Evangeliumkommentar: Den Blick weiten

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Margit Willi, katholische Religionslehrerin.
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde! Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner. Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein. Weiter sage ich euch: Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Matthäus 18, 15–20 – 6.9.26
Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen – ein nicht unbekannter Satz der Bibel. Ein Satz, der für mich vor allem eines zeigt: Es geht nicht alleine, es braucht immer ein Gegenüber, ein Miteinander. Das heutige Evangelium gipfelt in dieser Erkenntnis, diesem Versprechen, dass Jesus, dass Gott mitten unter den Menschen ist.
Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen – eine Aussage gegen jede Art von Einzelkämpfertum und Ichbezogenheit. In unserer Zeit ist oft das Hemd am eigenen Leib sehr nah, manchmal jedoch zu nah, um noch den Blick auf andere richten zu können. Dann ist oder wäre es wichtig, ein (oder mehrere) Du(s) hinzuzuziehen und gemeinsam ein gutes Ziel zu verfolgen, gemeinsam sich für eine Sache einzusetzen und Verantwortung zu übernehmen.
Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen – eine tiefe Zusage, nicht allein zu sein und auch nicht alles alleine stemmen zu müssen. So gesehen ist dieser Satz eine “Lebensversicherung”, ein roter Faden, ein Wegweiser im manchmal doch unübersichtlichen Dschungel des Lebens.
Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen – ein Aufbruch mit Weitblick, wie er auch in einem meiner Lieblingsgedichte von Giannina Wedde zur Sprache gebracht wird:
Aufbruch ins Leben
Alles Werdende braucht Zeit,
alles Verwundete braucht Güte,
alles Verworrene braucht Sorgfalt
und alles Versprengte wachen Rückzug in die Mitte
Alles Sterbende braucht Abschied,
alles Beginnende Ermutigung,
alles Starre Erschütterung
und alles Verstrickte drängende Sehnsucht nach Freiheit
Alles Menschliche braucht Begegnung,
alles Werden ein Du.
Als Individuum gestärkt, den Blick auf ein Du und die Gemeinschaft wahrend, von Gott begleitet und getragen – mit dieser Zuversicht lässt es sich doch immer wieder neu gut aufbrechen, auch in ein neues Schul- und Arbeitsjahr.
