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“Backstreet Boy” im Bregenzer Festspielhaus

04.07.2026 • 07:00 Uhr
"Backstreet Boy" im Bregenzer Festspielhaus
Im umfangreichen Einblick gewährt Festspielhaus-Geschäftsführer Einblick in seinen spannenden und abwechslungsreichen Alltag. Stiplovsek

Seit 25 Jahren managt Gerhard Stübe das Festspielhaus. Ein Interview mit der NEUE am Sonntag über seinen ungewöhnlichen Einstieg, die bevorstehende Festspielsaison und wieso man mit Einsparungen im Kulturbetrieb am Ast sägt, auf dem man sitzt.  

NEUE am Sonntag: Sie stehen seit 25 Jahren an der Spitze des Festspielhauses. Was unterscheidet den Gerhard Stübe von damals vom heutigen?

Gerhard Stübe: Vor 25 Jahren bin ich mit großem Respekt in diese Aufgabe gestartet. Ich war damals 35 Jahre alt und habe mich gefragt, welchen Beitrag ich für dieses Haus leisten kann. Deshalb habe ich zunächst viele Mitarbeitende gefragt, welche Veränderungen aus ihrer Sicht notwendig wären. An diesen Themen habe ich gearbeitet.

NEUE am Sonntag: Wie sind Sie überhaupt ins Festspielhaus gekommen?

Stübe: Eigentlich durch einen Zufall. Als Kind habe ich vor dem Festspielhaus gespielt und mir einmal gedacht, dass ich vielleicht irgendwann dort arbeiten würde. Später habe ich diesen Gedanken völlig vergessen. Ich habe in Innsbruck Rechtswissenschaften studiert und danach in der Schweiz gearbeitet. Dort erhielt ich einen Anruf eines Personalberaters, der mich auf die ausgeschriebene Stelle aufmerksam machte. Er meinte, genau jemand mit meinem Profil werde gesucht: Jurist, international erfahren und mit Bezug zum Festspielhaus. So begann letztlich alles.

"Backstreet Boy" im Bregenzer Festspielhaus
Seit 25 Jahren managt Gerhard Stübe das Bregenzer Festspielhaus. Stiplovsek

NEUE am Sonntag: Wie hat sich Ihre Arbeit in den vergangenen 25 Jahren verändert?

Stübe: Die Aufgabe selbst ist nicht grundsätzlich anders geworden, aber deutlich komplexer. Heute gibt es wesentlich mehr gesetzliche Vorgaben, Kontrollen und Anforderungen. Auch der Arbeitsmarkt hat sich verändert. Früher blieb man oft Jahrzehnte bei einem Arbeitgeber, heute wechseln viele junge Menschen bereits nach drei bis fünf Jahren. Geblieben ist die enorme Vielfalt. Innerhalb weniger Wochen kann bei uns ein Fernsehstudio des ZDF entstehen, anschließend wird ein James-Bond-Film produziert, danach folgt eine internationale Konferenz und kurz darauf eröffnet der Bregenzer Frühling. Alle zwei Jahre kommt ein neues Bühnenbild für die Seebühne dazu. Genau diese Abwechslung macht die Arbeit bis heute spannend.

NEUE am Sonntag: Wie gelingt der Spagat zwischen langfristiger Planung und der notwendigen Flexibilität?

Stübe: Das funktioniert nur mit einer flexiblen Organisation. Wir investieren laufend in Weiterbildung und hinterfragen unsere Abläufe ständig. Unser Kerngeschäft ist Gastfreundschaft. Wir wollen die beste Begegnungskultur schaffen. Ganz gleich, ob jemand wegen einer Oper, eines Kongresses oder einer Firmenveranstaltung zu uns kommt. Deshalb überlegen wir ständig, wie wir unsere Dienstleistung weiter verbessern können.

"Backstreet Boy" im Bregenzer Festspielhaus
Interview mit der NEUE am Sonntag am Platz der Wiener Symphoniker. Stiplovsek

NEUE am Sonntag: Das Festspielhaus steht im Wettbewerb mit anderen Kongresshäusern. Wie erleben Sie diesen Konkurrenzkampf?

Stübe: Überraschenderweise herrscht in unserer Branche ein ausgeprägtes Miteinander. Ich war fünf Jahre Präsident unseres österreichischen Verbandes und habe erlebt, wie intensiv wir zusammenarbeiten. Mit Häusern in Graz, Innsbruck oder Linz tauschen wir uns regelmäßig aus. Gemeinsam überlegen wir, wie wir unsere Mitarbeitenden weiterentwickeln oder unsere Servicequalität verbessern können. Die eigentliche Marktbearbeitung macht jedes Haus selbst. Einmal im Jahr treffen sich mehr als 60 Mitarbeitende aus den Mitgliedsbetrieben zu gemeinsamen Schulungen. Dieses Miteinander ist für unsere Branche typisch.

NEUE am Sonntag: Wer ist das Publikum des Festspielhauses?

