Evangeliumkommentar: Also liebe ich

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Johannes Lampert von der Jungen Kirche Vorarlberg.
In jener Zeit erhob Jesus seine Augen zum Himmel und sagte: Vater, die Stunde ist gekommen. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht! Denn du hast ihm Macht über alle Menschen gegeben, damit er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben schenkt. Das aber ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus. Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast. Jetzt verherrliche du mich, Vater, bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war! Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie gehörten dir und du hast sie mir gegeben und sie haben dein Wort bewahrt. Sie haben jetzt erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist. Denn die Worte, die du mir gabst, habe ich ihnen gegeben und sie haben sie angenommen. Sie haben wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast. Für sie bitte ich; nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir. Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht. Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt und ich komme zu dir. Johannes 17,1-11a
Auf diese einsame Fahrt soll ein Gedanke folgen. Aus den vereinzelten Sitzen wachsen Menschen heraus, Fahrgäste. Jeden Morgen, jeden Nachmittag erscheint dieselbe Frage: Ist dieses Wachstum ein Zusammenwachsen, bleibt es ein Vereinzeln, entsteht alles aus demselben Substrat, Fahrgastsitzsubstrat? Niemand wächst aus dem Sitz neben mir. Ich sehe vielleicht gefährlich aus und beanspruche das Doppelsitzsubstrat unbewusst ganz für mich. Draußen tropft der Himmel, kühl und feucht liegen die Gehsteige. “Jeder Moment, jedes Wort in Gottes Ohr.”, denke ich mir und beginne zu schreiben. Das Wachstum verändert sich. Ich wünsche mir jemanden neben mich, weil ich echt nicht gefährlich bin und auch nicht so aussehe (so zumindest meine Eigenwahrnehmung). Es funktioniert. Der Regen regnet weiter, ich aber bin nicht mehr allein an meinem Platz. Kein Gespräch zwar, keine aufgesetzten Freundlichkeiten, dafür die wärmende Nähe bloßer Anwesenheit.
Warum beschäftige ich mich gerade mit einer Alltagsbeobachtung? Wie schaffe ich Verbindung und kann mich dadurch selber in Erfahrung bringen? “Ich werde, also bin ich. Ich bin, also liebe ich.” Der Tag wird ruhig, der gefolgte Gedanke aus dieser Alltagsfahrt beschenkt mich mit angenehmer Augenblicksstille. Der Mensch ist ein zugehöriges Wesen, das jeden Tag einer dienenden und zugewendet Liebe nicht nur fähig ist, sondern durch sie hindurch beseelt ist. Liebe ist Zugehörigkeit, ist das alleinig Unumschreibbare, was uns in dem, was wir sind, täglich am Leben hält.
Heute steige ich aus, aus diesem Omnibus voller Fahrgäste, voller An- und Abwesenheit, gefüllt mit Bewusstsein, Ablenkung, Schicksal und Frohlocken: Ich bin verwandelt von den Folgen eines Gedankens, von den Folgen eines Nachdenkens über die Worte, die ich an diesem Tag mitgenommen habe: Verherrlichung ist Zugehörigkeit; allein durch die Liebe. Also liebe ich.
