Abschied von Monika Helfer, der Meisterin des Zeigens

Gastbeitrag von Jürgen Thaler. Monika Helfer war einer Poesie der Reduktion verpflichtet. Ihr Werk bleibt als glückliches Beispiel, wie die eigene Lebenswelt durch literarische Kunst universell verstehbar wird.
Als Monika Helfers Debüt „Eigentlich bin ich im Schnee geboren“ 1977 erschien, übrigens mit fabelhaften Aquarellen ihres Bruders Richard, dem sie Jahrzehnte später im Band „Löwenherz“ ein Denkmal setzen wird, war dies eine der ersten Veröffentlichung einer neuen Generation von Autorinnen und Autoren, die begann, Vorarlberg auf der Karte der Literatur neu zu verorten. Ingrid Puganigg, Kurt Bracharz, Eva Schmidt, Elisabeth Wäger-Häusle und Michael Köhlmeier zählten dazu. Mit ihrem literarischen Schaffen begann in Vorarlberg eine neue Epoche, Monika Helfer in deren Mitte. Denn eines muss man sagen, es war eine Generation, die, freiwillig oder nicht, Vorarlberg nicht den Rücken zukehrte, sondern hierblieb um das Beste, für uns, für sie, daraus zu machen.

Es dauerte noch eine Zeit, bis ins Jahr 1984, als mit „Die wilden Kinder“ nicht nur Monika Helfers erster Roman erschien, sondern auch jenes Thema gefunden war, das die Autorin wie kaum jemand anderer zu literarisieren verstand: die Welt der Kinder – in der Tat keine einfache Angelegenheit. Vielfach wies sie selbst darauf hin, dass sie ihre Themen immer auch fand, wenn sie die Welt, die sie umgab, mit wachen Augen dabei beobachtete, wie sie sich auf einen Abgrund zu bewegte. Welcher Platz den Kindern eingeräumt wird, die Art und Weise, wie mit Kindern umgegangen wird, wird zum Test über Glück und Unglück einer Gesellschaft.

Es wäre aber viel zu kurz gegriffen, wollte man das Werk von Monika Helfer auf die Erfahrungen der eigenen Lebenswelt reduzieren. Was sie über alle Jahrzehnte schrieb, ist ein glückliches Beispiel dafür, wie subjektives Erleben zu literarischer Gestalt wird, wie ihr Erleben durch ihre literarische Kunst universell verstehbar, zeitgenössisch wird: inspiriert von den Großen der Zunft, denn Monika Helfer war eine begeisterte Leserin.

Im Mittelpunkt freilich auch bei ihr: die Sprache, das „wie“ des Erzählens, verknappt, elliptisch, einer Poesie der Reduktion verpflichtet. Oft hat sie erzählt, dass sie am liebsten in der Früh einen Roman anfange und am Abend beenden möchte, was aber, so setzte sie schmunzelnd hinzu, nicht möglich sei. In der Tat haben ihre Romane immer auch etwas vom raschen Pinselstrich großer zeitgemäßer Malerei. Aber auch vom literarischen Minimalismus, den Autoren wie Raymond Carver zur Kunst erhoben. Es entsprach dem literarischen Selbstverständnis von Monika Helfer, dass der Gebrauch von sogenannter „einfacher Sprache“ gerade dem Anspruch des Dargestellten entsprach.