Stübe: Unsere Tätigkeit ruht auf drei Geschäftsfeldern. Zwischen 25 und 30 Prozent entfallen auf Business Meetings und Kongresse. Rund 50 bis 55 Prozent machen Kultur und Unterhaltung aus. Weitere 10 bis 20 Prozent entfallen auf gesellschaftliche Veranstaltungen wie Preisverleihungen. Dadurch erreichen wir sowohl die Vorarlberger Bevölkerung als auch nationale und internationale Gäste.

"Backstreet Boy" im Bregenzer Festspielhaus
Der erfahrene Hausherr durfte schon viele nationale und internationale Gäste in Bregenz begrüßen. Stiplovsek

NEUE am Sonntag: Wenn das Haus im Fünfjahresschnitt auf 8,5 Millionen Euro Budget kommt, die direkte städtische Abgangsdeckung aber bei rund einer Million liegt. Wie gelingt es dennoch, das Haus erfolgreich zu führen?

Stübe: Diese Abgangsdeckung wurde allerdings über viele Jahre nicht valorisiert, obwohl die Personalkosten um mehr als 30 Prozent gestiegen sind. Das war eine große Herausforderung. Ein wichtiger Faktor ist der Erfolg der Bregenzer Festspiele, die sich an den Betriebskosten beteiligen. Gleichzeitig konnten wir unsere Umsätze kontinuierlich steigern. Deshalb kann ich sagen, dass wir wirtschaftlich sehr gut aufgestellt sind.

NEUE am Sonntag: Unter Ihrer Geschäftsführung wurde das Haus auch modernisiert und umgebaut. Aus den veranschlagten 60,5 Millionen Euro für die Baustufe III wurden nun kolportierte 78,8 Millionen Euro. Wie lässt sich das gegenüber Vorstand und Eigentümer argumentieren? 

Stübe: Bauprojekte waren und sind immer große Herausforderungen.  Bereits 2005 und 2006 durften wir eine große Baustufe umsetzen. Dafür standen 40 Millionen Euro zur Verfügung, tatsächlich benötigten wir 38,5 Millionen Euro. Bei der aktuellen Baustufe wurden die Kosten zunächst von 60,5 Millionen Euro auf 78,8 Millionen Euro angehoben. Inzwischen zeichnet sich aber ab, dass wir unter diesem Rahmen bleiben werden. Trotzdem waren die zwischenzeitlichen Kostensteigerungen eine enorme Belastung, weil Investitionen verschoben und zusätzliche Finanzierungen abgesichert werden mussten.

"Backstreet Boy" im Bregenzer Festspielhaus
Die einzigartige Architektur des Bregenzer Festspielhauses diente auch als Kulisse für einen Film aus der James-Bond-Reihe. Stiplovsek

NEUE am Sonntag: Einsparungen treffen gerade den Kulturbetrieb sehr hart, auch die Bregenzer Festspiele und das Orchester. Wird hier am falschen Ort gespart?

Stübe: Davon bin ich überzeugt. Eine Wertschöpfungsstudie der Bregenzer Festspiele hat bereits vor rund 15 Jahren gezeigt, dass jeder investierte Steuer-Euro 4,5 Euro an direkten und indirekten Steuereinnahmen zurückbringt. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2019 bestätigt bei 6,9 Millionen Euro an Subventionen eine Wertschöpfung von 36 Millionen Euro an Steuereinnahmen.  Wenn Kulturinstitutionen ihre Programme kürzen müssen, bedeutet das weniger Gäste, weniger Nächtigungen und weniger Wertschöpfung. Deshalb halte ich Einsparungen in diesem Bereich für den falschen Weg.

NEUE am Sonntag: Was war rückblickend Ihre größte Herausforderung in den vergangenen 25 Jahren?

Stübe: 2008 war sicher ein Jahr, dass man nur einmal im Berufsleben erlebt. Damals hatten wir gleichzeitig die James-Bond-Produktion, das ZDF-Sportstudio und zahlreiche weitere Veranstaltungen im Haus. Allein die Organisation war enorm anspruchsvoll. Besonders stolz bin ich darauf, dass wir unser Haus an die Filmproduktion rund um Barbara Broccoli und Gregg Wilson vermieten konnten. Andere erhalten Filmförderungen, wir konnten das Festspielhaus erfolgreich vermieten. Das war inhaltlich, wirtschaftlich und auch medial ein großer Erfolg. Daneben gab es viele weitere Höhepunkte, etwa Eigenproduktionen wie „Flow“, Projekte wie „Vorarlberg bewegt“ oder Veranstaltungen mit Persönlichkeiten wie Bjarke Ingels. Besonders schön sind aber jene Momente, wenn Gäste nach einer Veranstaltung begeistert sind und spüren lassen, dass unsere Begegnungskultur funktioniert.

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NEUE am Sonntag: Die Seebühne bringt jedes Jahr besondere Herausforderungen mit sich. Welche ist die größte?

