Vorarlberger Bio-Bauer:„Hier geht es um unsere Existenzen“

Ein Lokalaugenschein in Thüringen zeigt, wie hart die Trockenheit Bio-Milchbauer Stefan Walter trifft.
Der Mais steht noch auf dem Feld, aber die Entscheidung ist eigentlich schon gefallen. Stefan Walter greift nach einem Kolben, löst die Blätter und zeigt, was die Trockenheit aus ihm gemacht hat: kaum Körner, wenig Masse, viel zu wenig von dem, was später im Stall gebraucht würde. Der Bio-Milchbauer aus Thüringen spricht ruhig, oft sogar mit trockenem Humor, macht aber deutlich, wie ernst es ist: „Wir stehen vor schwierigen Entscheidungen.“
Walter bewirtschaftet einen Hof mit 30 Milchkühen und 480 Legehennen, 28 Hektar Fläche, darunter rund neun Hektar Streu- und Magerwiesen. Der Rest sind Ackerwiesen und Futtermais. Normalerweise ist das die Grundlage dafür, die Tiere durch das Jahr zu bringen. Heuer aber ist vieles anders.

Beim Mais rechnet Walter mit etwa einem Drittel weniger Masse. Noch gravierender sei der Kornanteil: Der liege etwa um die Hälfte niedriger. Unterm Strich bleibe nur rund ein Drittel der üblichen Kornmenge. Die Hagelversicherung habe die Schäden begutachtet. Dass heuer die Höchstsumme ausbezahlt werden müsse, sei angesichts der Lage „diskussionslos“ gewesen.

Der Herbst
Noch am selben Tag soll der Mais gehäckselt werden. Danach will Walter eine Zwischenfrucht anbauen. Es ist ein Versuch, noch etwas aus dem Jahr herauszuholen. „Der Fokus liegt jetzt klar auf dem Herbst: Was bringen wir heuer noch her?“ Wenn es gut läuft, könnte Anfang November noch einmal gemäht werden. Wenn es schlecht läuft, bleibt auch diese Hoffnung aus.

Dabei hat es zuletzt geregnet. Auf den Wiesen sieht man trotzdem, wie tief die Trockenheit sitzt. Zwischen grünen Stellen liegen braune Flecken. Der Boden ist lückig, an manchen Stellen hart, an anderen bereits von Pflanzen besetzt, die sich dort ausbreiten, wo das Gras geschwächt ist. Manche Flächen müssen nachgesät werden. Auch das kostet wieder Geld. Schlimm sei heuer nicht nur die Trockenheit allein, sagt Walter. Es sei die Kombination aus fehlendem Regen, Hitze und Wind gewesen. Das wenige Gras, das geerntet werden konnte, sei teilweise so trocken, dass es in winzige Teile zerbrösle. „So kann es auch nicht verfüttert werden.“
Der Stall
Für den Betrieb wird die Futterfrage damit zur zentralen Rechnung. Walter braucht täglich etwa einen Siloballen plus Kraftfutter. Daraus entstehen ungefähr 350 bis 400 Liter Milch. Bezahlt werden derzeit rund 56 Cent pro Liter. Daraus ergibt sich, wie viel ein Ballen kosten darf, damit die Rechnung noch aufgeht: etwa 60 bis 65 Euro.
Manuel Kirisits-Steinparzer, Geschäftsführer von Bio Austria Vorarlberg, der den Lokalaugenschein begleitet, berichtet, dass im Land teils Preise von 80 Euro oder mehr für Futter genannt würden. Gleichzeitig sei die Verfügbarkeit unsicher. Zugesagte Mengen könnten nicht immer eingehalten werden. Wer Futter kaufen muss, weiß also nicht nur nicht, wie teuer es wird. Er weiß oft auch nicht, ob es tatsächlich kommt.

