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Die Römer hatten kein Instagram

11.10.2026 • 08:00 Uhr
Neue Kopfkino Salmhofer Kolumne
NEUE

Oh nein, das hatte ich nicht kommen sehen! Niobe liegt tot im Innenhof ihres Hauses. Ihr Mann kniet neben ihr. Eben noch war sie Ehefrau und Mutter. Jetzt ist sie tot. Drama! Ja, ja, ich schaue gerade die Serie „Rome“. Und zack, passiert es:

Mein Kopfkino beschäftigt sich nicht mehr nur mit Cäsar und Kleopatra. Mich interessieren jetzt die Familien in den wurligen Straßen Roms. Wie lebten sie in einer Welt, die uns brutal erscheint?

Kinder starben. Schätzungsweise die Hälfte erreichte das 15. Lebensjahr nicht. Geburten waren gefährlich, Krankheiten selten ein Anlass, drei Tage mit Pfefferminztee auf dem Sofa zu liegen. Mit dem falschen Freund war man morgens Senator und abends Geschichte. Trotzdem wurde geliebt, gestritten, gelacht, über Nachbarn gelästert und der eine oder andere Phallus kichernd an eine Hauswand gekritzelt. Es wurde gelebt. Obwohl – oder auch weil Tod so nah war.

Eltern wussten: Mein Kind kann sterben. Und wie ertrugen sie so viele Verluste? Hat uns unser Gehirn mit dem Verschwimmen von Erinnerungen einen Schutz gegeben über so viel Tod besser hinweg zu kommen?

Heute tragen wir unsere Verstorbenen in der Hosentasche herum. Ein Wischen, und schon lächelt uns jemand entgegen, den wir nie wieder umarmen können. Wir hören seine Stimme, sehen ihn beim Geburtstag, beim Blödeln, im Urlaub. Ein zufälliges Handyvideo genügt, und ein längst vernarbtes Stück Trauer meldet sich zurück.

Eine gewöhnliche Römerin hatte diese Möglichkeit nicht. Kein Foto vom verstorbenen Kind, kein Video der Mutter, kein letztes Selfie. Es gab Erinnerungsstücke, Erzählungen, manchmal Bildnisse. Aber Gesichter mussten vor allem im Kopf weiterleben. Und dort werden sie mit den Jahren unscharf. Vielleicht ist das kein Fehler unseres Gedächtnisses, sondern Gnade, wenn man mit so viel Verlust umgeben ist. Ich weiß es nicht.

Bilder helfen uns wohl ebenso oft, wie sie schmerzen. Wir brauchen beides: Festhalten und Loslassen. Nur entscheiden heute manchmal Algorithmen, wann wir wieder festhalten sollen. „Deine Erinnerungen von vor sieben Jahren“, verkündet das Telefon fröhlich.

Und dann denke ich an diese Römerin, die keinen Schnappschuss besaß und dennoch ein Leben voller Menschen in sich trug und ihr Leben meisterte. Vielleicht haben wir uns etwas stehlen lassen: selbst zu bestimmen, wann wir die Vergangenheit besuchen. Die Kiste unter dem Bett hervorzuholen, bewusst durch unsere eigene Geschichte zu spazieren, den Verstorbenen zu begegnen und zu sagen: Danke, dass ihr da wart.