Ein Hund am Abgrund der Geschichte

Das Landestheater zeigt mit „Shosha“ einen tierische Sicht auf die unmenschliche Geschichte der Shoah.
Standing Ovations, so weit das Auge reicht. Dieser nicht nur für Vorarlberg seltene Anblick bot sich nach der zweiten Aufführung von „Shosha – Die Geschichte eines jüdischen Hundes“ am Dienstag im Landestheater.
Das Schauspiel basiert auf dem Erfolgsroman „The Jewish Dog“ des israelischen Autors Asher Kravitz. Yonatan Esterkin entwarf die in Israel und den USA gefeierte Theaterfassung, die jetzt als Solo-Stück mit Tamara Stern in Bregenz spielt.

Geruch von Angst liegt in der Luft
Die aus der Sicht der Hündin Shosha erzählte Geschichte beginnt im Deutschland der 1930er-Jahre mit ihrer Geburt. Sie ist ein familienfreundliches Tier mit Beschützerinstinkt und wirkt, als hätte sie „vom Baum der Erkenntnis gefressen“. Das hündische Mitglied einer jüdischen Familie registriert den antisemitischen Terror riechend. Er liegt förmlich in der Luft. Mit den Nürnberger Gesetzen, die Juden und jenen, die das NS-Regime zu Juden erklärt, das Halten von Haustieren verboten hat, verschwindet er bald aus ihrer Nase. Jedenfalls vorerst. Denn ihre neuen Besitzer sind fanatische Nationalsozialisten. So zieht sie mit ihrem Herrn nach Osten, wo er im Vernichtungslager Treblinka an der industriellen Auslöschung mitwirkt.

Stern verkörpert Shosha auf ungeniert tierische Weise. Rasant wechseln ihre Stimmungen von heimeliger Liebe zu Fresslust, ehrliche Verwirrung und quietschigem Humor. Wo ihr hebräischer Dialog mit dem „himmlischen Hund“ das Herz erwärmt, beginnt es mit der Mördersprache deutscher Parolen zu bluten.

Rassenwahn und Libido
Ein dichtes Netzwerk symbolischer Anspielungen wirkt im Hintergrund der Handlung und lädt zum „Schnüffeln“ ein. Der Hund wird als „deutsches Tier“ nicht-menschlicher Zeuge menschlicher Unmenschlichkeit. Seine Unfähigkeit, den völkischen Wahnsinn zu begreifen, spiegelt wider, dass der Rassenwahn keine Wahrheit in sich trägt. Dennoch lässt der libidinöse Hass, mit dem Stern „Rattenkinder“ schreit, erahnen, was für eine Triebstruktur hier am Werk ist.

Schlicht wie wirkmächtig überzeugt das Bühnenbild von Ayse Gülsüm Özel. Wo anfangs ein riesiger Teppich mit hebräischen Schriftzeichen Geborgenheit markiert, knallt bald eine Metallwand vor das Auge der Zuschauer. Licht und Dunkelheit strahlen gerade durch ihren unspektakulären Einsatz. Spektakulär auch der Gesang, den Stern sogar im Liegen meistert. Musiker Oliver Rath spielt tadellos wie eh und je. Einzig die Auswahl von Kate Bushs seit Stranger Things totgehörtem Klassiker „Running Up That Hill“ wirkt fehl am Platz.
Stefan Otteni war bereits als Regisseur von Felix Mitterers Stück über Franz Michael Felder, „Aus seinem Leben“ in der vergangenen Spielzeit im Haus zu Gast. „Shosha“ folgt einem komplett anderen Rezept, was für Ottenis „Riecher“ spricht.
Die nächsten Aufführungen von „Shosha“ – Die Geschichte eines jüdischen Hundes“ gehen am 15., 16, und 31. Mai, jeweils um 19.30 Uhr, über die Bühne des Vorarlberger Landestheaters. Besucher, die am 15. Mai zu zweit erscheinen, erhalten ein Ticket gatis. Im Anschluss findet ein Publikumsgespräch im Theater-Café statt.