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Langes Leben für „Bildung über alles“

01.05.2026 • 17:00 Uhr
Hildegard Pfanner
Die NEUE am Sonntag besuchte Hildegard Pfanner bei ihr zuhause in Bregenz. NEUE

Hildegard Pfanner (95) prägte das Vorarlberger Bildungssystem. Heute spricht sie über Schule früher und heute, Künstliche Intelligenz und darüber, warum Bildung für sie zentral bleibt.

Als Hildegard Pfanner die Tür öffnet, ist sofort spürbar, dass hier jemand gewohnt ist, Dinge zu ordnen. Sie bittet herein, führt ins Wohnzimmer und weist die Plätze zu. Alles wirkt vorbereitet, nichts zufällig. Auf dem Tisch stehen Snacks, Getränke sind bereitgestellt. Im neunten Stock ist es ruhig, fast abgeschirmt vom Alltag draußen.

Pfanner ist 95 Jahre alt, seit vier Jahren vollständig erblindet. Im Gespräch fällt das kaum auf. Sie spricht ruhig und überlegt, mit wenigen Gesten. Vor allem aber: Sie erinnert sich. An Namen, an Daten, an Zusammenhänge.

Hochdekoriert

Im Regal stehen ein Ehrenring und ein Verdienstkreuz – sichtbare Zeichen eines Lebens, das eng mit der Bildungsgeschichte Vorarlbergs verbunden ist. Für ihre Verdienste wurde Pfanner unter anderem mit dem Großen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich dekoriert.

Bildungsdebatte

Ihre Zeit am Bundesgymnasium Dornbirn, Anfang der 60er-Jahre, gehört zu den prägenden Stationen. Dort unterrichtete sie Deutsch, Englisch und Latein. Es war eine Zeit, in der klassische Bildung selbstverständlich war und Fächer wie Latein nicht infrage gestellt wurden, sondern als Grundlage galten. Sprache, Literatur und antike Texte waren für sie nie Selbstzweck, sondern Mittel, um Denken zu schulen.

Gerade deshalb verfolgt sie die aktuelle Bildungsdebatte mit großem Interesse. In Österreich wird derzeit an neuen Lehrplänen gearbeitet, die in den kommenden Jahren umgesetzt werden sollen. Künstliche Intelligenz und digitale Kompetenzen sollen stärker verankert werden, gleichzeitig wird über eine Reduktion klassischer Inhalte diskutiert, etwa im Fach Latein.

Hildegard Pfanner
Hildegard Pfanner (95) in ihrer Wohnung in Bregenz.

Pfanner sieht diese Entwicklung differenziert. Sie hängt nicht an Stundenplänen aus Prinzip, sondern wägt ab. Eine Reduktion könne sie sich vorstellen, sagt sie, wenn im Gegenzug neue Kompetenzen vermittelt werden. Der Umgang mit Künstlicher Intelligenz sei in der heutigen Zeit notwendig. Gleichzeitig warnt sie vor einem schleichenden Verlust an kultureller Substanz. Die Auseinandersetzung mit Sprache, mit Literatur und Geschichte sei mehr als nur Stoff, sie forme das Denken.

Vierter Bildungsweg

Dass sie selbst Künstliche Intelligenz nutzt, passt in dieses Bild. Pfanner hat sich ihre eigenen Wege geschaffen, um trotz Erblindung am aktuellen Geschehen teilzunehmen. „Ich sage immer, ich habe jetzt durch diese Hörbücher – 75 sind es sicher schon aller Art – einen vierten Bildungsweg.“ Hörbücher sind für sie zur wichtigsten Informationsquelle geworden. Ergänzend nutzt sie ChatGPT, gezielt und regelmäßig. Ihre Haltung dazu ist offen, aber klar begrenzt.

