Evangeliumkommentar: Es isch a Krüz!

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Wilfried M. Blum, Caritas-Seelsorger.
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden. Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist. Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.
Matthäus 10, 37- 42
Manchmal sind es viele, auch schwere Kreuze im Leben. Da wundert es nicht, wenn man stöhnt und seufzt: „Es isch a Krüz!“. Da reicht schon der Blick in die von Kriegen und Katastrophen gequälte Welt. Aber auch der Blick rundum zeigt, wie schwer Leben sein kann. Ich denke an alleinerziehende Mütter, die kaum mit den Nerven und dem Geld über die Runden kommen. Ich erinnere mich an Eheleute, die an der Sturheit eines Partners zermürben oder an der Ehe zerbrechen. Mir kommt eine Frau in den Sinn, die kurz vor ihrer Pension die tragische Diagnose bekommt: schwerer Krebs. Und oftmals sind Familienkonflikte bis hin zur Unversöhntheit hart zu bohrende Bretter; nicht selten auch ein „Kreuz“ für Sterbende und deren Angehörige. „Es isch a Krüz!“ Es führt dann an die eigenen Grenzen und macht es mühsam, sein eigenes Kreuz anzunehmen.
Im Evangelium ist zu lesen: „Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert“. – Ein Wort der Urgemeinde im Geiste und Anliegen Jesu! Es ermutigt seine Jüngerschar, sich den Tatsachen des Lebens zu stellen. Dazu gehören auch Leid und Krankheit, Verletzungen und Enttäuschungen. Diese anzunehmen – nicht einfach als gottgewollt (Gott will nicht das Elend, das Leid und den Tod!) –, kann zur Chance werden, daran zu reifen und so für sich und andere zum Segen zu werden.
Weiters sagt Jesus: „Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“ Jesus ermutigt dazu, mehr vom Leben zu erwarten als oberflächliche Befriedigung von Bedürfnissen aller Art; sich zu bemühen, seinem Leben Sinn und Tiefgang zu geben, und zu versuchen, gegen den Strom der Zeit, des schnellen Habenwollens und der Hektik zu schwimmen.
„Ein alter chinesischer Weiser sagte einmal zu einem eroberungssüchtigen Kaiser: Gesetzt den Fall, es lägen vor dir Hundertausende von Goldstücken, du könntest sie aber nur erlangen, wenn du deine Hand so weit ins Feuer steckst, dass sie verbrennt – würdest du sie nehmen? Natürlich nicht, sagte der Kaiser. Und wie nun, sagte der Weise, wo schon deine Hand viel wichtiger ist als alles Gold, das du gewinnen könntest, deine Hand doch aber nur ein Teil von deinem Körper ist, sollte dein Leben wohl nicht wichtiger sein, als die ganze Welt in deine Hand zu bekommen?“
„Es isch a Krüz!“ – stimmt schon oftmals im Leben. Jesus öffnet eine Perspektive, ein Hoffnungswort: „Wer mir vertraut, der verliert nichts, sondern gewinnt“. In uns steckt doch mehr oder weniger die Sehnsucht (kommt von suchen), der vielen Goldstücke habhaft zu werden. Jesus öffnet den Blick darauf, was wirklich wichtig ist, um Ängste zu überwinden und neue Chancen des (einfacheren) Lebens zu sehen. Der Blick des Herzens entscheidet. Ist es nicht einen Versuch wert?
