er nur noch verlegt und seine Schindeln von Philipp Herburger bezieht. Eine Zusammenarbeit, die sehr gut funktioniert, wie beide erzählen. Nußbaumer ist Jahrgang ’72. „Hobbymäßig habe ich schon immer mit Schindeln zu tun gehabt. Mein Vater hat neben der Landwirtschaft immer schon Schindeln hergestellt. Früher hat man im Winter, wenn sonst nicht viel zu tun war, Schindeln gemacht, fürs eigene Haus oder den Nachbarn.“
Die Landwirtschaft seines Vaters hat er übernommen, nur hat er die Reihenfolge umgedreht: Die Landwirtschaft lief nebenbei, das Schindelmachen wurde zum Hauptberuf. Inzwischen hat bereits die nächste Generation Kühe und Co. übernommen, und Nußbaumer selbst verarbeitet die Schindeln auf den Baustellen direkt. Vor sich hat er eine Art Bauchladen mit Schindeln und Werkzeug darin, mit Stemmeisen, Hacke, Tacker und allgemeinem Handwerkszeug wie Meterstab. Im Keller steht der Kompressor mit der Druckluft für den Tacker, mit dem Nußbaumer leichthändig und schnell die Schindeln festtackert: „tack, tack! tack, tack! tack, tack!“ Kaum zu glauben, dass früher die Schindeln von Hand genagelt wurden, Hunderte über Hunderte.

Ein 240-Quadratmeter-Einfamilienhaus ist mit circa 30.000 Schindeln eingedeckt, rechnet Nußbaumer vor. Er mag den Geruch von Holz, seine Haptik, seine Lebendigkeit. „Schlechtes Holz kannst du nicht gut machen, aber gutes besser“, ist seine Erfahrung. Er muss die Schindeln so aneinanderreihen, dass sie Platz haben, sich bei Feuchtigkeit etwas auszudehnen.
Gegen die Feuchtigkeit
Wenn er ein Jahrhundert alte Schindeln von einem entsprechend alten Haus entfernt, findet er oft Zeitungen um 1900 herum dahinter. An sie konnten die Schindeln Feuchtigkeit abgeben, alte Häuser haben immer „geatmet“. Eine Art zu bauen, zu der man zurückkehrt. Denn: „Ganz verhindern kannst du das Eindringen von Feuchtigkeit nicht, und wenn keine Luft zirkuliert, beginnt das Haus an seiner Schwachstelle zu schimmeln“, erklärt Nußbaumer. Hinter den Schindeln auf der momentanen Baustelle befindet sich eine hinterlüftete Holzschalung. Das macht nicht dicht, sondern vielmehr wetterdicht, erklärt der Tischler.
Überhaupt, die alten Weisheiten: „Früher hat man das Holz im Winter geschlagen. Aufgrund der Nachfrage wird es inzwischen über das ganze Jahr gewonnen. Aber wir, die wir mit dem Holz arbeiten, merken den Unterschied.“
Der Vollholztischler ist seit mittlerweile zehn Jahren selbstständig. Das erlaubt ihm gewisse Freiheiten, zum Beispiel, seine Kundinnen und Kunden selbst Hand anlegen zu lassen. Manche späteren Hausbewohner erfüllt es mit Stolz und Vorfreude, beim Schindeln mitzuhelfen. Er hat zum Beispiel schon mit einer Tänzerin gearbeitet, mit einem Musiker. „Ganz ehrlich: Die Frauen stellen sich oftmals geschickter an, sie machen die Arbeit mit mehr Gefühl“, erzählt Nußbaumer.

Eine neongelbe Schnur wird parallel zum Boden auf der Höhe gespannt, auf der die Schindeln verlegt werden: So sind sie schlussendlich in einer Linie. Außerdem kann er sehr gut kopfrechnen. Trotzdem: Einen Spielraum von einigen Millimetern hat er immer, und diesen auszunutzen, ist Ermessenssache, Routine, Erfahrung – und eben Gefühl. Immer wieder tritt Nußbaumer zurück und fasst das ganze Haus ins Auge: Jedes Haus ist anders, und seine Außenhülle ist der lebendige Ausdruck davon. Dass im Bregenzerwald wieder mehr geschindelt wird – fast wie früher –, ist ein Exportschlager und erhält die Handwerke des Schindelmachers und Schindelverlegers auf Generationen, da sind sich Philipp Herburger und Josef Peter Nußbaumer sicher.