Ein altes Handwerk lebt weiter: Anna Bertle schafft Schönheiten aus Glas

Anna Bertle ist Kunsthandwerkerin aus Schruns. Sie betreibt ein uraltes Handwerk, das in Vorarlberg kaum jemals ausgeübt wurde: Sie erschafft fragile Unikate aus heißem Glas.
Spechte sind unglaublich schöne Tiere“, sagt Anna Bertle. Dann tritt sie mit dem Fuß auf ein Pedal, das die Zufuhr von Propan und Sauerstoff zu ihrem Brenner steuert, und entzündet die Flamme. Mit der rechten Hand dreht die Kunsthandwerkerin an Gas- und Sauerstoffrädchen am Brenner, um die Flamme intensiver, spitzer oder breiter zu machen. In der Linken hält sie ein Rohr aus Borosilikatglas, einem hochwertigen Rohmaterial, aus dem sie den Großteil ihrer Werke schafft. Um das Glas bearbeiten zu können, erhitzt sie es in der gelbblauen Flamme. Mit einer speziellen Filterbrille kann sie jede Farbnuance sehen und erkennt so, wann das Glas die optimale Bearbeitungstemperatur erreicht hat.

Sonderanfertigungen aus Glas
Die auf diese Weise gefertigten Glasobjekte können sowohl hohl als auch massiv sein. Oft entstehen sie durch eine Kombination von Blasen und Aufschmelzen verschiedener Schichten. Die 30-Jährige hat am Kolleg für Kunsthandwerk und Objektdesign in Kramsach ihre Ausbildung gemacht und 2016 abgeschlossen. Durch kontinuierliches Tüfteln und durch Fortbildungen wie an der internationalen Sommerakademie Bild-Werk Frauenau mit Schwerpunkt Glaskunst hat sie ihr Auge weiter geschult und die Kunstfertigkeit, ihre Liebe zur Natur in Glas zu bannen, weiterentwickelt. Jedem neuen Kundinnen- und Kundenauftrag sieht sie mit gespannter Neugier entgegen. Denn sie liebt die Herausforderung und die Abwechslung – „daher habe ich mich auf Sonderanfertigungen spezialisiert“. Sie entwickelt Glasobjekte, bei denen sie stark auf die individuellen Wünsche ihrer Kunden eingeht. Nicht selten kommen Kundinnen mit besonderen Kleidungsstücken wie Ballkleidern oder Trachten zu ihr, um sich einen passenden Schmuck anfertigen zu lassen. Bertle überlegt dann, welche Gläser, welche Form und welches Muster zu Hautton, Gesichtsform und Stoffmuster der Kundin passen, entwirft Prototypen und spricht sich mit ihrer Kundin ab. Das so entwickelte Design stellt Bertle kein zweites Mal mehr her. Am Ende hat sie also ein Unikat aus Glas geschaffen, und ihre Kundin kann tragen, was sonst niemand hat.

Verrückte und persönliche Wünsche
Teilweise kommen auch verrückte oder sehr persönliche Aufträge. Supermario in einer Christbaumkugel zum Beispiel, ein Haustier als Kettenanhänger oder Andenken an Verstorbene. Bertle erschafft aber auch eigene Kreationen und Kunstwerke nach ihren Vorstellungen. Für diese Werke ist vielfach die Natur die größte Inspirationsquelle. Unter vier Stunden lohnt es sich bei größeren Projekten kaum, in ihre Werkstatt zu gehen und ein Glasobjekt zu beginnen, sagt sie. Denn in der Regel müssen gewisse Arbeitsschritte in Einem gemacht werden, und gerade mehrere gleiche Einzelteile wie etwa Perlen für eine Kette lassen sich am besten in einem Schwung herstellen. Eine angefangene Glasskulptur zwischenzeitlich abzukühlen und später wieder zu erhitzen, bringt das Risiko einer Rissbildung mit sich. Praktisch, dass Bertle beim Arbeiten die Zeit vergisst und es ihr nichts ausmacht, lange an etwas zu sitzen. Dabei geht es ihr nicht nur um Perfektion, sondern auch um Ausdruck, Feinheit und Schönheit. Mit dem Specht war sie zufrieden, als die Körpersprache stimmte und er lebendig wirkte. Das gilt für ihre anderen Arbeiten ebenso. Glaskunstwerke sind für sie nicht erstarrte Imitationen, sondern Ausdruck ihres Naturverständnisses.