Stübe: Ganz klar das Wetter. Die lokalen Wetterentwicklungen sind heute wesentlich schwieriger einzuschätzen als noch vor einigen Jahren. Über der Seebühne kann es trocken sein, während wenige Kilometer entfernt bereits ein Gewitter niedergeht. Für uns gilt deshalb ein klarer Grundsatz: Sobald Blitzgefahr besteht, wird unterbrochen. Sicherheit hat immer Vorrang. Die künstlerische und technische Umsetzung, Abend für Abend, funktioniert ebenfalls nur mit viel Einsatz, Erfahrung und unserem hervorragendem Team.

NEUE am Sonntag: Wie schwierig ist es, solche Entscheidungen zu treffen?

Stübe: Die Verantwortung ist groß. Meine Kollegen der Festspiel-Leitung müssen entscheiden, ob gespielt werden kann oder nicht. Wichtig ist, dass Entscheidungen klar getroffen werden. Egal, wie man entscheidet, es wird immer Menschen geben, die anderer Meinung sind. Deshalb bereiten wir uns intensiv vor. Gemeinsam mit Behörden, Polizei und unserer externen Sicherheitsfachkraft führen wir jedes Jahr Übungen durch. Allein im Publikumsservice beschäftigen wir mehr als 50 geschulte Mitarbeitende, die genau wissen, was im Ernstfall zu tun ist. Immerhin müssen wir bei Bedarf 7000 Besucherinnen und Besucher sicher aus dem Haus begleiten.

"Backstreet Boy" im Bregenzer Festspielhaus
Für Gerhard Stübe ist es unverständlich, dass man auch in seinem Betrieb Einsparungen vornimmt, die den beträchtlichen Erfolg des Hauses, wenn man den Blick auf die Umwegrentabilität wirft, schmälert. Stiplovsek

NEUE am Sonntag: Am 22. Juli beginnen die Bregenzer Festspiele. Wie sieht Ihr Arbeitsalltag unmittelbar davor aus?

Jetzt laufen alle Vorbereitungen zusammen. Zu meinen Aufgaben gehören das Veranstaltungsmanagement für das Festspielhaus, Infrastruktur, Sicherheitsfragen, Genehmigungen und Gastronomie. Gleichzeitig laufen die Proben und die letzten Aufbauten. Natürlich steigt die Anspannung bis zum Eröffnungstag, gleichzeitig ist die Vorfreude jedes Jahr aufs Neue groß.

Stübe: Vor jeder Saison gibt es umfangreiche Besprechungen mit Polizei, Staatsschutz, Cobra, Behörden und Einsatzorganisationen. Gemeinsam werden sämtliche Szenarien vorbereitet. Die Gefährdungslage wird laufend neu beurteilt. Zusätzlich sichern wir Zufahrten, kontrollieren das Gelände und richten gemeinsam mit der Landespolizeidirektion eine Einsatzzentrale im Haus ein. Ziel ist, dass sich unsere Gäste sicher fühlen, ohne die Sicherheitsmaßnahmen bewusst wahrzunehmen.

NEUE am Sonntag: Gibt es eine Oper auf der Seebühne, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Stübe: Ich interessiere mich grundsätzlich sehr für Kultur und Musik. Übrigens durfte ich vor meiner Zeit in Bregenz das damals erste Konzert der Backstreet Boys in Westösterreich, genauer gesagt in Altach, mit großem Erfolg organisieren. Und mit meiner Tochter war ich gerade beim Konzert der Foo Fighters in unserer Bundeshauptstadt. Wenn ich an die Seebühne denke, fällt mir zuerst „Andrea Chénier“ aus dem Jahr 2011 ein. Wirtschaftlich war sie vielleicht nicht die erfolgreichste Produktion, musikalisch und vom Bühnenbild her aber außergewöhnlich. Natürlich bleiben auch der goldene Elefant bei „Aida“, der Clownkopf bei „Rigoletto“ oder der riesige Tisch bei „La Bohème“ in Erinnerung.

NEUE am Sonntag: Das Wichtigste zum Schluss: Wie wird das Wetter bei der Eröffnung der Festspiele am 22. Juli?

Stübe: (lacht) So, dass wir sie auf jeden Fall durchführen können. Hoffentlich nicht zu schwül, nicht zu heiß und von Regenschauern verschont. Aber wir werden vorbereitet sein.

"Backstreet Boy" im Bregenzer Festspielhaus

Zur Person

Gerhard Stübe wurde am 6. August 1966 in Bregenz geboren. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Innsbruck und Internationalem Management an der Fachhochschule Liechtenstein führte ihn sein Berufsweg über die Bäckerei Stübe, Enjo in Altach und die Intershow AG in der Schweiz. Seit Februar 2001 ist er Geschäftsführer der Kongresskultur Bregenz GmbH. Stübe ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern.

(NEUE am Sonntag)