Der Nordamerikanebel am Sommerhimmel

Am Sommerhimmel steht eine Gas- und Staubwolke, deren Gestalt dem Halbkontinent gleicht.
Der Sternenhimmel ist voll von prächtig anzusehenden Nebeln und Wolken. Mit diesen Bezeichnungen können physikalisch völlig unterschiedliche Objektklassen gemeint sein. Denn ohne größeres Teleskop sehen manche Sternhaufen wie Nebel aus, weil die Sterne so nahe beieinander liegen, dass sie das Auge nicht auflösen kann. Dasselbe gilt für Galaxien, wie dem Andromedanebel, der aus hunderten Milliarden Sternen besteht. Das gilt übrigens auch für unsere Milchstraße, die wir als nebeliges Band, das sich quer über den Himmel zieht, wahrnehmen. Planetarische Nebel sind Gaswolken, die Sterne am Ende ihres Lebens abstoßen und diese umgeben. Sterne können Gaswolken anstrahlen und wir sehen ihr reflektiertes Licht.
Nordamerikanebel
Bei anderen Nebeln regt ein benachbarter, sehr heißer Stern die Gasmoleküle, vorwiegend Wasserstoff und Helium, aber auch Stickstoff und Sauerstoff und andere Gase zum Leuchten an. Einen solchen Prozess können wir im Sternbild Schwan beobachten. Zirka drei Grad östlich des Hauptsterns Deneb liegt eine leuchtende Gaswolke mit einer Ausdehnung 120 mal 100 Bogenminuten (das sind viermal 3,3 Vollmonddurchmesser) in einer Distanz von 2000 bis 3000 Lichtfahren. Die Wolke erstreckt sich über zirka 200 Lichtjahre. Wegen seiner Form erhielt die Struktur die Bezeichnung Nordamerikanebel. Der deutsche Astronom Max Wolf fotografierte den Nebel im Jahre 1890. Es war eine der ersten Astrofotografien. Wolf gab ihm den Namen Amerikanebel. Später setzte sich die Bezeichnung Nordamerikanebel durch. Erstmals beobachtet wurde der Nebel bereits 1787 von William Herschel, der durch seine Uranus-Entdeckung Weltruhm erlangte. Die Gestalt des Nebels ergibt sich aus einer Kombination der leuchtenden Gaswolke mit Staubwolken, sogenannten Dunkelwolken, die das Licht verschlucken. Insbesondere im Gebiet am „Golf von Mexiko“ ergibt sich ein starker Kontrakt der zwischen dem ionisierten Gas und den kühlen Staubwolken der „Küsten“. Die helle Nebellinie an der Westküste nennt man „Great Wall – Große Wand“. Obwohl auch Profiastronomen die Bezeichnung Nordamerikanebel kennen, lautet die Fachbezeichnung NGC 7000. Der New General Catalogue wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Johan Dreyer erstellt und enthält 7840 Einträge von Objekten am Süd- und Nordhimmel. Im Gegensatz zur aktuellen Diskussion um die Bezeichnungen von Regionen und Seen am nordamerikanischen Halbkontinent wurde an den himmlischen Bezeichnungen nie gerüttelt.
Beobachtungen
Die Gase des Nordamerikanebels werden von einem 40.000 Grad heißen Stern ionisiert. Erst im Jahre 2005 konnte der Stern bei einer Infrarotdurchmusterung des Himmels im Inneren einer Staubwolke aufgefunden werden. Derselbe Stern bringt auch den westlich von NGC 7000 liegenden Pelikannebel zum Leuchten. Trotz seiner Helligkeit von sechs Magnituden ist der Nordamerikanebel kaum von freiem Auge zu erkennen, weil sich seine Leuchtkraft auf eine relativ große Fläche verteilt. Astrofotografen verwenden Linienfilter, die genau das Licht durchlassen, in dem der Nebel leuchtet. So gelingen sehr gute Aufnahmen. Das Foto zu diesem Artikel wurde mit einem Smart-Scope mit nur 30 Millimeter Linsendurchmesser angefertigt. Die Belichtungszeit war insgesamt 20 Minuten, wobei viele Bilder rechnerisch addiert wurden und das Bild anschließend kontrastverstärkt wurde. Eine gute Idee ist es auch, den Nebel mit einem lichtstarken Fernglas zu beobachten, weil damit das gesamte, große Gebiet des Nebels gleichzeitig erfasst werden kann.
Robert Seeberger