Blumen und Vögel als Inspiration
Bertle ist außerdem kunsthistorisch an Glasthemen interessiert. Daher beschäftigt sich auch ihre Masterarbeit in Kunstgeschichte mit zwei bereits verstorbenen Glaskünstlern, die für universitäre Sammlungen Tiere und Pflanzen täuschend echt in Glas nachgebildet haben. Sie selbst formt am liebsten florale Kunstwerke oder hauchzarte Vögel, deren Schwanzfedern zum Beispiel aus echten Vogelfedern bestehen. Seit 2017 ist die Schrunserin als Kunsthandwerkerin selbständig. Vor ihrer Ausbildung an der HTL Glas und Chemie Kramsach hat sie lange nach dem passenden Handwerk gesucht und ist dann per Zufall auf die Glasfachschule gestoßen. „Als ich dort die Vielseitigkeit von Glas erkannte, wusste ich: Das ist es!“, erzählt sie, die Faszination für Material und Techniken ist ihrem Gesicht anzusehen.

Noch während ihrer Ausbildung hat sie sich im Gartenhäuschen ihres Elternhauses eine Werkstatt eingerichtet, die sie etappenweise um- und aufgerüstet hat. Dort steht das Herzstück ihrer Arbeit: der Brenner, die sogenannte Glasbläserlampe. Gläser und Werkzeuge sind hier stets in Reichweite, alles hat seine Ordnung. Auch einer ihrer Temperöfen hat hier seinen Platz, mit ihm löst Bertle die Spannungen, die durch Bearbeiten und Abkühlen entstehen und das Glas empfindlich machen würden.
Ein uraltes Handwerk mit Zukunft
Immer wieder widmet Bertle sich neuen Projekten. So hat sie in der Sommerakademie in Frauenau jüngst einen Parfümflakon aus Glas hergestellt, der die Gestalt einer vielblättrigen Blüte einer Fantasieblume hat. So künstlerisch und elegant, dass ihr von verschiedenen Lehrenden und Künstlern angeraten wurde, den Flakon bei einer Parfümflaschenkompetition in den USA einzureichen. Im Alltag hingegen bedauert Bertle manchmal, „dass wir von so viel Glas umgeben sind – Fenstern, Spiegeln, Trinkgläsern, Brillen, Herdplatten –, dass uns das Bewusstsein dafür verlorengegangen ist, dass Glas auch ein sehr hochwertiges, kunstvolles Material sein kann. Glas finde ich auch deshalb so faszinierend, weil es zu den ältesten, vom Menschen künstlich hergestellten Materialien zählt.“ Gleichzeitig kann Glas aber auch durch Blitze, Meteoriteneinschläge oder Vulkanausbrüche auf natürliche Weise entstehen. Die ersten reinen Glasobjekte dürften vor 4500 Jahren entstanden sein. Bestimmte Techniken haben sich seitdem kaum verändert. Perlen beispielsweise wickelt Bertle immer noch um einen Kern. Ansonsten hat sie bestimmte Techniken für sich weiterentwickelt: um Objekte auf Wunsch zu schaffen, die sich zwischen Schönheit, Funktionalität und Kunstfertigkeit bewegen. „In Vorarlberg gibt es nicht viele, die mein Handwerk ausüben. Eigentlich schade, denn ich kann mir kein schöneres Kunsthandwerk vorstellen.“
kontakt
Anna Bertle
Unikate aus Glas
Hans Bertle Weg 12, Schruns
Tel.: 0664/1672920
Mail: anna.bertle@unikate-glas.at
Web: www.unikate-glas.at
Instagram: unikateausglas