Pro und Contra ChatGPT

Eine Erfahrung mit Künstlicher Intelligenz hat sie besonders beschäftigt. Über Monate hinweg litt sie an einer Gürtelrose, ohne dass die Diagnose gestellt wurde. „Vier Ärzte haben das nicht diagnostiziert, aber die KI hat sofort auf die Symptome hin die richtige Antwort gegeben.“

Für Pfanner ist das kein Grund zur Technikgläubigkeit, sondern Anlass zur Einordnung. Denn ebenso klar sieht sie die Schwächen der Systeme. „Das Problem von künstlicher Intelligenz ist, dass die erste Priorität ist: Gib eine Antwort. Und erst die zweite Priorität ist: Die Antwort soll richtig sein.“ Fehler seien häufig, gerade bei Details. Deshalb bleibe für sie entscheidend: „Auf jeden Fall müsste die menschliche Intelligenz als übergeordnet betrachtet werden.“

Schulalltag

Dieses Prinzip des Abwägens und Einordnens prägt auch ihren Blick auf die Schule. Wenn Pfanner über ihre Zeit am BG Dornbirn spricht, beschreibt sie einen Unterricht, der klar strukturiert war, aber nicht autoritär. Lehrer hätten geführt, gleichzeitig aber versucht, die Schüler ernst zu nehmen.

„Ich kann mich überhaupt nicht an irgendeine Suspendierung erinnern“, sagt sie. Der Umgang sei partnerschaftlich gewesen, Disziplinprobleme habe es in dieser Form nicht gegeben. Heute sieht sie eine andere Realität. „Ich bin schockiert, wenn ich von 2200 Suspendierungen lese, weil man die Schüler nicht ertragen kann in der Schule.“ Gewalt, Mobbing und Widerstand seien Themen geworden, die den Schulalltag prägen.

Hildegard Pfanner
Hildegard Pfanner über Schule, Gesellschaft und ihre Erfahrungen.

Die Ursachen verortet sie nicht allein im Klassenzimmer. Vieles beginne im Umfeld. „Und vor allem natürlich soziale Medien, was sie da alles konsumieren können, das halte ich jetzt für eines der Grundübel.“

Dazu komme ein veränderter familiärer Rahmen, weniger Orientierung, mehr äußere Einflüsse. Für Pfanner ergibt sich daraus kein einfacher Lösungsansatz, sondern ein Grundprinzip, das sie immer wieder betont.

Ich unterscheide

„Distinguo“, sagt sie – ich unterscheide. Differenzieren statt vereinfachen, genau hinschauen statt pauschal urteilen. Dieses Denken überträgt sie auch auf aktuelle bildungspolitische Fragen, etwa bei der Inklusion oder bei der Ausrichtung von Lehrplänen. Nicht jede Lösung passe für alle, entscheidend seien „Eignung und Neigung“.

Feminismus

Auch beim Thema Feminismus bleibt sie bei dieser Haltung. Pfanner hat ihre Karriere in einer Zeit gemacht, in der Frauen im Lehrkörper noch die Ausnahme waren. Dennoch habe sie sich nie benachteiligt gefühlt.

„Es war absolut kollegiales bis manchmal auch freundschaftliches Verhältnis. Keine Spur von Belästigungen.“ Feminismus sei damals kein Schlagwort gewesen. „Man hat sich das einfach genommen“, sagt sie. Gemeint ist kein organisierter Kampf, sondern ein selbstverständliches Nutzen der Möglichkeiten, die sich geboten haben. Heute sieht sie die Entwicklung differenzierter und plädiert für einen Zugang, der Unterschiede anerkennt, ohne sie zu bewerten. „Ich habe da meine Formel: Gleichwertig, aber nicht gleichartig. Und kooperative Partnerschaft“, erklärt sie.

„Bildung über alles“

Das Gespräch dauert eineinhalb Stunden. Pfanner bleibt konzentriert, präzise, gelegentlich blitzt trockener Humor auf. Immer wieder landet sie gedanklich dort, wo für sie vieles begonnen hat: im Klassenzimmer am BG Dornbirn, Anfang der 60er-Jahre.

Die aktuellen Debatten über Lehrpläne, über weniger Latein und mehr Künstliche Intelligenz verfolgt sie deshalb mit Interesse, aber auch mit Distanz. Für sie geht es nicht um einzelne Stunden oder Fächer, sondern um etwas Grundsätzlicheres: dass junge Menschen lernen, zu unterscheiden, zu hinterfragen und sich Wissen anzueignen.

Beim Abschied kommt sie noch einmal auf ihre eigene Situation zu sprechen. Vieles nehme sie in Kauf, sagt sie, um hier bleiben zu können. In ihrer Wohnung, in ihrer gewohnten Umgebung. Ein Heim komme für sie nicht infrage. Am Ende bleibt ein Satz hängen, der ihr beeindruckendes Leben auf drei Worte bringt: „Bildung über alles.“