Walter hat bereits reagiert. Er hat heuer schon Tiere geschlachtet. Voraussichtlich müsse er seinen Bestand um 20 bis 25 Prozent reduzieren. Das löst das Futterproblem kurzfristig, schafft aber das nächste. Weniger Kühe bedeuten im kommenden Jahr weniger Milchgeld. Die Dürre endet also nicht, wenn wieder Regen fällt. Sie reicht in den Winter und in das nächste Wirtschaftsjahr hinein.
Wenn Walter darüber spricht, klingt er nicht verbittert. Eher so, als hätte er sich angewöhnt, auch bittere Sätze mit einem halben Lachen zu sagen. Er habe seinen Humor nicht verloren, auch wenn es Tage gebe, an denen er nicht so gut gelaunt sei. Auf einem Hof, auf dem jeden Tag gefüttert, gemolken und weitergearbeitet werden muss, ist das auch eine Form, handlungsfähig zu bleiben.
Bio
Als Biobetrieb muss Walter genau dokumentieren, was er zufüttert. Den Kraftfutteranteil hat er erhöht. Damit er weiter als Bio-Betrieb gilt, müsse alles nachgewiesen werden. Kirisits-Steinparzer verweist darauf, dass es in Ausnahmesituationen nicht um beliebiges Zufüttern gehe, sondern um klare Vorgaben, denn für Konsumenten ist das ein sensibler Punkt: Was bedeutet Bio, wenn Futter knapp wird? Aus Sicht von Bio Austria ist entscheidend, dass transparent geregelt und kontrolliert wird, was erlaubt ist. Zugleich gehe es um mehr als um ein Etikett. „Es geht hier um unsere Existenzen“, betont Walter.

Viele Höfe in Vorarlberg seien über Generationen gewachsen. Sie liefern nicht nur Lebensmittel, sondern pflegen auch jene Landschaft, die viele als selbstverständlich wahrnehmen. Wiesen, Weiden und Alpen bleiben nicht von selbst offen. Sie werden gemäht, beweidet und erhalten. Diese Arbeit läuft oft nebenbei mit, ist für die Allgemeinheit aber kaum zu überschätzen.
Wer nur auf den Preis im Supermarkt schaue, sehe oft nicht, welche Kosten anderswo entstehen. In anderen Worten: Billige Lebensmittel gibt es nicht.
Die Familie
Walter selbst spricht ohne Pathos über seinen Beruf. Die Arbeit als Landwirt sei schön, sagt er. Diese Art von Familienleben sei unbezahlbar. Wirtschaftlich sei es aber eine andere Frage. Trotzdem möchte er nicht tauschen. Genau darin liegt die Spannung vieler kleiner Höfe. Sie sind Arbeitsplatz, Zuhause, Familiengeschichte und Risiko zugleich. Walter merkt an, ihm sei schon früh klar gewesen, dass er eine Ausbildung machen müsse, bevor er den Hof übernimmt. Liebe zur Landwirtschaft allein reiche nicht.
Was Walter jetzt fordert, ist rasche und unbürokratische Hilfe. Noch wichtiger sei aber langfristige Sicherheit. Bei den aktuellen Hilfen gebe es aus seiner Sicht Kommunikationslücken. Besonders dann, wenn Gelder später wieder über Beiträge oder andere Wege ausgeglichen werden sollen, müsse klar gesagt werden, was tatsächlich bei den Betrieben ankommt.

Dankbarkeit und Hoffnung
Dankbar ist Walter den Älplern. Sie hätten heuer auf den Alpen überall das letzte Futter gesucht. Jeder Tag, den Tiere auf der Alpe verbringen konnten, habe geholfen. Denn wenn oben kein Futter mehr ist und im Tal auch zu wenig wächst, verschärft sich die Lage doppelt.
Am Ende bleibt der Blick auf den Herbst: Auf Regen, der helfen könnte. Auf Unwetter, die neue Schäden bringen könnten. Auf eine Zwischenfrucht, die vielleicht noch wächst. Die Dürre ist nicht vorbei, wenn Regen fällt. Sie zeigt sich im Winter, wenn jeden Tag Futter im Stall liegen muss.