Sie war eine Meisterin im literarischen Zeigen und Aufzeigen, fernab jeder psychologischen Analyse. Zu den besonderen, von ihr auch im Gespräch immer wieder betonten Schwierigkeiten und Herausforderungen ihrer Literatur gehörte der Dialog, die gesprochene Sprache. Immer wieder brachte sie einen Autor, eine Autorin ins Spiel und meinte, so müssen die Dialoge sein, so, genau so muss im Roman gesprochen werden. Sie selbst, uneitel wie sie war, wusste freilich, dass sich ihre Dialoge, die die Kinder, die Erwachsenen in ihren Büchern sprechen, sich vor nichts zu verstecken brauchten, was es sonst noch zu lesen gab. Kein Wunder, dass eine Autorin, die so viel Wert auf die Darstellung der gesprochenen Sprache in ihrer Literatur legte, in der Gattung der Hörspiele zu den absoluten Könnerinnen zählt. Zwar stehen im weit verzweigten Werk von Monika Helfer die Romane im Mittelpunkt, genannt sei hier zumindest „Oskar und Lilli“ aus dem Jahr 1994, sie war aber, wen wundert‘s, auch eine Meisterin der kleinen Form, der Erzählung.

Alle, denen es vergönnt war, Monika Helfer zu begegnen, trafen nicht nur auf einen Menschen, dessen Liebenswürdigkeit, Offenherzigkeit, ehrliches Interesse am Gegenüber, aber auch dessen oftmals lakonischer, lässiger Zugang zur Welt in den Erinnerungen an sie, hoffentlich vorbildlich, weiterleben wird. Man traf auch auf eine Künstlerin, durch und durch, die sich die Welt, die es bei Gott nicht immer gut mir ihr meinte, auch auf ihre Weise gestaltete, erschrieb. So hörte bei ihr die Kunst nicht am Seitenende des Manuskripts auf. Ihr literarisches Werk trägt in diesem Sinne eine Signatur, die unbedingt auf eine bessere Welt hinweisen will. Ihr Werk ist aber zugleich auch ein poetischer Wissensspeicher für alle jene, die sich für das Soziale in den menschlichen Beziehungen, für die Stellung der Frau in unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen interessieren. Es ist ein Werk, das der Emanzipation verpflichtet ist, das, wie kaum eines unserer Zeit, den Depravierten, Ausgeschlossenen eine Stimme gibt. Oftmals, wie gesagt, vom eigenen Erleben ausgehend.

So war es wohl nur eine Frage der Zeit und des Lebensalters, bis sich der Blick auf die eigenen Leute konzentrierte. Die daraus hervorgegangene Trilogie, die neben dem Buch über den Bruder, die ganze Familie unter dem Titel „Die Bagage“ und den Vater im Band „Vati“ in den Blick nimmt, ist aber viel mehr als „nur“ eine Familiengeschichte. Sie ist im besten Sinne das, was uns französische Autoren und Autorinnen in den letzten Jahren anboten: eine Literatur, die darauf zielt, sich zu fragen, warum man eigentlich das geworden ist, was man ist. Warum man dem engen Erwartungshorizont, den das Leben einem vorgezeichnet hat, durchbrochen hat. Man befragt seine Familien und befragt sich selbst.

Monika Helfer ist hier etwas geglückt, das die Arbeiten von Didier Eribon oder Annie Ernaux so nicht bieten: das Aushebeln des vermeintlich Wirklichen, das bravouröse Changieren zwischen den Zeit- und Möglichkeitsebenen, gepaart mit einem feinen Humor. Sie selbst wies darauf hin, dass das „so sehe ich es, so denke ich es mir aus“ die Welt dieser Bücher regiert. Das macht ihren unvergleichlichen Charme aus. Sie schilderte die Welt, die eigene, nicht historisch interessiert, sondern interessiert an ihren Potentialen, an dem, was und wie es auch möglich hätte sein können.

Man kann beim Lesen dieser Bücher an die berühmte messianische Formel denken, nach der die Welt nach dem Auftreten des Messias zwar so wie vorher sei, nur eben ein bisschen anders. Die Welt in diesen Büchern von Monika Helfer ist, wie wir sie kennen, nur etwas anders. Vielleicht ist ihr spätes Werk in diesem speziellen Sinne auch ein Blick in ein mögliches, verstehbares, literarisches Paradies.
Jürgen Thaler, Leiter des Franz-Michael-Felder-Archivs der Vorarlberger Landesbibliothek.