Sami Kyllönen und die Kunst, eine Illusion zu bauen

Die Kulisse der Bregenzer Festspiele ist das Reich von Bühnenmeiser Sami Kyllönen. Die NEUE durfte einen Blick dahinter werfen.
Wir sind nur Gäste auf dem See“, gesteht Sami Kyllönen während sein Blick über zwei Schwäne schweift. Seit vielen Jahren pflegt das immer gleiche Paar, oft erfolglos, direkt vor der Zuschauertribüne zu brüten. Sie teilen diesen Lebensraum mit Aalen, Welsen, Fledermäusen und anderen Tieren – „unsere Kollegen“, wie sie der Seebühnenmeister nennt.


Anekdoten wie diese lassen erahnen, wie umsichtig der Bühnenbau auf dem See vonstattengehen muss.

Scheinwelt und Magie
Der 1972 geborene Finne ist seit 20 Jahren bei den Bregenzer Festspielen tätig und laut eigener Aussage einer der wenigen Techniker mit dezidierter Affinität für Oper. Unter der Belegschaft hat er auch den Ruf eines äußerst talentierten Tänzers. „Ich mag diese Magie, etwas aufzubauen, eine Scheinwelt zu erschaffen“, schwärmt Kyllönen. Die Liebe zur Musik wurde ihm früh mitgegeben: Seine Mutter war begeisterte Opernbesucherin, er selbst spielte Geige. Heute steht der Wahlfeldkircher nicht im Orchestergraben, sondern hinter den Kulissen und sorgt dafür, dass die Illusion funktioniert.

Die Einzigartigkeit der Seebühne verlangt besondere Lösungen. So befindet sich sein Team im permanenten Prototypenbau, mit entsprechend langer Vorlaufzeit. Während die Arbeiten an der aktuellen Produktion „La traviata“ bereits weit fortgeschritten sind, wird im Hintergrund längst an Richard Wagners „Der fliegende Holländer“ gearbeitet, der 2028/29 auf den Spielplan kommt.
Jedes Bühnenbild wird neu gedacht, die notwendige Mechanik oft eigens entwickelt. „Das, was wir hier bauen, kann man nicht einfach irgendwo kaufen“, bekräftigt Kyllönen. Stattdessen entwerfen die Festspiele in enger Absprache mit Experten, insbesondere mit spezialisierten Maschinenbaufirmen, Eigenanfertigungen, die nicht nur der künstlerischen Vision, sondern auch höchsten Sicherheitsanforderungen gerecht werden müssen.

Blitz, Sturm und Sturz
Dass die Aufführungen bei Gewitter nicht stattfinden können, liegt auf der Hand. Doch auch wenn keine Besucher vor Ort sind, muss das Bühnenbild einer Windgeschwindigkeit von bis zu 120 Kilometer pro Stunde standhalten. Am gefährlichsten sei aber der menschliche Faktor. „Der Chor ist eine Gruppe aus vielen Menschen, die auch mal quatschen und beim Spazieren in den Orchestergraben fallen können“ schildert der Familienvater mit verkniffenem Lachen.

Während er die NEUE durch den Hinterbau der Seebühne führt, hält sich Kyllönen über die konkreten Effekte des neuen Bühnenbilds bedeckt. Das zentrale Motiv des zerbrochenen Spiegels ist einer Szene des Stücks entnommen. Auch im unfertigen Zustand vermittelt er das Bild einer glitzernden Welt, die aus den Fugen geraten ist.

Die rund 700 Quadratmeter große Fläche ist aus 86 Splittern zusammengesetzt. Während die kleinsten 40 mal 20 Zentimeter umfassen, misst der größte einen Umfang von 12 mal zweieinhalb Meter. Hinter dem Gefüge wirken hydraulische Hebel, die rund 30 Achsen gleichzeitig in Bewegung setzen können.
Selbst kleinste Abweichungen können weitreichende Folgen haben. „Wenn ein Teil ausfällt, steht alles“, warnt Kyllönen. Deshalb sind kritische Komponenten mehrfach vorhanden, Ersatzteile griffbereit.
Ein Knopf für den Notfall
Aus Gründen der Sicherheit sind immer zwei Operatoren gleichzeitig im Einsatz. Unterstützt von fast unsichtbar gemachten Technikern auf der Bühne steuern sie die Mechanik mit hellwachem Gefahrensinn und sind jederzeit bereit, das ganze Spektakel im Notfall mit einem Knopfdruck abzustellen.

Vom Innenleben dieser Illusionsmaschine soll das Publikum nichts merken. Denn unter regulären Umständen geht ein entzaubernder Blick auf die Kräfte des Spektakels mit einem Scheitern des Scheins einher.
In den trefflichen Worten des Bühnenmeisters: „Wenn alles funktioniert, denkt keiner mehr darüber nach.“ Dann fühlen sich sogar die brütenden Schwäne wohl.